Fachforum
Naturheilpraxis 07/2021

Tibetische Medizin in der westlichen Naturheilkunde

Naturgemäß kann im folgenden Artikel nur ein Überblick über einige Grundlagen und Anwendungen der Tibetischen Medizin dargelegt werden. Dieses sehr komplexe naturheilkundliche System verfügt über umfassende diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, kann aber in einigen wesentlichen Aspekten in die westliche naturheilkundliche Praxis integriert werden.

Ein Beitrag von Thomas Dunkenberger
Lesezeit: ca. 12 Minuten
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Die tibetische Wissenschaft des Heilens („Sowa rigpa“) wird seit dem 8. Jahrhundert in Tibet als eigenständiges Heilsystem angewendet und weiterentwickelt. Bis zur völkerrechtswidrigen chinesischen Besetzung Tibets ab Ende der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts wurde es in einer ungebrochenen Tradition übermittelt und ist daher zum heutigen Zeitpunkt noch sehr unverfälscht erhalten. Es wird im gesamten Gebiet des Himalaya (Nordindien, Nepal, Bhutan), Indien, der Mongolei und nach langem Verbot auch wieder in Tibet angewendet. Die Grundlagen beruhen auf einer Synthese der buddhistischen Medizin zu Zeiten des historischen Buddhas Shakyamuni vor ca. 2 500 Jahren (welche ihrerseits eine Weiterentwicklung des alt-vedischen Systems darstellt), gewissen Anteilen der persisch-mazedonischen Medizintradition, der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sowie Anteilen der vor dem Buddhismus herrschenden schamanisch-animistischen Bön-Tradition. Einige Grundlagen stimmen mit der heutigen Ayurveda-Lehre überein. Ayurveda ist ebenfalls eine Weiterentwicklung des alt-vedischen Medizinsystems. Bestimmte Aspekte der Tibetischen Medizin wie die Harndiagnose oder gewisse Kapitel chronischer Verdauungsstörungen sind rein tibetischen Ursprungs und wurden auch erst später ins Ayurveda integriert. Deshalb kann man durchaus sagen, dass sich beide Traditionen gegenseitig beeinflusst haben. In der Arzneimitteltherapie sowie bei der Betrachtung der einzelnen Krankheitskapitel und der Behandlungsstrategien zeigen sich deutliche Unterschiede im Vergleich sowohl zum Ayurveda, als auch zur TCM. Die tibetische Pulsdiagnose unterscheidet sich von der im Ayurveda (als auch von der in der Traditionellen Chinesischen Medizin) praktizierten Form. Und während als philosophische Grundlage der Tibetischen Medizin der Buddhismus maßgebend ist, stellt diese im Ayurveda der Hinduismus dar. Die ausführliche Darstellung der Entwicklung des Embryos in einzelnen Wochenabschnitten ist innerhalb der asiatischen Heiltraditionen einzigartig.

Die drei körperlichen Energien

Eine wesentliche Gemeinsamkeit von Ayurveda und Tibetischer Medizin ist die konstitutionelle Typenlehre aufgrund der drei archetypischen Grundenergien Wind (tib.: Lung), Galle (tib.: Tripa) und Schleim (tib.: Peken). Diese zugrundeliegenden Prinzipien stimmen in beiden Traditionen in den wesentlichen Charakteristika überein, wobei es auch hier differenzierte Unterschiede gibt. Als Grundlage der „drei Fehler“ (tib.: nye pa sum) gelten die drei prinzipiellen Geistesgifte Gier (Begierden, Leidenschaften, übersteigerte Wünsche etc.), Zorn (aggressive Denk- und Verhaltensmuster, Wut, Hass etc.) und „Verblendung“ (ignorante Einstellungen, Arroganz, Engstirnigkeit etc.), welche in direkter Weise zur Bildung der drei genannten Grundenergien führen. Diese drei Geistesgifte sind deshalb die „entfernten Ursachen von Erkrankung“und werden durch das „mentale Kontinuum“ von einer Verkörperung zur nächsten mitgetragen. Bei der Bildung des konstitutionellen Grundtypus spielen dann noch die Qualität von Ovum und Sperma sowie die Zeit der Schwangerschaft eine große Rolle. Alle genannten Faktoren bilden dann die Basis des körperlich-emotional-mentalen Musters der neuen Verkörperung. Deshalb ist es in der Sichtweise der Tibetischen Medizin auch nicht nachvollziehbar, die unterschiedlichen Ebenen voneinander getrennt zu betrachten. Bei Störungen bzw. Erkrankungen müssen möglichst alle Ebenen angesprochen werden.

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Naturheilpraxis 07/2021

Erschienen am 01. Juli 2021