Schwerpunkt
Naturheilpraxis 10/2020

Viren – „kleine Tierchen“, die Menschen krank machen

In der Naturheilkunde sind Viren seit Jahrhunderten ein Thema, auch wenn unsere Vorfahren nicht wussten, dass sie von viralen Erkrankungen sprechen. So hat schon die Äbtissin Hildegard von Bingen kleine Tierchen erwähnt, die Menschen krank machen. Offiziell sind Viren erst seit dem späten 19. Jahrhundert als biologische Einheit bekannt. Beschreibungen von Viruserkrankungen sind allerdings bedeutend älter.

Ein Beitrag von Günther H. Heepen
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Das Wort „Virus“ wurde zum ersten Mal von Aulus Cornelius Celsus im 1. Jahrhundert vor Christus benutzt. Celsus war römischer Enzyklopädist und bedeutender Medizinschriftsteller. Er bezeichnete den Speichel, durch den die Tollwut-Erkrankung übertragen wurde, als „giftig“ (lat. virus). Als Entdecker der Viren gilt Adolf Mayer. Bei Experimenten mit der Tabak-Mosaik-Krankheit gelang ihm 1882 unwissentlich eine virale Erregerübertragung, indem er den Saft infizierter Pflanzen auf gesunde übertrug und bei diesen die Krankheit auslöste. Für diese Übertragung hatte man bereits im 18. Jahrhundert das Wort Virus (Gift, Saft) verwendet. Damals hatte die Londoner Times in einem Nachruf auf einen Arzt eine Virus-(Gift-)Infektion beschrieben: „Beim Zunähen einer sezierten Leiche hatte er sich in die Hand gestochen, wobei ein wenig Virussubstanz übertragen wurde, oder anders gesagt, ihm wurde Fäulnis eingeimpft.“

Der russische Biologe Dimitri Iwanowski hatte unabhängig von Mayer 1892 in einem Experiment nachgewiesen, dass der Erreger der Tabak-Mosaik-Krankheit ein „kleines Bakterium“ ist. Ihm war aufgefallen, dass die Erkrankung durch einen Stoff ausgelöst wurde, der durch Filtration über einen bakteriendichten Filter nicht entfernt werden konnte. Der erste Nachweis eines tierischen Virus gelang einige Jahre später 1898 Friedrich Loeffler und Paul Frosch, die das Maul-und-Klauenseuche-Virus entdeckten. Aber erst im 20. Jahrhundert, in den 1930er-Jahren, war die Wissenschaft imstande, Viren durch eine 20.000-fache Vergrößerung im Elektronenmikroskop zu sehen. Die seinerzeit entdeckten Merkmale werden noch heute bei der Einteilung von Viren beachtet. So gibt es ovale und runde Viren, helixförmige, langgestreckte, stäbchenförmige oder polyederförmige (z. B. Ikosaeder). Viren weisen außerdem unterschiedliche Oberflächenstrukturen auf – manche sehen aus wie antennenartige Gebilde, andere wiederum sehen aus wie geriffelt.