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Naturheilpraxis 03/2022

Tugenden und Laster bei Hildegard von Bingen

35 Tugenden und Laster machen Hildegard von Bingens Regungen des Geistes und des Herzens aus, die sie in einen umfangreichen Katalog gefasst hat – in ihre eigene Psychotherapie. Heute sind das Erkennen und Behandeln der Seelenkräfte innerhalb der Hildegard-Medizin noch nicht sehr bekannt. Doch jeder Mensch hat diese spirituellen Seelenkräfte in sich wohnen, die über die Wirbelsäule mit den Organen verbunden sind – und sich hierüber auch behandeln lassen.

Ein Beitrag von Martina Schneider
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Miriam Doerr Martin Frommherz / shutterstock.com

Zwischen 1150 und 1158 hat Hildegard von Bingen das Liber compositae medicinae (das „Buch der zusammengesetzten Medizin“), auch bekannt unter Causae et curae („Von den Ursachen und der Behandlung von Krankheiten“), geschrieben. Es ist das eine der beiden medizinischen Werke der Äbtissin und gibt mit der „Physica“ ein heilkundliches Verständnis wieder, das aufzeigt, wie eng Seele und Körper zusammenhängen, wie die Seele eine Krankheit in einem Organ verursacht und wie beide sich im Erkrankungsfall wechselseitig beeinflussen. Heutzutage ist dies unter der medizinischen Fachrichtung Psychosomatik bekannt.

Wirbel weisen den Weg

Jede Seelenkraft besteht aus einer Tugend und ihrem Gegenteil, dem Laster. Über einen bestimmten Wirbel führt sie zu einem Organ oder Organsystem. Tritt hier eine Störung auf, kann dem Therapeuten zügig klar werden, welches Krankheitsbild zugeordnet ist. Jedem Wirbel hat Hildegard von Bingen ebenso klar eine eigene Therapieanweisung zugewiesen und einen speziellen Heilstein. 24 freie Wirbel, zehn zusammengewachsene Wirbel und ein übergeordnetes Ende machen die 35 Brücken zu 35 Geistesregungen aus, aus denen eine ganze Psychotherapie erwächst.

Das vegetative (oder autonome) Nervensystem (VNS) bildet mit dem somatischen Nervensystem das gesamte zentrale und periphere Nervensystem. Automatisch ablaufende Lebensfunktionen wie Atmung, Herzschlag, Verdauung und Schlaf-Wach-Rhythmus werden über das VNS reguliert und der jeweiligen Situation angepasst. Das VNS steuert ebenfalls Hormon- und Immunsystem, Stoffwechsel und Drüsensekretionen. Das somatische (oder animalische) Nervensystem ermöglicht dagegen eine willkürliche und bewusste Reaktionsweise. Manche Organe, wie die Lunge, die für Atmung und Sprache zuständig ist, werden von beiden Systemen beeinflusst. Bei beiden Systemen liegt ein Teil im zentralen Nervensystem, also in Gehirn und Rückenmark. So können Gehirn und Organe miteinander über die Wirbelsäule kommunizieren – über Sinneseindrücke, Gefühle, Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen und natürlich über den Lebensstil. Eine Tatsache, um die Hildegard von Bingen bereits wusste. Negative Gefühle regen die innere Kommunikation genauso an wie die positiven und können über die VNS-Verbindung Krankheit oder Gesundheit auslösen.

Ganzheitliches Weltbild

Die 35 Seelenkräfte bieten eine therapeutische Methode, um zügig Zugang zum Patienten zu finden: über den Schmerz, den er spürt. Die schmerzende Stelle weist auf etwas hin, was nicht (mehr) funktioniert, zeitgleich zeigt sie das Organ oder Organsystem auf, das den Schmerz ausgelöst hat. Mit der Übersicht, die Hildegard von Bingen erdacht hat, ist es einfach, die dahintersteckende psychische Ursache und den dadurch ausgelösten Schmerzpunkt aufzudecken. Wird er behandelt, muss der körperliche Schmerz verschwinden, er kann gar nicht anders, gibt die Äbtissin über ihr medizinisches Weltbild Auskunft. Die seelische Blockade, die charakterliche Schwäche zu erkennen und zu beheben, beseitigt die Ursache für die körperliche Beschwerde. Wer die spirituelle Heilung vernachlässigt, handelt gegen Heilung im ganzheitlichen Sinne und begünstigt Unheilbarkeit. Lebensfreude, Lebensglück, Liebe: Erfahren kann sie nur derjenige, der sich von der Macht der Laster befreit, der aus jedem der 35 Laster die entsprechende Tugend gemacht hat. Erst dann kann heilende Energie fließen, weil die Zerstörungskräfte in Heilkräfte transformiert worden sind. Eine Verletzung, sagt Hildegard von Bingen, ist ein spirituelles Erfolgserlebnis: Es bietet die einzigartige Möglichkeit, an die Urquelle der Heilung zu gelangen – zu Gott.

Der Pfad der Tugend

Also gilt es, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren. Das Wort „Tugend“ ist von „taugen“ abgeleitet, von jener Tauglichkeit, die Tüchtigkeit meint. Mit Tugend werden eine herausragende Eigenschaft und eine vorbildliche Haltung bezeichnet – oder jede Fähigkeit zu einem Handeln, das wertvoll ist, dem Leben Sinn gibt und überhaupt zum Leben taugt. Werte schaffen Gemeinsamkeiten unter Menschen, der Selbstwert stärkt jeden Menschen. Wer sich für liebenswert empfindet, ist mit sich im Reinen und fühlt sich wohl. Ein Mangel an Selbstwert dagegen lässt den Menschen gierig, geizig und gnadenlos werden. „Es sind dämonische Kräfte, die uns zu Handlungen verleiten, die unserer Seele schaden“, schreibt die Äbtissin. Sechs Beispiele aus den 35 spirituellen Seelenkräften mögen dies verdeutlichen, drei von ihnen sind jene, die in der Psychologie längst als hauptsächliche Wachstumsbremsen in der persönlichen Entwicklung eines Menschen bekannt sind: Faulheit, Feigheit, Fixierung. Hildegard nennt sie Antriebslosigkeit, Feigheit, Festhalten.

Antriebslosigkeit – Tatkraft

Sein Leben nach seinen Werten und damit nach sich selbst auszurichten, erfordert nicht nur Mut und Durchhaltevermögen, sondern auch Willensstärke. Und die Einsicht, dass es gilt, von der Komfort-Zone in die „Komm-vor-Zone“ zu wechseln. Manchmal ist es auch erst einmal mit dem Schmerz der Erkenntnis verbunden, sich seine Sehnsüchte und Bedürfnisse anzuschauen und sie nicht mehr zu verleugnen, ihnen endlich Raum zu geben, dabei versöhnlich mit sich umzugehen. Tatkraft bedeutet auch, seine Wertmaßstäbe zu hinterfragen, ob sie noch aktuell sind oder ans Kind von einst gebunden, ob sie überzogen sind und damit unerreichbar. Mitunter sind sie auch zu einem Evangelium geworden, das andere Menschen belehren und bekehren soll. Dies hat weder mit Achtsamkeit noch mit Liebe oder Respekt zu tun, sondern nur mit enttäuschten Erwartungen, die – in Mengen erfahren – in eine Depression führen können. Die Strategie der kleinen Schritte dagegen, um Veränderung fest in den Alltag zu integrieren, fordert heraus und bringt sofort Gewinn: Zufriedenheit! „Was ist Tatkraft?“, fragt Dr. Wighard Strehlow, Chemiker, Heilpraktiker, Buchautor und Leiter des Hildegard Zentrums Bodensee in Allensbach. Und gibt sich selbst die Antwort: „Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom.“

  • Zugeordnet sind über den 5. Lendenwirbel die Iliosakralgelenke, Enddarm, After, Uterus und Prostata. Eine Störung äußert sich nach Hildegard vor allem in Ischialgien, Lumbago, Rückenschmerzen, Venenerkrankungen und Beschwerden im Hormonhaushalt.
  • Therapie: Fasten, Gebete, körperliche Abhärtung
  • Heilstein: Smaragd

Feigheit – Gottvertrauen

Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen entstehen im Wissen, dass das Leben in Gottes Hand liegt. Davon war Hildegard von Bingen überzeugt. Wer diesen starken Partner an seiner Seite weiß, braucht sich im Leben vor nichts mehr zu fürchten. Er leidet auch nicht mehr unter Minderwertigkeitskomplexen, die ihn über kurz oder lang resignieren lassen. Nur Gottvertrauen ist in der Lage, „einen Verlierer in einen Sieger zu transformieren“. Wer hingegen nicht auf Gott vertraut, mutiert zum Wurm, der sich windet und nicht traut, der faule Kompromisse eingeht und ins dauerhafte Nörgeln verfällt. Dabei will er doch nur seine Ruhe haben – und schweigt, zum Guten wie zum Bösen. Reden tut er nur über seine endlosen Krankheitsgeschichten in der Hoffnung, Mitleid zu erhalten. Hildegards Empfehlung: „Ich besiege die starken negativen Mächte und auch euch: Feigheit, Resignation und Frustration, die zu Hass und Wut führen und alles, was das Leben ist, zerstören.“

Heilstein Amethyst Kleyton Kamogawa / shutterstock.com
  • Zugeordnet über den 5. Halswirbel sind Tastsinn und Haut. Störungen zeigen sich folgerichtig in Haut- und Halserkrankungen.
  • Therapie: Fasten; Tautreten; Sozialarbeit, um die Blickrichtung zu ändern, damit sich das eigene Leben nicht mehr ausschließlich um die eigene Achse dreht.
  • Heilstein: Amethyst

Festhalten – Loslassen

„Du Narr“, spricht Gott zum reichen Kornbauern, „diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wem wird dann all dein Reichtum gehören?“ Wer inneren Reichtum entdecken will, verzichtet am besten auf überflüssigen materiellen Besitz, denn er ist es, der von den inneren Schätzen ablenkt. Den spirituellen Hunger der Seele, schreibt Dr. Wighard Strehlow, kann man nicht mit Geld stillen. Arm ist der, der das Vakuum der Seele in sich spürt, darüber verzweifelt, es mit Geld füllen will und daraufhin in Geiz und Selbstsucht verfällt. Und daraus, zu allem Überfluss, ein Recht ableitet, andere zu betrügen. Er ist fixiert darauf, sogar besessen, noch mehr zu bekommen. Loslassen ist für ihn gleichbedeutend mit „nicht mehr haben“, wovor er große Angst hat. Die Schätze, die nur mit dem Herzen sichtbar sind, hat er aus den Augen, aus dem Sinn verloren. Für Hildegard leben habgierige Menschen am Sinn des Lebens vorbei, „der darin besteht, seine Fähigkeiten und Talente für andere Menschen zur Verfügung zu stellen und sie glücklich zu machen“. Denn dann ist der Mensch auch selbst glücklich – dank reichem Innenleben.

  • Zugeordnet über den 5. Steißbeinwirbel ist das Nervensystem. Störungen zeigen sich in neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen sowie Gemütsschwankungen.
  • Therapie: Fasten, körperliche Abhärtung; lernen und üben, zu dienen und großzügig zu helfen; Meditation
  • Heilstein: Smaragd

Zynismus – Sehnsucht zum Leben

Zum Zyniker, heißt es, wird der, dessen Ideale oft enttäuscht worden sind. Dies setzt voraus, dass er sich Idealvorstellungen gemacht hat – der Realität hat er sich dabei verweigert. Vielleicht weil er sich selbst nicht zugetraut hat, für seine wertvolle Wirklichkeit Sorge zu tragen. Die Sehnsucht nach den Werten des Lebens – wie Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Mitgefühl, Akzeptanz, Frieden und Heimat – führt, strebt man nach ihnen, in die Lebensfreude und „löst die Lust nach Ewigkeit aus“. Hildegard umschreibt diese Sehnsucht mit „gemitus ad deum“, Seufzen zu Gott. Die Sehnsucht unserer Seele ist eine positive Kraft, die uns beflügelt und bereichert, indem sie uns lebendig macht. Der Zyniker ist bitter geworden und nimmt die Süße des Lebens nicht mehr wahr und an. Aus Sehnsucht hat er Sucht gemacht, um durch Zuführen äußerer Gifte wie Drogen und Alkohol das innere Gift, das ihn zersetzt, nicht mehr spüren zu müssen. Hildegards Rat: „Sei liebevoll zu dir und erlaube dir zu sein, wie du bist. Durch deine Akzeptanz kannst du mit deinen nicht so positiven Aspekten liebevoll umgehen und lernen, diese in positive zu transformieren.“

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  • Zugeordnet sind über den siebten Halswirbel Schilddrüse und Milz. Erkrankungen zeigen sich in beiden Organen, zudem im Nerven-, Hormon- und Lymphsystem, in Autoimmunerkrankungen, in Depressionen und chronischen Ängsten.
  • Therapie: Reinigung im Wege der Ausleitung (innere Reinigung), Bürstenmassagen und Schwitzkuren (äußere Reinigung), Fasten (nur unter therapeutischer Begleitung)
  • Heilstein: Onyx

Respektlosigkeit – Ehrfurcht

Wer sich selbst nicht wertschätzt, kann andere nicht wertschätzen; er neigt dazu, sich zu überschätzen und den anderen geringzuschätzen. Für Hildegard von Bingen ist es dieses seelische Kräftepaar, das vor allem darüber entscheidet, ob es dem Menschen wohl ergeht oder nicht. Nur wer lernt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und ihrer gemäß zu handeln, achtet auch die Bedürfnisse der anderen. Je rücksichtsloser und härter ein Mensch mit sich selbst umgeht, desto gnadenloser übergeht er seine Mitmenschen. In jedem Menschen, schreibt Hildegard, wohnt Göttliches, es zu sehen und anzuerkennen, ehrt den Gott, der es geschaffen hat. „Je mehr sich der Mensch seiner göttlichen Abstammung bewusst wird, desto stärker sind seine Ausstrahlung und Würde“, sagt Dr. Wighard Strehlow. „Indem wir im anderen Menschen ebenfalls das Gottesebenbild erkennen, begegnen wir ihm genauso respektvoll und würdevoll, wie wir es auch für uns erwarten.“

  • Zugeordnet sind über den zweiten Steißbeinwirbel Erkrankungen des Immunsystems.
  • Therapie: Wandern durch die Stille und sich mit heilenden Worten der Ehrfurcht beschäftigen. Hildegards Gebet lautet: „Ich wandere durch Höhen und Tiefen an Gottes Seite und freue mich an seiner Schöpfung teilzunehmen. Ich verletze niemanden und achte jeden.“
  • Heilstein: Amethyst

Hochmut – Demut

Demut – ein Begriff, der heutzutage aus der Mode gekommen ist. Vielleicht weil Menschen Demut mit „sich kleinmachen“ verwechseln, zumal das lateinische humilitas beide Bedeutungen hat, demütig sein und ohnmächtig sein. Humilitas hat allerdings auch mit Humus zu tun, mit Mutter Erde, aus der alles erwächst, groß wird, gedeiht. Das ist eine Kraft, die dem Menschen, der sich gedemütigt fühlt, zur Seite steht, ihn stärkt und wieder groß macht, damit er seiner Verzweiflung Herr wird. Aus Demut erwächst also wahre Größe, die aus Niederlagen Siege macht. Der Hochmut dagegen hat mit Größe nichts zu tun. Der Hochmütige plustert sich auf und gaukelt Größe vor. Das, was ihn groß macht, ist nur heiße Luft, aufgebläht von Neid, Misstrauen, Eitelkeit, Maß- und Hoffnungslosigkeit. Für Hildegard ist Hochmut der Keim allen Übels, „der die Menschen aus ihrem göttlichen Zentrum an den Rand drängt“. Wo sie – unbemerkt – von jenen abhängig werden, die sie nur ausnutzen (wollen).

  • Zugeordnet sind über den 9. Brustwirbel die Nebennieren sowie die Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane. Folgen einer Störung sind Bluthochdruck, durch Stress bedingte Erkrankungen wie Burnout, Regulations- und Menstruationsstörungen, Migräne und hormonabhängige Geschwüre.
  • Therapie: körperliche Abhärtung mit Bürstenmassagen; Tragen einfacher Kleidung, um dem Zwang zu entgehen, um jeden Preis aufzufallen; Bewegung; die Kunst des Neuanfangs, um an Niederlagen zu wachsen. Cave: kein Fasten
  • Heilstein: Bergkristall

Literatur

  1. Strehlow W: Die Psychotherapie der Hildegard von Bingen, Knaur Menssana, München 2010
  2. von Bingen H: Causae et Curae (2011), Physica (2012), Liber Scivias (2012), alle drei herausgegeben von den Eibinger Benediktinerinnen St. Hildegard im Beuroner Kunstverlag

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Naturheilpraxis 03/2022

Erschienen am 01. März 2022