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Naturheilpraxis 05/2022

Was die Naturheilkunde bei Hämorrhoiden leisten kann

Hämorrhoiden sind weit verbreitet, doch nur wenige Betroffene trauen sich zum Therapeuten, zu groß ist die Scham. Doch Vorsicht: Die Erkrankung schreitet unbehandelt voran und kann im fortgeschrittenen Stadium nur noch operativ geheilt werden. Dies kann durch eine frühzeitige komplementärmedizinische Behandlung vermieden werden. In diesem Fachbeitrag klären wir über das Hämorrhoidalleiden auf, beleuchten Ursachen, Vorkommen, Prävention und Therapieansätze.

Ein Beitrag von Abbas und Kian Schirmohammadi
Lesezeit: ca. 9 Minuten
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Der Hämorrhoidalplexus ist ein schwammartiges Gefäßpolster, das unter der Schleimhaut des Mastdarmendes liegt und zwischen Analkanal und Mastdarm endet. Versorgt wird es über die Arteria rectalis superior. Die Hämorrhoidalknoten (Hämorrhoiden) entwickeln sich in der Pubertät. Ein Erwachsener hat drei Hämorrhoidalhaupt- und vier -nebenknoten, alles von Mutter Natur so gewollt. Meist kommt es ab dem 35. Lebensjahr zu pathologischen Veränderungen dieses Schwellkörpers. Obwohl Hämorrhoidalleiden eine lange Geschichte vorweisen, wurde der Hämorrhoidalplexus erst Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt (1). Seine venösen Abflüsse verschließen den Analkanal von innen, indem die Hämorrhoidalknoten sternförmig ineinandergreifen (2). So ist die Feinabdichtung des Anus möglich und die Fähigkeit gesichert, Stuhlgang zurückhalten bzw. willentlich auszulösen.

Die Schließmuskeln des Afters sind zwar stark, doch nicht in der Lage, allein den Analkanal zu verschließen. Dazu bedarf es des Musculus canalis ani und des Corpus cavernosum recti (3). Wenn in der Ampulla recti des Mastdarms genügend Kot vorhanden ist, geht ein Impuls von den Nervenenden des Rektums an das Gehirn. Das Bedürfnis des Stuhlgangs stellt sich ein. Der innere Schließmuskel erschlafft, aus dem Hämorrhoidalplexus fließt das Blut ab, der Verschluss öffnet sich, der Kot kann ausgeschieden werden.

Jeder kann betroffen sein

Nach der Definition der Deutschen Gesellschaft für Koloproktologie liegt erst dann ein Hämorrhoidalleiden vor, wenn eine Vergrößerung des Corpus cavernosum recti nachgewiesen ist und die Hämorrhoiden Beschwerden verursachen (4).

Hämorrhoidalleiden entwickeln sich in geschlechtergleichem Verhältnis meist zwischen dem 45. und 65. Lebensjahr (5). In Deutschland werden jährlich über 4 Millionen Patienten mit Hämorrhoidalleiden behandelt, 60.000 davon operiert. Die Dunkelziffer Betroffener liegt um einiges höher. Es wird vermutet, dass jeder zweite 55-jährige Deutsche betroffen ist. Expertenmeinungen zufolge erfahren 70 bis 80 % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens hämorrhoidale Komplikationen (5). Doch warum gehen viele Betroffene nicht zum Therapeuten? Aufgrund des Schamgefühls! Sie sitzen das Problem aus, bis der Leidensdruck unerträglich wird. Derweil versuchen sie, mit Selbstbehandlung eine Besserung zu erzielen. Oft orientieren sie sich an laienhaften Ausführungen im Internet oder Empfehlungen aus dem engsten Freundeskreis.

Entstehung und Ursachen

Hämorrhoiden sind die Folge eines Zerfalls muskulärer und elastischer Komponenten. Daraus ergibt sich eine krankhafte Verlagerung und Vergrößerung des Corpus cavernosum recti in Richtung Anus. Beim Stuhlgang kann dies zu Schäden an den Gefäßwänden sowie Durchblutungsstörungen im Gefäßplexus führen. Durch die nicht mehr passende mechanische Beanspruchung kommt es oft zu Blutungen arterieller Gefäße an der Plexusoberfläche.

Warum es zur Vergrößerung und einem Hämorrhoidalplexusvorfall kommt, ist noch nicht wissenschaftlich gesichert. Zahlreiche Auslöser werden diskutiert. Am wahrscheinlichsten sind fehlerhafte Ernährung, gestörtes Defäkationsverhalten, Mastdarm und After betreffende Funktionsstörungen, familiäre Veranlagungen sowie Drucksteigerung im Bauch (4).

Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter, denn die elastischen Fasern im Beckenbereich werden abgebaut, das Gewebe verliert Spannkraft, die Gefäße dehnen sich und bluten bei Verletzung leichter. Auch Störungen der rektalen Funktionen begünstigen Hämorrhoiden. Wenn sich der Verschlussmuskel nicht entspannt, fließt zu wenig Blut aus den Hämorrhoiden ab und verändert den Ausfluss. Der Stuhl fängt an zu reiben und nimmt einen Teil des Gewebes mit. Menschen mit Bindegewebsschwäche sind besonders gefährdet, ebenso Frauen bei Schwangerschaft und Geburt. Zu viel Sitzen und zu wenig Bewegung können das Risiko signifikant erhöhen. Dasselbe gilt für regelmäßige schwere körperliche Arbeit oder Bodybuilding. Übergewicht kann einen Stau in den Analvenen begünstigen.

Kernsymptome

Zu den Hauptsymptomen gehören anale Blutungen, anales Nässen, Juckreiz der perianalen Haut, Stuhlschmieren und analer Gewebeprolaps. Schmerzen treten selten auf; es kommt zu keiner gravierenden Einschränkung der Lebensqualität. Sexuell müssen eventuell Abstriche gemacht werden. Die krankhafte Vergrößerung der Hämorrhoiden kann in vier Phasen eingeteilt werden (6):

  • 1. Grad: Die Hämorrhoiden sind von außen nicht sichtbar. Die Knoten, die noch reversibel sind, wölben sich leicht innerhalb des Darmrohres vor. Leitsymptom sind schmerzlose hellrote Blutungen.
  • 2. Grad: Die mittlerweile schon größeren Knoten fallen während des Pressvorgangs in den Analkanal vor. Dort ziehen sie sich nach kurzer Zeit wieder zurück. Die Hämorrhoiden haben ihre Rückbildungsfähigkeit verloren. Durch das regelmäßige Vorfallen kommt es zur gestörten Feinkontinenz und erhöhten Schleimsekretion. Analekzeme lassen es jucken. Analfissuren sind möglich.
  • 3. Grad: Die weiter gewachsenen Knoten fallen nun schon öfter auch einfach so vor und ziehen sich nicht mehr automatisch zurück. Hineinschieben ist möglich. Es kommt zu heftigen Einklemmungen und Blutungen.
  • 4. Grad: Analprolaps. Reposition ist nicht mehr möglich. Ein dumpfes Druckgefühl im Analkanal wird zum Begleiter. Die vergrößerten Hämorrhoidalknoten üben Druck auf die Rektumwand aus und führen im Analkanal zu Obstruktionen und Stuhlschmieren. Thrombosebildung im Hämorrhoidalpolster kann auftreten.

Therapie

Zur Behandlung gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Der Allgemeinzustand des Patienten kann ebenso wie die Anzahl der Hämorrhoidalknoten und die individuelle Anatomie ausschlaggebend darüber sein, welcher Weg gewählt wird. Ebenso wird dieser durch die Zielsetzung beeinflusst, ob Linderung oder Heilung erzielt werden soll. Bei Hämorrhoiden ersten und zweiten Grades werden kleinere ambulante Eingriffe bevorzugt, bei Hämorrhoiden dritten und vierten Grades operative. Die Therapie wird in der Regel von einem Proktologen durchgeführt.

Basistherapie

Natürlich versucht man, operative Maßnahmen zu umgehen. Hierzu startet man mit der Basistherapie, die das Voranschreiten des Hämorrhoidalleidens zu verhindern oder zu verzögern versucht. An erster Stelle steht eine Ernährungsberatung. Ballaststoffreiche Nahrung und tägliche Flüssigkeitszufuhr von mindestens 2 Litern sollen das Stuhlvolumen erhöhen, zu weicherem Stuhlgang und schnellerer Darmentleerung ohne Pressen führen. Mehrere prospektive Studien konnten den therapeutischen Nutzen bestätigen (4). Hygienemaßnahmen wie die Reinigung des Afters mit Wasser können Hautirritationen lindern. Sport und Bewegung erhöhen die Motilität des Darmes.

Schulmedizinische Therapie

Hämorrhoidalia

Diese wurden speziell zur Behandlung von Hämorrhoidalleiden hergestellt. Zu beachten ist, dass die medikamentöse Behandlung keinesfalls kurativ heilend ist, sondern lediglich die Symptome bekämpft, aber immerhin zur Linderung des Juckreizes und der Schmerzen beiträgt. Lokaltherapeutisch können Salben, Cremes und Zäpfchen eingesetzt werden, die meisten davon sind rezeptfrei erhältlich.

Ambulante Eingriffe

Kleine ambulante Operationen sind möglich, wenn sich die Hämorrhoiden im ersten oder zweiten Grad befinden. Es stehen zwei Verfahren zur Wahl, die beide mit einem Rohrgerät durchgeführt werden. Auf Anästhesie kann meist verzichtet werden.

Sklerosierung

Mit dem Proktoskop werden die kleinen Hämorrhoidalknoten gebündelt und festgehalten. Dann wird eine sklerosierende Flüssigkeit eingespritzt – meist Phenol gelöst in Mandelöl, eine 5%ige Chininlösung oder Polidocanol. Diese Wirkstoffe verursachen eine Entzündung und eine folgende Vernarbung. Diese soll künftig lokal den Blutfluss vermindern, die Hämorrhoiden schrumpfen lassen und die Knoten auf der Unterlage fixieren. Der Eingriff ist schmerzlos.

Gummibandligatur

Bei dieser am häufigsten gewählten Behandlung von Hämorrhoiden zweiten Grades wird ein Gummiband über den Knoten gestülpt. Dieser wird abgeklemmt und fällt in den Folgetagen ab. Die Behandlung hat eine gute Erfolgsquote.

Operation

Eine OP wird durchgeführt, wenn die bisherigen Therapieansätze nicht angeschlagen haben bzw. das Leiden weit fortgeschritten ist. Ziel ist die Herstellung der normalen anatomischen Verhältnisse.

Naturheilkundliche Therapie

Ernährungsumstellung

Ziel ist eine überwiegend basische und ballaststoffreiche Ernährung, die für weichen, leicht abgehenden Stuhl sorgt. Also mehr Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Nüsse und Vollkorn, dafür weniger Fleisch. Die Zunahme von Quellmitteln wie Leinsamen, Weizen- oder Haferkleie unterstützt den Prozess. Zwei Liter Neutralflüssigkeit täglich trinken (Wasser, Kräutertee, vor allem mit Hibiskus, Eichenrinde, Rosskastanie, Tormentill- oder Ratanhiawurzel). Abführmittel sollten nicht eingenommen werden. Ein besonderer Ballaststoff ist der Indische Flohsamen, der, in ein Glas Wasser verrührt, zu schmerzlosem Stuhlgang führen kann. Verdauungsenzyme helfen, dass die Nahrung optimal verdaut wird und dabei störende Gär- und Entzündungsprozesse sich zurückentwickeln. Je gesünder die Darmflora, desto besser die Verdauung. Eine gesunde Darmflora wirkt zudem entzündungshemmend, entgiftend und verbessernd auf Hämorrhoiden. Probiotika wie Hulup (Firma Osiba Vitalsystem) und Combi Flora (Firma effective nature) sind unsere Mittel der Wahl.

Lieber sollten täglich vier bis fünf kleine Mahlzeiten als zwei bis drei üppige verzehrt werden. Dabei sollte das Essen langsam eingeführt und gut gekaut werden. Salate enthalten Bitterstoffe, die die Verdauung fördern und der Leber beim Entgiften helfen. Gesunde Öle und Fette machen den Stuhl gleitfähiger. Direkt vor, während und unmittelbar nach dem Essen nicht trinken, da dies die Verdauungsenzyme schwächt. Besser ist eine Trinkpause von einer Stunde vor bis zu einer nach dem Essen. Zucker, Schwarzer Tee, Kaffee, Alkohol und Softdrinks vermeiden. Weizen-Getreideprodukte und Milchprodukte reduzieren.

Bewegung und Sport

Wer mit regelmäßiger Bewegung seinen Kreislauf fördert und die Blutzirkulation verbessert, verhindert Staus im venösen Abfluss des Hämorrhoidalplexus. Folge: Die Hämorrhoiden schrumpfen. Tägliche Bewegungseinheiten (Wandern, Radfahren, Schwimmen, Joggen, Gymnastik) sind für jeden in den Alltag integrierbar. Training der Beckenbodenmuskulatur und der Schließmuskel hilft, das Becken vor, während und nach dem Stuhlgang besser kontrollieren zu können, wirkt Blutstau im Enddarmbereich entgegen und entlastet den Körper vor unnötigem Druck.

Phytotherapie

Lauwarme Sitzbäder mit Extrakten aus Hamamelis, Kamille, Lavendel, Schafgarbe, Wacholder oder Zinnkraut mildern den Juckreiz, die Entzündung und das Brennen bei Hämorrhoidalleiden und wirken wundheilend, antientzündlich und lindernd auf die betroffene Partie. Sogar Analekzeme können geheilt werden, hierzu sind Eichenrinde und Totes-Meer-Salz wirksame Stoffe. Eine Zaubernusslösung kann per Tuch aufgelegt werden, sodass sie einwirken kann. Ihre entzündungshemmende und blutstillende Wirkung sorgt dafür, dass sich die Haut zusammenzieht und der Juckreiz abschwächt. Ähnlich funktionieren Hämorrhoidalsalben mit entzündungshemmenden pflanzlichen Arzneistoffen, z. B. Steinklee oder Hirudin. Umschläge wirken schmerz- und entzündungslindernd, am beliebtesten sind feuchte mit Arnika oder Kamillentee, nächtliche Quark-Kompressen oder ein mit Retterspitz getränkter Wattebausch.

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Homöopathie

Die Homöopathie hat natürlich auch bei Hämorrhoidalleiden passende Mittel parat. Generell empfohlen werden Acidum nitricicum, Hamamelis, Aloe und Graphites. Bei blutenden Hämorrhoiden sind Arnica und Nux vomica angezeigt, bei Rötungen und Jucken ist Sulfur die Nr. 1.

Leberstärkung

Wenn wir eine Durchblutungsförderung erzielen wollen, kommen wir nicht am Darm vorbei, denn das venöse Blut dieser Region wird zur Leber geführt, um dort entgiftet zu werden. Dafür muss die Leber gesund sein, sonst entsteht ein Pfortaderrückstau, der negative Auswirkungen auf die Enddarmvenen hat. Wenn die Leber optimal funktioniert, wird Blutstau vermieden, gleichzeitig verbessert sich der Blutabfluss aus dem Hämorrhoidalplexus. Die Mariendistel in homöopathisch-pflanzlicher Urtinktur hat sich einen sehr guten Ruf als Lebermittel gemacht. Dazu Angelika (als Entschlackungsmittel), Eisenkraut (zur Leberregeneration) und Schöllkraut (zur Gallenflussanregung).

Die richtige Toiletten-Haltung

Fast alle Menschen sitzen falsch auf der Toilette und fördern so die Hämorrhoidenbildung. Experten raten zur „Hocksitzhaltung“. Man stellt sich vor, man ist in der Natur und muss sein Geschäft erledigen. Bei dieser natürlichen Haltung ist der Winkel zwischen Oberkörper und Oberschenkel viel spitzer, als wir es auf der Toilette gewohnt sind. In dieser Hock-Position ist der Beckenboden deutlich entspannter. Der Darm ist gerade und erleichtert den Entleerungsvorgang. Auf Pressen kann komplett verzichtet werden. Zahlreiche Studien belegen, dass die Hocksitzhaltung eine umfassende positive Wirkung auf den Körper und auf die Hämorrhoiden hat. Zur richtigen Umsetzung auf unseren Toilettensitzen empfehlen wir den Einsatz eines Schemels unter den Füßen.

Konklusion

Auch wenn Zigmillionen Deutsche an Hämorrhoiden leiden, so gibt es viele hervorragende naturheilkundliche Therapieansätze, um der Symptomatik nebenwirkungsfrei entgegenzuwirken. Eine schulmedizinisch angesagte Operation kann hierdurch häufig umgangen und der Leidensdruck verringert, in einigen Fällen sogar ganz behoben werden.

Literatur

  1. J. Lange, B. Mölle, J. Girona (Hrsg.): Chirurgische Proktologie. Springer. 2005. ISBN 3-540-20030-4. S. 17
  2. F. Raulf: Funktionelle Anatomie des Anorektums. Der Hautarzt. Band 55. Nummer 3. März 2004. S. 233-239
  3. H. H. Hansen: Die Bedeutung des Musculus canalis ani für die Kontinenz und anorectale Erkrankungen. Langenbecks Arch Chir. Band 341. Nummer 1. Juni 1976. S. 23-37
  4. A. Herold, C. Breitkopf u. a.: Hämorrhoidalleiden. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Koloproktologie. AWMF. Juli 2008
  5. W. Luyken: Hämorrhoiden als treue Begleiter. Oberpfalznetz.de. 24. Februar 2011
  6. K.-H. Reutter: Anus. Chirurgie: Intensivkurs zur Weiterbildung. Thieme. 2004. ISBN 3-13-126345-8. S. 185

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Naturheilpraxis 05/2022

Aktuelle Ausgabe
Erschienen am 03. Mai 2022