Aus der Perspektive der westlichen Medizin übernimmt die Lunge die lebenswichtige Aufgabe, den mit der Einatmung aufgenommenen Sauerstoff ans Blut abzugeben und im Gegenzug das Kohlendioxid aus dem Blutkreislauf aufzunehmen und mit der Ausatmung zu eliminieren. Diese Details waren den chinesischen Ärzten vor 2 000 Jahren ebenso wenig bekannt wie ihren damaligen Kollegen hierzulande. Doch schon in den klassischen Texten wird beschrieben, dass die Lunge bei der Aufnahme und Verteilung von Qi eine wichtige Rolle spielt. Ebenso nimmt sie eine zentrale Stellung beim „Loslassen“ von allem ein, was der Körper nicht mehr benötigt. Zum Loslassen gehört neben dem Ausatmen von Kohlendioxid auch das Abschiednehmen, weshalb die Trauer in der TCM die der Lunge zugeordnete Emotion ist.

Im alten China hatte man darüber hinaus beobachtet, dass man über die Atmung den Herzrhythmus regulieren kann, weshalb man annahm, dass die Lunge den Rhythmus im gesamten Organismus reguliert und harmonisiert. Damals stellte man sich vor, dass die Lunge wie ein Baldachin über den inneren Organen thront, der von unten aus dem Organsystem aufsteigende Flüssigkeiten sammelt. Von dort soll die Lunge den überlieferten Vorstellungen zu Folge das Befeuchtende und Nährende gemeinsam mit dem Qi im gesamten Körper verteilen und absenken.

Die Lunge – das empfindliche Organ

Die Lunge wurde als empfindliches Organ eingestuft, das anfällig ist für pathogene Faktoren, die von außen eindringen. Kälte und Hitze können ihr ebenso schaden wie Feuchtigkeit, Schleim und Trockenheit. Gemeinsam mit dem Abwehr-Qi, dem den Nieren zugeordneten Weiqi, schützt das der Lunge zugeschriebene Zhong-Qi die Körperoberfläche, indem es die Poren öffnet und schließt. So können einerseits beim Schwitzen Körperflüssigkeiten abgegeben werden und andererseits das Eindringen pathogener Faktoren verhindert werden.

Wind kann die Oberfläche jedoch öffnen, sodass Kälte in den Organismus eindringen kann. Dies zeigt sich dann in der Regel durch Frösteln, Gliederschmerzen und Schnupfen. Der Schleim ist klar und eher dünnflüssig. Die Betroffenen haben keinen Durst, schwitzen nicht und sind in der Regel blass. Ihre Zunge ist ebenfalls blass und hat einen weißen Belag. Ihr Puls ist tief und langsam. In unserem Sprachgebrauch haben sich die Betroffenen erkältet.

Anders manifestiert sich das Krankheitsbild bei Wind-Hitze. Dann ist der Puls oberflächlich und schnell, die Zunge rot mit gelbem Belag. Die Patienten haben großen Durst, schwitzen stark und leiden beispielsweise unter Halsschmerzen und Fieber. Bildet sich heißer Schleim, so ist dieser gelb und zäh.

Qi- und Yin-Leere der Lunge

Neben Erkrankungen, die durch äußere pathogene Faktoren verursacht werden, können auch Syndrome der Leere auftreten. Hinweise auf eine Lungen-Qi-Leere können neben Blässe, einer schwachen Stimme oder Kurzatmigkeit, die sich bei Müdigkeit und Erschöpfung noch verschlechtern, auch eine Infektanfälligkeit oder Schweißausbrüche bei geringer körperlicher Belastung sein.

Bei einer Lungen-Yin-Leere leiden die Betroffenen ebenfalls unter Kurzatmigkeit, Husten oder Schweißausbrüchen, doch treten letztere vornehmlich am Nachmittag und in der Nacht auf. Ferner geht die Lungen-Yin-Leere mit trockenen, rauen Schleimhäuten, Reizhusten oder trockener Haut einher. Das Sputum ist zäh und die rotwangigen Patienten haben vor allem nachmittags und abends viel Durst. Ihre Handflächen, Fußsohlen und ihr Brustkorb können subjektiv als warm empfunden werden.

Europäische Lungen-Qi-Tonika

Menschen, die viel sprechen, mit eingefallenen Schultern einer sitzenden Tätigkeit nachgehen oder länger trauern, sind anfällig für eine Schwäche des Lungen-Qis. Sie können von Lungen-Qi-Tonika profitieren. Ein Qi-Tonikum hat nach dem Verständnis der chinesischen Medizin einen süßen Geschmack. Viele der traditionellen europäischen Tonika schmecken darüber hinaus leicht bitter. Inhaltsstoffe, die das Qi tonisieren, sind Fette, Aminosäuren, Proteine, Polysaccharide, ätherische Öle, Bitterstoffe, Mineralstoffe und Vitamine. Zu den Lungen-Qi-Tonika werden beispielsweise Alant (Helenii rhizoma), Süßholz (Glycyrrhizae radix), Thymian (Thymi herba) und Ysop (Hyssopi herba) gerechnet.

Süßholz (Glycyrrhizae radix)Sabine Ritter
Süßholz (Glycyrrhizae radix)
Thymian (Thymi herba)Sabine Ritter
Thymian (Thymi herba)

Der Alant gehört zu den Korbblütlern (Asteraceae) und wird in verschiedenen traditionellen Medizinsystemen unter anderem zur Behandlung von Atemwegserkrankungen genutzt. In klassischen chinesischen Rezepturen werden die schleimlösend wirkenden Blüten der Inula japonica verwendet, während hierzulande das Rhizom der Inula helenii zum Einsatz kommt. Die Wurzel lindert Kurzatmigkeit, Schwitzen und Infektanfälligkeit bei Schwächezuständen. Aufgrund ihres Gehalts an Inulin und ihres leicht süßen Geschmacks erfüllt sie die Anforderungen eines Tonikums. Allerdings können bei der Anwendung allergische Reaktionen auftreten, was den Einsatz von Alant ausschließt (1-4).

Wissenschaftliche Untersuchungen konnten zeigen, dass die in der Pflanze enthaltenen Alantolactone in der Lage sind, den Zustrom von Neutrophilen zu unterdrücken, indem sie die Ausschüttung von IL-8, TNF-α und IL-1β hemmen. Damit erklärt man sich die entzündungshemmende Wirkung des Wurzelstocks. Darüber hinaus wirkt er antimikrobiell und spasmolytisch (5).

Die nach ihrem Geschmack benannte Süßholzwurzel (Glycyrrhiza glabra) tonisiert zwar vor allem das Lungen-Yin, doch auch das Lungen-Qi kann von ihrem Einsatz profitieren. Neben einer positiven Wirkung auf trockenen Reizhusten und gereizte Schleimhäute lindert sie Müdigkeit, Erschöpfung und Spontanschweiß. Ferner trägt sie zum Erweichen von Schleim bei und kühlt Hitze, sodass sie ebenso bei Laryngitis, Pharyngitis oder Bronchitis zum Einsatz kommen kann. Die Süßholzwurzel wird mit chinesischen Kräutern ebenso häufig kombiniert wie mit westlichen Arzneipflanzen, da sie einen harmonisierenden Effekt auf Kräutermischungen hat. Ihr süßer Geschmack wird ihrem Gehalt an Glycyrrhizin zugeschrieben, das die Aktivität der Nebennierenrinde und damit die körpereigene Cortisolbildung stimuliert. Auf diese Weise wirkt Süßholz antiinflammatorisch (1-4).

Obwohl der Thymian (Thymus vulgaris) nicht süß, sondern aromatisch-bitter und scharf schmeckt, wird er den Lungen-Qi-Tonika zugerechnet, da er sich unter anderem bei Atemnot, Infektanfälligkeit und Müdigkeit bewährt hat. Er wärmt das Lungen-Qi bei Kälte, aktiviert das Weiqi zu Beginn eines Infekts und öffnet die Oberfläche, sodass ein pathogener Faktor über das Schwitzen zeitnah wieder eliminiert werden kann. Hierzu sollte man den Thymian mit Kräutern kombinieren, die die Oberfläche öffnen, wie den Lindenblüten (Tiliae flos) oder den Holunderblüten (Sambuci flos). Bei Wind-Kälte hat sich ferner der Zusatz von frischem Ingwer (Zingiberis rhizoma recens) bewährt. Gleichzeitig wirkt Thymian krampflösend in den Atemwegen und senkt so das Lungen-Qi ab. Zusätzlich eliminiert er kalten Schleim. Bei heißem, gelbem Schleim, roter Zunge oder roter Zungenspitze sowie bei Yin-Leere sollte der wärmende und trocknende Thymian nicht verwendet werden (1-4).

Auch der Ysop (Hyssopus officinalis) wird als Lungen-Qi-Tonikum eingesetzt, obwohl er aromatisch, bitter und scharf, aber nicht süß schmeckt und somit die Kriterien für ein Tonikum nicht komplett erfüllt. Dennoch lindert er Spontanschweiß bei körperlicher Anstrengung und kräftigt die Stimme. Ferner transformiert und eliminiert die expektorierend wirkende Heilpflanze Schleim aus den Atemwegen (1-4).

Kräuter, die das Lungen-Yin nähren

Neben dem bereits erwähnten Süßholz nähren der Eibisch (Althaeae radix), die Königskerze (Verbasci flos) und die Malve (Malvae flos) das Lungen-Yin. Yin-Tonika können wie die Qi-Tonika einen süßen Geschmack haben, aber auch der salzige Geschmack kann auf eine das Yin stärkende Wirkung hindeuten. Fette, Proteine und Aminosäuren, Polysaccharide einschließlich Schleimstoffe und Mineralstoffe nähren das Yin.

Eibisch (Althaeae radix)Sabine Ritter
Eibisch (Althaeae radix)

Die Wurzel des süß schmeckenden Eibischs (Althaea officinalis) erfüllt mit ihrem Gehalt an Stärke, Mucopolysacchariden, Aminosäuren und Mineralstoffen die Kriterien für ein Yin-Tonikum. Sie befeuchtet die Schleimhäute und wirkt daher sowohl reizlindernd als auch erweichend auf zähen Schleim. Neben dieser mukolytischen Eigenschaft wirkt Eibisch auch antiinflammatorisch. Trockenheit in Mund, Rachen und Atemwegen mit Reizhusten und zähem Sputum gehören zu seinen möglichen Indikationen. Da er Hitze kühlt, kann er auch bei Wind-Hitze mit Laryngitis, Pharyngitis oder Bronchitis verwendet werden (1-4).

Die mit dem Eibisch verwandte, leicht süß schmeckende Malve (Malva sylvestris) enthält in ihren Blüten ebenfalls Schleimstoffe und andere Polysaccharide. Als Lungen-Yin-Tonikum wirkt sie reizlindernd auf die Schleimhäute und kühlt Hitze. Daher kann sie wie der Eibisch bei trockenem Mund, trockenem Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen oder Bronchitis zum Einsatz kommen (1-4).

Auch die Blüten der Königskerze (Verbascum densiflorum) schmecken leicht süß und enthalten Schleimstoffe. Sie haben ein ähnliches Anwendungsgebiet wie Eibisch und Malve. Zusätzlich lindern sie Nachtschweiß und Neuralgien (1-4).

Das Lungen-Qi absenken und Schleim eliminieren

Husten und Ansammlungen von Schleim in den Atemwegen sind auch nach westlichem Verständnis ein Hinweis darauf, dass eine Atemwegserkrankung vorliegt. Um Schleim aufzulösen, zu transformieren und zu eliminieren, werden schleimhaltige Arzneidrogen mit Mukolytika kombiniert. Schleimdrogen erweichen dabei den Schleim in den Atemwegen, sodass dieser leichter abgehustet werden kann, während die ätherischen Öle diesen zerteilen und die enthaltenen Erreger beseitigen.

Die süßen, aromatischen, leicht scharfen Früchte des Anis (Pimpinella anisum) enthalten neben ätherischen und fetten Ölen auch Polysaccharide und Proteine. Dennoch eignen sie sich aufgrund ihres scharfen Geschmacks nicht so gut als Lungen-Qi-Tonikum. Sie senken jedoch das Lungen-Qi ab und eliminieren dank ihrer ätherischen Öle Schleim aus den Atemwegen. Tonisierend wirken sie bei Müdigkeit, Erschöpfung und in der Rekonvaleszenz vor allem bei einer Leere von Milz- und Magen-Qi, die sich unter anderem in Form von Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden mit breiigen Stühlen darstellen (1-4).

Die expektorierend wirkenden Efeublätter (Hederae folium) zerteilen Schleim mit dem scharfen Geschmack ihrer ätherischen Öle und ihren Saponinen. Gleichzeitig kühlen sie mit ihrem bitteren Geschmack Hitze. Sie sind bei heißem Schleim und Wind-Hitze indiziert. Zusätzlich senken sie das Lungen-Qi ab, was sich an ihren spasmolytischen und antitussiven Effekten erkennen lässt (1-4).

Ebenso senken Huflattichblätter (Farfarae folium) das Lungen-Qi ab. Sie enthalten Schleimstoffe, die das Lungen-Yin nähren und reizlindernd wirken, sowie antiinflammatorisch wirkende Gerbstoffe und ätherische Öle, die Schleim zerteilen. Mit ihrem bitteren Geschmack kühlen sie Hitze. Leider enthalten sie auch Pyrrolizidinalkaloide, sodass Erwachsene bei Husten nur zweimal im Jahr Huflattich anwenden sollten (1-4).

Darüber hinaus kühlt der bitter und süß schmeckende Spitzwegerich (Plantaginis lanceolatae folium) Hitze. Er wirkt dank seiner Schleimstoffe reizlindernd. Mit seinen Gerbstoffen und Iridoglykosiden enthält er zudem antiinflammatorisch und antimikrobiell wirksame Stoffe, die sich bei heißem Schleim bewährt haben. Mit ähnlichen Inhaltsstoffen und einem ebenfalls leicht bitteren Geschmack eignet sich schließlich der Vogelknöterich (Polygonii avicularae herba) bei heißem Schleim in den Atemwegen (1-4).

Die Tabelle fasst die Wirkungen der Kräuter noch einmal zusammen.

Qi-Tonikum

Yin-Tonikum

Lungen-Qi absenkend

Schleim eliminierend

Alant

+

+

+

Anis

+

+

Efeu

+

+

Eibisch

+

+

Huflattich

+

+

+

Königskerze

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Malve

+

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Spitzwegerich

+

+

Süßholz

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+

+

Thymian

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+

+

Vogelknöterich

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+

Ysop

+

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Literatur

  1. Birgit Bader, Ute Henrich: Westliche Kräuter in der chinesischen Medizin, Kulmbach 2019
  2. Helmut Magel, Wolfgang Prinz, Sibylle van Luijk: 180 westliche Kräuter in der Chinesischen Medizin. Stuttgart 2012
  3. Rita Traversier, Kurt Staudinger, Sieglinde Friedrich: TCM mit westlichen Pflanzen. Stuttgart 2012
  4. Rita Traversier: Westliche Pflanzen und ihre Wirkungen in der TCM. Stuttgart 2014
  5. Gierlikowska B, Gierlikowski W, Bekier K et al.: Inula helenium and Grindelia squarrosa as a source of compounds with anti-inflammatory activity in human neutrophils and cultured human respiratory epithelium. J Ethnopharmacol. 2020 Mar 1;249:112311. doi: 10.1016/j.jep.2019.112311.