Übergewicht und insbesondere überschüssiges Bauchfett stellen ein ernstes Problem in der naturheilkundlichen Praxis dar, denn zahlreiche sogenannte Zivilisationskrankheiten sind mit dem Übergewicht und Bauchfett assoziiert. Ein Umstellen auf eine gesunde Ernährung wäre wichtig. Aber jeder kennt die Patienten, die versichern, dass sie wenig essen, auf Süßes verzichten und trotzdem nicht abnehmen. Liegt es am Stoffwechsel, an den Genen? Können übergewichtige Patienten womöglich gar nicht abnehmen?

Die Ärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren Dr. med. Petra Bracht hat mehrere Bestseller zum Thema gesunde Ernährung, Intervallfasten und Abnehmen geschrieben. Sie hat nicht nur wissenschaftlich fundiertes Wissen zum Thema Abnehmen und Ernährung, sondern auch über Jahrzehnte praktische Erfahrung in ihrer Praxis in Bad Homburg gesammelt. Sie sagt, dass Hungern keine Lösung ist und der Kampf gegen die Pfunde gewonnen werden kann. Wie das funktioniert, verrät sie im folgenden Gespräch.

Frau Dr. Bracht, in Ihrem neuen Buch „Abnehmen garantiert“ schreiben Sie, dass der Kampf gegen Übergewicht ein Kampf gegen unsere Biologie sei. Was meinen Sie damit?

Rein von der Biologie her gesehen, ist unsere primäre Aufgabe, die Existenz unserer Spezies zu sichern. Und deshalb ist es auch in uns eingebaut, dass immer dann, wenn wir etwas zu essen sehen, wir natürlich auch essen wollen. Nur passt der heutige Lebensstil nicht mehr dazu. Wir bewegen uns viel weniger als früher und vor allen Dingen sind die Versuchungen unglaublich stark geworden. Wir bekommen überall und zu jeder Zeit Essen. Und das führt einfach dazu, dass wir viel zu viel an Nahrung aufnehmen. Und dann ist noch in uns eingebaut, dass wir nach Üppigem, Fettem und Süßem greifen – damit wir unsere Existenz im Fall einer Hungersnot sichern.

Die Lebensmittelindustrie weiß um diese Zusammenhänge. Es gibt einfach viele ungesunde hochkalorische Nahrungsmittel, die wir gerne essen wollen, um für den Notfall Reserven zu haben – aber es gibt bei uns gar keine Notfälle mehr.

Spielen die Genetik bzw. Epigenetik beim Übergewicht eine große Rolle und wenn ja, ist man dann den Genen ausgeliefert?

Natürlich spielt die Genetik eine Rolle, aber Gott sei Dank auch nur eine untergeordnete. Wir wissen, dass die Epigenetik eigentlich die Hauptaufgabe in unserem Leben übernommen hat. Epigenetik heißt, dass wir alles, was wir an genetischer Disposition haben, modellieren können. Wir haben zwischen 80 und 90 Prozent in der eigenen Hand. Wir haben also eine genetische Disposition. Aber je nachdem, wie wir leben, können wir diese Disposition zum Erwachen bringen oder auch nicht. Und das Problem beim Übergewicht ist derzeit, dass wir ganz oft in der epigenetischen Verantwortung „schlechte“ Schalter drücken: Wir essen einfach zu viel und zu viel Schlechtes, haben zu viel Stress und bewegen uns zu wenig. Je nach dem, wie wir leben, aktivieren wir einen Schalter, der sagt „dick werden“ oder „dünn werden“.

Sie propagieren eine dauerhafte Ernährungsumstellung im Gegensatz zu einseitigen Diäten. Warum und wie sieht so eine Ernährungsumstellung aus?

Diäten, so wie sie heute bei uns verstanden werden, haben immer etwas mit Verboten zu tun. Und Verbote fordern uns Menschen geradezu auf, sie zu brechen. Dazu kommt: Diäten stehen immer in Verbindung mit Einseitigkeiten. Ich erinnere mich gerade an diese Kohlsuppen-Diät. Aber wir Menschen brauchen die Geschmacksvielfalt. Wir brauchen Süßes, Saures, Herzhaftes, Salziges, auch Bitteres und wir brauchen auch ab und zu Fettiges. Wir brauchen auch unterschiedliche Gerüche und unterschiedliche Konsistenzen.

Ich selbst bin Veganerin, aber ich habe auch gar nichts dagegen, wenn jemand vielleicht einmal die Woche Tierisches isst. Das ist nicht die Frage, aber die Basis muss stimmen. Und die Basis sollte eine vollwertige, pflanzliche Ernährungsform sein. Wenn man dauerhafte Gewichtsreduzierung hin zum Wunschgewicht haben will, dann empfehle ich eine vollwertige pflanzliche Kost plus Intervallfasten.

Kurze Zwischenfrage: Manche Altersforscher sagen, dass im Alter ein größerer Anteil an tierischen Eiweißen vertretbar sei. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Das sehe ich nicht so. Wir brauchen keine tierischen Proteine; pflanzliche Proteine sind genauso gut. Was wir aber brauchen, ist, dass Menschen in die Bewegung kommen. Ich glaube, wenn man in Altersheimen Laufbänder hinstellen würde, da würde sich viel tun.

Wenn Menschen bei guter Gesundheit sind, dann ist eine Ernährungsweise mit 90 bis 95 Prozent pflanzlicher Kost okay. Dann ab und zu mal was aus dem Tierreich, das ist in Ordnung. Aber wenn jemand zu mir kommt und wirklich krank ist, dann bin ich absolut hinterher, dass dieser Mensch sich hundertprozentig pflanzlich ernährt. Ich habe einfach so oft gesehen, welche unglaubliche Kraft eine pflanzliche Ernährung hat.

Sie empfehlen, dass man sich immer satt essen soll – natürlich mit den richtigen, vor allem pflanzlichen, Nahrungsmitteln. Heißt das, dass die aufgenommenen Kalorien keine Rolle spielen?

Wenn Sie jeden Tag einfach 500 Kalorien oder allein nur 300 Kalorien mehr zu sich nehmen, als Sie verbrauchen, dann haben Sie einfach am Ende des Monats ein Kilo mehr auf der Waage. Aber, entscheidend ist die Nahrungsmittelauswahl. Zum Beispiel: Eine Kalorie aus einem tierischen Lebensmittel wird tatsächlich auch aufgenommen. Wenn wir jetzt aber pflanzliche Nahrung zu uns nehmen, dann ist das schwieriger. Pflanzen haben Zellwände und die können wir nicht so gut aufspalten.

Was die Sättigung betrifft, noch ein Tipp: Vor dem Essen Wasser trinken, dann erst noch eine Suppe essen. Das füllt den Magen, dann noch Salat; dann geht vor dem Hauptgericht schon fast die Meldung ans Gehirn: „Hey, dein Magen ist voll, hör jetzt auf zu essen.“ Süßes dagegen macht kaum ein Sättigungsgefühl – ein Dessert geht immer noch.

Dazu kommt, dass beim Intervallfasten der Körper ja noch zusätzlich recyceln kann. Das heißt, er kann abgelagerte, verbrauchte Proteine in einzelne Aminosäuren spalten und dann wiederverwerten.

Das Intervallfasten ist zurzeit sehr populär. Können Sie das Intervallfasten noch etwas genauer beschreiben?

Dem Körper 16 Stunden lang einfach Ruhe geben und während der verbleibenden acht Stunden zwei oder drei Mahlzeiten zu sich nehmen und zwar vollwertig, pflanzlich und noch mit einem hohen Rohkost-Anteil – das ist die Idee. Ich selbst praktiziere das Intervallfasten schon seit über 30 Jahren, da gab es den Begriff noch gar nicht (lacht). Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mit meinen Patienten gelernt und geforscht. Aber was ich da gesehen habe, das war so mächtig, dass ich mich tatsächlich auf Ernährungsmedizin spezialisiert habe. Zu Beginn war es nicht einfach, weil ich immer gegen den Strom geschwommen bin und ich war immer irgendwie das schwarze Schaf unter der Ärzteschaft.

Mit Intervallfasten ist man plötzlich in der Lage, auch wieder den Fettstoffwechsel anzukurbeln. Es ist auch ein Grund, warum diese ganzen Diäten nicht greifen. Durch diese einseitige Ernährung kommt man nicht zurück in den Fettstoffwechsel, der einmal am Tag auch richtig aktiviert werden muss. Nur Energie aus dem Fettstoffwechsel zu regenerieren – wie das bei Low-Carb-Ernährung der Fall ist –, ist aber für den Körper eine unglaubliche Kraftanstrengung und deshalb warne ich vor einer dauerhaften Low-Carb-Ernährung.

Nochmal konkret zum Intervallfasten: Wir wissen, dass es besser ist, nicht unbedingt das Frühstück ausfallen zu lassen, weil die Chronobiologie auch mit reinspielt. Aber man muss einfach abwägen. Das Intervallfasten hat so viele positive Aspekte und Auswirkungen, dass die Chronobiologie zweitrangig wird. Wenn jemand es schafft, zum Beispiel zu sagen, ich frühstücke morgens um 10 Uhr und ich höre dafür dann einfach abends um 16 oder 18 Uhr schon auf zu essen. Das wäre perfekt. Übrigens, Essstörungen wären eine klare Kontraindikation für das Intervallfasten.

Ein erhöhter Anteil von Firmicutes zu Bacteroidetes im Mikrobiom begünstigt Übergewicht. Untersuchen Sie das Darmmikrobiom bei Ihren Abnehm-Patienten und welche Rolle spielt das Mikrobiom in Ihrer Therapie?

Wir wissen: Je weniger Diversität an Darmbakterien wir haben, umso schlechter ist unsere Darmgesundheit, umso schlechter ist unser Immunsystem, umso schlechter ist unsere gesamte Gesundheit. Das heißt, Artenvielfalt ist einfach ganz wichtig. Wir haben immer gedacht, um eine Darmsanierung durchzuführen, brauchen wir ungefähr ein Jahr. Heute wissen wir, wenn sich ein Mensch entscheidet, für seine Gesundheit einzustehen und jetzt gesund werden will und die Ernährung verändert, dann spiegelt sich das schon morgen im Mikrobiom des Darmes wider.

Ja, wir untersuchen das Mikrobiom unserer Patienten, und ja, sie haben im Verhältnis zu wenig Bacteroides. Aber nicht nur das, meist ist die ganze Artenvielfalt reduziert. Und um die Artenvielfalt zu erhöhen, braucht der Mensch Ballaststoffe. Deswegen sollen die Leute endlich anfangen, wieder Hülsenfrüchte zu essen. Die wesentlichen Bestandteile in der pflanzlichen Ernährung sind nun einmal die sekundären Pflanzenstoffe und es sind die Ballaststoffe – und die findet man in keinen Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs.

Ich untersuche gern das Mikrobiom meiner Patienten. Es hat den Vorteil, man kann den Patienten was zeigen und darüber reden. Es motiviert auch, wenn man bei einer Kontrolluntersuchung nach drei Monaten Erfolge sieht. Und die Erfolge kommen, denn nur etwa fünf Prozent der Darmbakterien sind ererbt, den Rest können wir durch unsere Lebensweise verändern.

Welche Rolle spielen Nahrungsergänzungsmittel in Ihrer Praxis?

Nahrungsergänzungsmittel spielen in meiner Praxis eine große Rolle. Am Anfang habe ich mich dagegen gewehrt. Ich dachte, das kann doch nicht sein. Eigentlich ist doch die Natur so vollkommen und dann soll ich jetzt auch noch Pillen mit Mikronährstoffen verordnen? Wenn wir keinen Stress hätten und immer regional und saisonal alles anbauen könnten usw., dann bräuchte man auch keine Nahrungsergänzung. Wir leiden alle an Defiziten – auch die, die versuchen, sich gesund zu ernähren.

Bei den Mineralien müssen vor allem Magnesium und Kalium substituiert werden, viel weniger das Kalzium. Es gibt so gut wie keine Kalzium-Defizite. Das finde ich spannend in Hinsicht auf das Thema „Milch“. Bei den Spurenelementen müssen wir uns unbedingt immer Selen anschauen. Meine Patienten bekommen immer eine Basisversorgung, wo alle wichtigen Nährstoffe drin sind, und zusätzlich auf jeden Fall Selen. Und dann Jod, Jod ist ein großes Thema. Funktioniert die Schilddrüse nicht, dann funktioniert der gesamte Stoffwechsel nicht. Ich empfehle Bio-Kelp – Kelp ist eine Braunalge. Bei den Vitaminen empfehle ich Vitamin B2, B6 und B12. Ungefähr ein Drittel der Menschen, die tierische Nahrung essen, haben trotzdem B12-Mangel. Wenn sie sich müde und abgeschlagen fühlen, sollte man auf jeden Fall den Holotranscobalamin-Status – das ist die aktive Form des B12 –, untersuchen lassen. Auch Folsäure und Vitamin K sind häufig defizitäre Vitamine. Eine Mangelgeschichte ist meist auch Coenzym Q10.

Und zuletzt möchte ich Vitamin D erwähnen. Ich habe gestern einen Vortrag bei Therapeuten gehalten, auch dort haben ganz viele immer noch nicht verstanden, dass sie Vitamin D substituieren müssen. Auf jeden Fall bekommen meine Patienten auch während des Sommers Vitamin D.

Wenn Patienten am Abnehmen scheitern, woran liegt es Ihrer Erfahrung nach am häufigsten?

Also ich denke, wichtig ist, sich endlich nicht schuldig zu fühlen, sich endlich nicht schwach zu fühlen, sich endlich nicht als Versager zu fühlen. Das ist eine Grundvoraussetzung, um bereit zu sein, tatsächlich am Lebensstil etwas zu ändern. Und wenn die Menschen das tun, dann werden sie garantiert abnehmen und sie werden garantiert diesem Übergewicht endlich die Stirn bieten können.

Wer aber glaubt, das mit Diäten zu schaffen, der wird immer scheitern. Und das sehen wir doch auch. Und deswegen kann ich einfach nur sagen: Menschen sind nicht per se schuld daran, dass sie in solch eine Übergewichtspirale gekommen sind. Sie müssen wissen, was sie tun können – nicht nur abzunehmen, sondern auch noch gesund dabei zu werden. Ja, dann glaube ich, müsste es eigentlich jeder kapieren und dann auch umsetzen und zwar mit Erfolg.

Ganz herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Frau Dr. Bracht.

Das Gespräch führte Andreas Beutel.

Gräfe Unzer Verlag

Abnehmen garantiert – In 5 Schritten zum gesunden dauerhaften Wunschgewicht

176 Seiten, 4. Auflage 2021, Gräfe und Unzer, ISBN 978-3-8338-7663-9

Surftipp

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