Porträt
Naturheilpraxis 05/2021

Vom Beckenboden, Biobauernhof und den Hörnern

Wenn über 1 000 Heilpraktiker, Ärzte und Hebammen plötzlich aufstehen, ihr Becken hin und her kippen, sich einen Dinosaurierschwanz imaginieren und laut tönen, dann steht wahrscheinlich Susanne Schwärzler auf der Bühne. Die Demeter-Bäuerin, Heilpraktikerin und bekannte Referentin zum Thema Beckenboden ist dann in ihrem Element. Was bedeutet der Beckenboden für Susanne Schwärzler, was sind ihre 30-jährigen Erfahrungen mit Kursteilnehmern und Patienten und was hat es mit den Hörnern auf sich? Darüber haben wir mit Susanne Schwärzler gesprochen.

Im Gespräch mit Susanne Schwärzler
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Christian Flemming

Frau Schwärzler, Sie haben mehrere Fachbücher zum Thema Beckenboden verfasst, sind eine gefragte Referentin und Kursleiterin zu eben diesem Thema, Sie betreiben mit Ihrem Mann seit 35 Jahren einen Demeter-Bauernhof bei Kempten und sind als Heilpraktikerin tätig. Können Sie kurz schildern, wie Ihr Alltag aussieht und wie Sie die verschiedenen Tätigkeiten organisiert haben?

Morgens ab circa 6 Uhr beginnt meine Beckenbodenaktivität bereits durch Gähnen und Dehnen im Bett. Beim Aufsetzen und Aufstehen unterstützt mich mein reaktiv trainierter Beckenboden. Bei allen Hofarbeiten wie Füttern und Ausmisten der Kühe, Schafe und Hühner, sogar beim Traktorfahren, achte ich auf eine korrekte Atmung, Körperhaltung und gezielte Anspannung meiner einzelnen Beckenbodenschichten, da dadurch die Gelenke und Bandscheiben entlastet und dafür die gesamte Körpermuskulatur trainiert wird. Nach dem Frühstück stehen bei schönem Wetter Wald-, Garten- und Feldarbeiten an. Bei schlechtem Wetter ist Büroarbeit angesagt, was für mich als Bewegungsmensch viel fordernder ist als manch körperliche Arbeit. Der Nachmittag gestaltet sich oft mit der Fortführung der angefangenen Arbeiten. Wenn es die Situation erlaubt, gönne ich mir Freizeitaktivitäten, wie einen Spaziergang, eine herausfordernde Berg- und Klettertour oder Radtour – am liebsten bilde ich mich mit Fachliteratur weiter. Um 17 Uhr ist dann wieder Stallzeit. Anschließend mache ich mich auf den Weg zu meinen Kursen in der Umgebung.

Wie kam es, dass das Beckenbodentraining Ihr Markenzeichen wurde?

Schon als Jugendliche mit fünfzehn Jahren übte ich vielerlei Sportarten wie Handball, Karate, Tanz, Reiten und Klettern aus. Dass ich schon damals meine gute Körperspannung meinem Beckenboden zu verdanken hatte, wurde mir erst in der Schwangerschaft bewusst. Trotz schwerer Hofarbeit hielt mein Beckenboden allen Tätigkeiten stand, bis wenige Stunden vor der Hausgeburt. An die Rückbildung hielt ich mich strikt, um meinem Beckenboden und Geburtsorganen eine bestmögliche Regeneration zu ermöglichen. Gleich nach der Wochenbettzeit, es war Hochsommer und Heuzeit, legte ich wieder fast normal mit meinem Alltag auf dem Hof los. Ich kann mich gut erinnern, wie ich an einem heißen Sommertag schwere Steine zur Befestigung meiner Gartenbeete herumtrug. Meine Hebamme kam gerade das letzte Mal zur Nachsorge und ertappte mich dabei. Sie war zunächst entsetzt, sah aber dann, wie ich meine Beckenbodenanspannung einsetzte und dies war ihr Anlass, mich für ihre Rückbildungsvertretung einzusetzen. Noch heute bin ich meiner Hausgeburtshebamme Ingeborg Stadelmann sehr dankbar, denn von da an begann meine Berufung, den Beckenboden in die Welt zu bringen. Dieses Jahr feiere ich mein 30-jähriges Jubiläum als Kursleiterin.