Schwerpunkt
Naturheilpraxis 07/2022

Tees und Tinkturen bei häufigen chronischen Beschwerden

Schuppenflechte, Endometriose, Fibromyalgie und Long-COVID

Patienten werden bei chronischen Beschwerden oft nur mit Kortison, Immunsuppressiva und anderen breit streuenden Medikamenten behandelt, da entweder der genaue Auslöser nicht bekannt oder auch die Symptome diffus und nur schwer gezielt zu behandeln sind. Den Patienten macht das in aller Regel weniger Hoffnung als zielgerichtete Therapien. Gerade von Chronikern erfahren Heilpraktiker sowie naturheilkundlich tätige Ärzte deshalb auch besonderen Zulauf. Tees und Tinkturen sind hier etablierte Möglichkeiten, wirklich etwas auszurichten.

Ein Beitrag von Tobias Müller
Lesezeit: ca. 13 Minuten
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Ob Tee- oder Tinkturenmischungen, ob Hildegard von Bingen, Maria Treben oder andere: Es zeigt sich, dass sich alte und uralte Rezepte auch ohne den üblichen Marketing-Millionen-Aufwand großer Konzerne durchsetzen, wenn sie wirken. Zufriedenheit führt eben zum besten Marketing-Instrument, der Mundpropaganda. Und zufrieden ist nur, wem geholfen wurde. Im Folgenden möchte ich Ihnen einige Tinkturen und Tees zu ausgewählten chronischen Leiden an die Hand geben. Ich möchte mit dem Einsatz bewährter Teemischungen beginnen, denn das eigenständige Zubereiten und Aufbrühen eines Tees hat schon psychologische Vorteile: Durch den Duft beim Öffnen der Packung sowie das Ritual des Aufkochprozesses an sich wird dem Tagesablauf der Betroffenen etwas geschenkt, das nicht unterschätzt werden sollte. Selbstverständlich ist es aber auch möglich, all die beschriebenen Teemischungen in Form von Tinkturenmischungen zubereiten zu lassen und tropfenweise einzunehmen. Hier wiederum ist die Compliance unschlagbar, denn Tinkturen können untertags einfach mitgeführt und tropfenweise auch ohne Flüssigkeit eingenommen werden.

Die psychische Belastung

Chronische Beschwerden werden für Betroffene früher oder später zu (starken) Einschränkungen der Lebensqualität führen. Oft haben diese Patienten zudem eine lange diagnostische und therapeutische Odyssee hinter sich und sind dementsprechend auch psychisch belastet. Hier können zum einen Selbsthilfegruppen sowie psychologische Betreuung angebracht sein, daneben aber auch pflanzliche Naturheilmittel zur Stärkung der Nerven und gegen die aufkeimende oder auch manchmal permanente depressive Verstimmung.

Zu den hier wesentlichen Kräutern zählen beispielsweise das Johanniskraut, Melissenblätter, Lavendelblüten, Hopfenblüten sowie das Passionsblumenkraut. Eine beliebte Mischung aus unserer Augsburger „Kräuterkammer“ ist der sogenannte Seelen-Sonnenschein-Tee.

Er setzt sich wie folgt zusammen:

  • Johanniskraut 40 g
  • Passionsblumenkraut 40 g
  • Mateblätter 40 g
  • Griechisches Berufskraut 40 g
  • Pfefferminzblätter 40 g
  • Dieser Tee wird morgens aufgebrüht. Hierfür 750 ml gerade nicht mehr kochendes Wasser über 3 Esslöffel Tee gießen und nach 10-minütigem Ziehenlassen über den Tag verteilt – vorzugsweise warm – trinken

Schuppenflechte-Tee nach Maria Treben

Schuppenflechte, medizinisch Psoriasis genannt, ist eine weit verbreitete entzündliche Hauterkrankung. Als Ursache für Psoriasis wird unter anderem eine genetische Disposition diskutiert, ebenso kommt eine Autoimmunerkrankung der Haut infrage. Sie verläuft meist in Schüben, welche für die Betroffenen sehr unangenehm sind und mit starkem Juckreiz sowie Hautrötungen und später Entzündungen einhergehen. Durch den starken Juckreiz neigt der Betroffene zusätzlich dazu, sich die Haut aufzukratzen, wodurch er wiederum kleine Hautschädigungen verursacht, die sich bakteriell entzünden können und den Zustand noch einmal verschlechtern. Nach Abheilung können zudem Narben bleiben sowie das Hautbild zusätzlich verschlechtert werden.

Die Schübe scheinen oftmals durch Stress, hormonelle Umstellungen, Ernährung und Infektionen ausgelöst zu werden. Typische Symptome der Schuppenflechte sind gerötete, scharf begrenzte Hautareale sowie silbrige Schuppen und oben erwähnter starker Juckreiz. Lokalisiert sind die betroffenen Hautareale meist in der Knie- und Ellbogengegend sowie auf der Kopfhaut (1, 2).

Die im Folgenden vorgestellten Pflanzen können die Schuppenflechte nicht heilen, aber sie können helfen, die Intensität sowie die Häufigkeit und Dauer der Schübe zu reduzieren.

Die Zusammensetzung des Schuppenflechte-Tees basiert auf den Erfahrungen von Maria Treben, einer Kräuterexpertin, die von 1907 bis 1991 lebte:

  • Eichenrinde 5 g
  • Weidenrinde 15 g
  • Mädesüßkraut 20 g
  • Erdrauchkraut 10 g
  • Walnussschalen 10 g
  • Schöllkraut 15 g
  • Brennnesselblätter 25 g
  • Ehrenpreiskraut 15 g
  • Ringelblumenblüten 15 g
  • Schafgarbenkraut 10 g
  • 2–3 Teelöffel Tee mit ca. 200 ml kochendem Wasser übergießen und 5–7 Minuten ziehen lassen. 2 Tassen über den Tag verteilt trinken

Die Weidenrinde wird an Silberweiden geerntet. Sie enthält Salicin, welches als Vorstufe der Salicylsäure fiebersenkend, schmerzlindernd und entzündungshemmend wirkt. Wenn man so will, ein natürliches Aspirin (Aspirin selbst enthält die verwandte chemisch hergestellte Acetylsalicylsäure als Wirkstoff). Weitere wichtige und wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe sind die ebenfalls enthaltenen Gerbstoffe, die adstringierend wirken. Bei innerlicher Anwendung von Weidenrinde muss darauf geachtet werden, dass sie nicht dauerhaft konsumiert wird, denn ähnlich wie beim Aspirin kann es hierbei zu Schädigungen der Magenschleimhaut kommen. Zudem wirkt Weidenrinde blutverdünnend (ebenfalls wie Aspirin). Daher ist es wichtig, den Patienten darauf hinzuweisen, dass er bei gleichzeitiger Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten vor Anwendung seinen Therapeuten konsultiert und auch die zusätzliche gleichzeitige Einnahme von weiteren Schmerzmitteln aus der Klasse der sogenannten NSAR wie Diclofenac, Ibuprofen oder Paracetamol vermieden werden sollte (3). Weidenrinde darf zudem aufgrund der Gefahr des sogenannten Reye-Syndroms nicht bei Kindern unter 12 Jahren eingesetzt werden, obwohl gerade diese oftmals aufgrund ihrer Entwicklungsschübe unter Schuppenflechte besonders leiden können. Bei Kindern würde ich deshalb empfehlen, die Weidenrinde durch Hamamelisrinde auszutauschen.

Mädesüß HARKY PHOTOGRAPHY / shutterstock.com

Das ebenfalls im Tee enthaltene Mädesüßkraut, auch Wiesengeißbart genannt, zeichnet sich durch das enthaltene Salicylaldehyd aus, einer Vorstufe der Salicylsäure. Es verstärkt die Wirkung der Weidenrinde. Charakteristisch für das Mädesüßkraut ist der an Hühneraugen-Pflaster oder Rheumasalbe erinnernde Geruch der Blüten, wenn man diese zwischen den Fingern verreibt. Das Mädesüßkraut ist oftmals an Bachläufen zu finden und besticht durch seine vielen weißen Blütenstände. Sein Name rührt daher, dass es früher zum Süßen von Wein, verwendet wurde (4).

Eine weit verbreitete und oftmals nur für Unkraut gehaltene, aber sehr wirkungsvolle Pflanze, ist das Schöllkraut (Chelidonium). Das griechische Wort „chelidon“ bedeutet Schwalbe, laut Überlieferungen fängt das Schöllkraut zu blühen an, wenn die Schwalben als Zugvögel im Frühjahr in Mitteleuropa eintreffen und verblüht wieder, wenn sie wieder in den Süden ziehen. Schöllkraut besitzt einen orange-gelben Milchsaft, der auch äußerlich zur Behandlung von Warzen eingesetzt werden kann (5). Innerlich eingenommen, wirkt das enthaltene Alkaloid Chelidonin krampflösend, cholagog, immunstimulierend sowie zytostatisch. Bereits in der Antike wurde es bei Leber- und Gallenbeschwerden eingesetzt. In den vergangenen Jahrzehnten wurde in Studien nachgewiesen, dass es bei längerer Anwendung und vor allem bei Menschen mit vorab geschädigter Leber zu einem Anstieg der Leberenzymaktivität und zudem zu einer Erhöhung der Bilirubin-Konzentration kommen kann, ebenso wie zu einer reversiblen Hepatitis. Daher sollten Personen mit Vorerkrankungen der Leber kein Schöllkraut zu sich nehmen; auch bei Kindern und Schwangeren sollte auf den Einsatz von Schöllkraut verzichtet werden. Aus diesem Grund rate ich dazu, den Schuppenflechte-Tee nicht länger als vier Wochen am Stück einzunehmen. Aufgrund seiner cholagogen Wirkung müssen Patienten außerdem vor der Anwendung zu einem eventuellen Vorhandensein von Gallensteinen befragt werden, denn im schlimmsten Fall können diese durch die gesteigerte Aktivität der Galle in Bewegung gesetzt werden und so zu einer Gallenkolik führen (3). Hier in unserem Schuppenflechtentee ist das Schöllkraut vor allem wegen seiner entgiftenden Wirkung durch die Anregung der Leber und Galle nützlich. Es kann in obigen Fällen oder bei Unsicherheiten aber auch ersatzlos gestrichen werden, der Tee wirkt trotzdem noch gut.

Die Walnussschalen aus dem Psoriasis-Tee wirken adstringierend durch die enthaltenen Gerbstoffe. Der Walnussbaum kam ursprünglich über Frankreich und Italien nach Deutschland, daher stammt auch sein Name: Denn ursprünglich hieß die Walnuss „Welsche Nuss“, wobei das „welsche“ so viel wie „von den Romanen kommend“ bedeutet. Zur Anwendung kommen in der Naturheilkunde die getrockneten grünen Fruchtschalen, nicht die Nussschalen oder Nüsse selbst. Sie enthalten Flavonoide, Gerbstoffe und Vitamin C. So wirken sie entzündungshemmend, immunstimulierend und adstringierend (3, 6).

Die Ringelblume als weiterer Bestandteil obigen Schuppenflechte-Tees ist bekannt als „Pflanze für die schöne Haut“. Enthalten in zahlreichen Wundheilcremes wird sie meist zur Regeneration von Hautreizungen und -entzündungen eingesetzt. Vorsicht ist hier nur geboten bei Allergien auf Korbblütler (Asteraceae) (7).

DieBrennnessel wirkt entgiftend durch ihren harntreibende Ausleitungseffekt. Ebenso hat sie, auch homöopathisch betrachtet, einen engen Bezug zur Haut. Wegen ihres umfassenden und vielseitigen Einsatzes in der Naturheilkunde wird sie auch als „Königin der Heilpflanzen“ bezeichnet.

Das Erdrauchkraut wurde bereits vom griechischen Arzt Dioskurides beschrieben. Seinen Saft beschrieb er als „beißend“, er „schärfe das Gesicht und reizt zu Tränen“. Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen oder Studien zur Wirksamkeit, doch die Überlieferungen seit Jahrhunderten und die heutigen Erfahrungen legen eine positive Wirkung auf die Galle sowie die Haut nahe (3, 8).

Der Ehrenpreis schließlich wird zur Blütezeit gesammelt und enthält Flavonoide, Gerbstoffe und Chlorogensäure. Daher wirkt er auch entzündungshemmend und adstringierend bei Erkrankungen der Haut und der Schleimhäute (9).

Auch die Eichenrinde wirkt adstringierend und rundet den Tee dadurch sehr gut ab.

Endometriose

Die Endometriose stellt eine häufige Erkrankung dar, die meist sehr lange unerkannt bleibt. Sie äußert sich oft schon in der Pubertät und geht mit allgemeinen Symptomen wie starker Regelblutung, starken Schmerzen während der Menstruation, unregelmäßigen Zyklen sowie stark ausgeprägtem prämenstruellem Syndrom einher. Die Schmerzen im Unterleib können auch unabhängig von der Menstruation auftreten, nicht selten nach dem Geschlechtsverkehr. Im schlimmsten Fall kann eine Endometriose zu Unfruchtbarkeit der betroffenen Patientinnen führen. Auch hier gilt es, sowohl die seelischen wie auch die physischen Beschwerden zu lindern.

Eine gute Teemischung setzt sich wie folgt zusammen:

  • Frauenmantelkraut 30 g
  • Himbeerblätter 30 g
  • Brennnesselblätter 30 g
  • Schafgarbenkraut 30 g
  • Ringelblumenblüten 30 g
  • Hirtentäschelkraut 30 g
  • Hühnerblutstängel 20 g
  • 2–3 Teelöffel der Teemischung mit 150 ml heißem Wasser übergießen, diesen Ansatz 7–10 Minuten ziehen lassen und anschließend abseihen sowie warm trinken

Der Frauenmantel verrät schon durch seinen Namen, dass er einen Wirkungsbezug zu Frauenleiden besitzt. Über Nacht auf seinen charakteristischen Blättern gebildete Tautropfen, die sogenannten Guttationstropfen, wurden viele Jahrhunderte als Heil- und Schönheitswasser eingesetzt. Die Blätter des Frauenmantels schmiegen sich um den Stiel wie ein feines Mäntelchen (daher auch der Name) und so wurde in der Naturheilkunde davon ausgegangen, dass sich bei Verwendung als Tee oder Tinktur ein „schützender Mantel um die Frau legt“. Daher könne Frauenmantel die Entwicklung einer Frau ihr ganzes Leben lang positiv beeinflussen (10). Zudem wirkt er hormonregulierend und durch die enthaltenen Gerbstoffe auch entzündungshemmend. Die hormonregulierende Wirkung kann in jeder Phase der Entwicklung einer Frau eingreifen, von der ersten Menstruation bis zu den Wechseljahren und darüber hinaus.

Hirtentäschelwurde bereits in der Antike als Heilmittel gegen Gebärmutterleiden eingesetzt und seit dem Mittelalter schreibt man ihm zudem blutstillende Eigenschaften zu. Seine Früchte ähneln in ihrer Form den Taschen von Hirten in der Antike. Verwendet wird das Kraut des Hirtentäschels, also alle oberirdischen Bestandteile. Sie enthalten Senfölglykoside, welche zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen. Des Weiteren konnten Flavonoide in der Pflanze nachgewiesen werden, hier vor allem das Rutin und Quercetin. Beide sind für ihren Einfluss auf Venen und Gefäße bekannt (11).

Hühnerblutstängel verdanken ihren Namen der Tatsache, dass bei Verletzung der Rinde (von Spatholobus suberectus) ein rötlicher Pflanzensaft austritt. Geerntet werden die von allen Blättern befreiten Stängel im Herbst und Winter. Sie schmecken bitter und leicht süß, wirken in der TCM „blutbewegend“ und tonisierend, die Menstruation regulierend und die Sehnen entspannend (12).

DieSchafgarbe (Achillea) ist nach Achilles, dem beinahe unverwundbaren Helden, benannt, welcher angeblich mittels Schafgarbe eine eiternde Wunde des Königs Telephos heilte. Daher wurde die Pflanze im Altertum auch zur Wundheilung eingesetzt. Heute weiß man, dass die Schafgarbe – aufgrund ihrer enthaltenen ätherischen Öle und Bitterstoffe – zu viel mehr fähig ist. Sie wird gerne bei Beschwerden des Verdauungstrakts eingesetzt, ebenso bei Appetitlosigkeit (13, 14).

Die Wirkstoffe der ebenfalls im Endometriose-Tee enthaltenen Himbeerblätter sind Gerbstoffe, Flavonoide und Vitamin C. Daher eignen sie sich zur Stärkung des Immunsystems sowie zur Wundheilung. Der lateinische Name Rubus idaeus verrät den ursprünglichen Ort, an welchem die Himbeere einmal gefunden wurde, nämlich im Ida-Gebirge in den türkischen Dardanellen. In den letzten Jahrzehnten wurden Himbeerblätter immer öfter von Hebammen empfohlen, um den Muttermund vor der Geburt zu weiten und zu erweichen. Ebenso wirken sie zyklusregulierend und können so starke PMS-Beschwerden lindern. Der genaue Wirkmechanismus ist wissenschaftlich allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Fibromyalgie

Auch bei der Fibromyalgie handelt es sich um eine chronische Erkrankung, welche oft erst sehr spät diagnostiziert wird und deren Ursache nach wie vor nicht geklärt ist. Sie äußert sich in immer wieder auftretenden Schmerzen in der Nähe von Gelenken, Schmerzen in Muskeln und der Wirbelsäule. Frauen sind signifikant häufiger betroffen als Männer. Sehr unspezifische Symptome können hierbei auftreten: von Schmerzen über Schlaflosigkeit bis hin zu Magen-Darm-Problemen. Auch das macht die Diagnosestellung schwierig und gerade dieses vielschichtige Gesicht macht diese Erkrankung so tückisch. Auslöser können unter anderem Stress, Misshandlungen, Übergewicht und Rauchen sein (15). Die vorgestellte Teemischung versucht, die Symptome der Fibromyalgie und daneben auch die psychische Belastung der Betroffenen durch die Krankheitssymptome zu lindern.

Für die Fibromyalgie-Teemischung mischt man folgende Bestandteile:

  • Eschenrinde 20 g
  • Pappelrinde 20 g
  • Weidenrinde 20 g
  • Goldrutenkraut 20 g
  • Brennnesselblätter 20 g
  • Chinarinde 20 g
  • Morgens 500–750 ml gerade nicht mehr kochendes Wasser über 2 Esslöffel Tee gießen, 10–15 Minuten ziehen lassen und je nach Wunsch warm (aus der Thermoskanne) oder kalt über den Tag verteilt trinken

Weidenrinde und Brennnessel wurden bereits weiter oben besprochen.

Eschenrinde wurde von Dioskurides, einem griechischen Arzt des römischen Reiches (circa 40–80 nach Christus), in seiner „De Materia Medica“ als Heilmittel erwähnt. Lange geriet sie dann in Vergessenheit, bis Hildegard von Bingen (1098–1179) sie wiederentdeckte. Die Inhaltsstoffe der Eschenrinde erstrecken sich von Flavonoiden über Glykoside bis hin zu wertvollen Gerbstoffen. In einigen Regionen Deutschlands, Österreichs und des Balkans werden Extrakte der Eschenrinde als sogenannter „Eschengeist“ vertrieben. Hierbei handelt es sich um eine Einreibung zur Linderung von rheumatischen Beschwerden auf alkoholischer Basis. Inzwischen gibt es wissenschaftliche Studien, welche die entzündungshemmende, fiebersenkende und schmerzlindernde Wirkung der Eschenrinde belegen können (16).

Pappelrinde, speziell die Rinde der Zitterpappel, enthält wie Weidenrinde Salicylate, die entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken. Die zudem enthaltenen Flavonoide ergänzen die Wirkung gut. Ihren Namen verdankt die Zitterpappel der Tatsache, dass ihre Blätter beim kleinsten Windhauch zu „zittern“ beginnen (17).

Goldrute Ruud Morijn Photographer / shutterstock.com

Die gewöhnliche Goldrute zählt zu den Korbblütlern. Sie ist in Mitteleuropa heimisch und dort vor allem auf Wiesen und Weiden zu finden. Während ihrer Blütezeit ist sie aufgrund ihrer leuchtend gelben Blütenstände kaum zu übersehen. Ihre wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe sind Flavonoide, Gerbstoffe und Saponine. Sie wird gerne zur begleitenden Therapie bei Harnwegsinfekten und Nierengrieß eingesetzt, ebenso wie zur Behandlung von rheumatischen Beschwerden. Die oft mit der gewöhnlichen Goldrute gleichgestellte Riesengoldrute ist wesentlich weniger gut erforscht und auch weniger wirksam. Hier muss bei der Rezeptur bzw. beim Kauf einer Teemischung besonderer Wert darauf gelegt werden, dass es sich um die gewöhnliche Goldrute, lateinisch Solidago virgaurea, handelt (19, 20).

Aus der Chinarinde schließlich wird das Alkaloid Chinin gewonnen, das hauptsächlich aufgrund seines Einsatzes bei Malaria und Krämpfen bekannt ist. Da es durch die Hemmung der Reizweiterleitung an cholinergen Nervenzellen der Muskulatur muskelrelaxierend wirkt, kann es einen positiven Effekt auf die Symptome einer Fibromyalgie Erkrankung haben (21).

Zur Fibromyalgiebehandlung möchte ich Ihnen noch die durchblutungsfördernde sowie antiphlogistische Salbenmischung zur äußerlichen Behandlung ans Herz legen:

  • Rosmarintinktur 10 g
  • Arnikatinktur 10 g
  • Wacholderbeertinktur 10 g
  • Salbengrundlage (z. B. Jojobaöl 10 g, Mandelöl 10 g, Wollwachs 60 g) ad 100 g
  • Einmal (dann zur Nacht) bis zweimal täglich dünn auf die schmerzenden Stellen auftragen

Long-COVID

Eine völlig neuartige, chronische Erkrankung ist das Long-COVID-Syndrom. Es äußert sich in unterschiedlicher Ausprägung und nicht jeder Patient, welcher sich mit COVID-19 infiziert hat, bildet auch das Long-COVID-Syndrom aus. Zu den bekanntesten Symptomen zählen unter anderem Erschöpfungszustände, schnelle Ermüdung, Lungenprobleme, Kreislaufbeschwerden und depressive Verstimmungen. Natürlich gibt es zu diesem Thema noch keine wissenschaftlichen Studien bzgl. der Wirksamkeit bestimmter Heilpflanzen. Hier kann man nur anhand der Symptome und anhand von Erfahrungswerten die entsprechenden Pflanzen auswählen. Daher möchte ich einige Teesorten vorstellen, welche sich in den letzten zwei Jahren bei der Anwendung in Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung bewährt haben.

Rosmarin stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und kam erst in den nachchristlichen Jahrhunderten über die Alpen in unsere Regionen. Heute ist er in vielen Gärten anzutreffen und erfreut sich großer Beliebtheit in der Küche. Seine Hauptinhaltsstoffe sind ätherische Öle, Gerbstoffe, Harze, Flavonoide und Bitterstoffe. Er wirkt stabilisierend und ausgleichend auf den Kreislauf und das Nervensystem. Daher ist er sehr wirksam bei niedrigem Blutdruck und chronischen Schwächezuständen wie hier bei Long-COVID (22).

Lungenkraut verdankt seinen Namen vor allem seiner positiven Wirkung auf die Lunge. Hildegard von Bingen nannte es daher auch „Lungenwurz“, obwohl pharmazeutisch das Kraut und nicht die Wurzel verwendet wird. Es enthält vor allem Schleimstoffe, aber auch Flavonoide und Kieselsäure. Da es sich bei COVID-19 um eine Erkrankung mit meist starker Beeinträchtigung von Lunge und Bronchien handelt, ist der Einsatz von Lungenkraut plausibel. Es wirkt reizlindernd durch die Schleimstoffe und kann so den oftmals trockenen Reizhusten lindern (22).

Weißdorn ist bekannt für seine positive Wirkung auf Herz und Kreislauf. Das Zusammenspiel seiner Inhaltsstoffe aus Flavonoiden, oligomeren Procyanidinen und biogenen Aminen macht den Weißdorn zu einer wirksamen, herzaktiven Pflanze. Sowohl eine Herzschwäche im Anfangsstadium wie auch Herzrhythmusstörungen lassen sich mit Weißdorn behandeln. Nicht selten geht eine COVID-Erkrankung auch mit einer Entzündung und folgenden Schwächung des Herzmuskels einher; hier kann sich der Einsatz von Weißdorn ebenfalls als günstig erweisen (22).

Einjähriges Beifußkraut besitzt dank der Corona-Pandemie mittlerweile einen hohen Bekanntheitsgrad. Ursprünglich wurde es in der Traditionellen chinesischen Medizin (TCM) vor allem bei Malaria eingesetzt und teilweise zur Hemmung des Wachstums von Tumorzellen. Das enthaltene Artemisinin wirkt aber auch fiebersenkend und antiviral. Die ätherischen Öle wirken zudem hustenreizstillend und schleimlösend (12).

Baikalhelmkrautwurzel findet man hauptsächlich im nördlichen Ostasien. Sie zählt zu den am meisten verwendeten Heilpflanzen der Traditionellen chinesischen Medizin. In der Corona-Pandemie hat auch dessen Bekanntheitsgrad gerade in Europa noch einmal stark zugenommen. Zu den Inhaltsstoffen zählen Scutellarin, Baicalin, Gerbstoffe und ätherische Öle. Sie wirkt antiseptisch, fiebersenkend, diuretisch, schmerzlindernd und blutdrucksenkend (12).

Eine Tinkturenmischung, zu gleichen Teilen aus obigen Bestandteilen, gebe ich gern in der Apotheke bei Long-COVID-Patienten. Je nach Symptombild mit 3- bis 5-mal täglich 20– 30 Tropfen in etwas Wasser über 4–6 (manchmal auch mehr) Wochen.

Literatur

  1. Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG): S3-Leitlinie zur Therapie der Psoriasisvulgaris, Stand:2021
  2. Deutscher Psoriasis Bund e.V.:“Patientenleitlinie zur Behandlung der Psoriasis der Haut“,4. Auflage, 2018
  3. Handbuch Phytotherapie;Jänicke, Grünwald,Bendler;Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart
  4. Erich Oberdorfer:Pflanzensoziologische Exkursionsflorafür Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Seite562. Stuttgart, Verlag Eugen Ulmer,2001
  5. Barbara Trost, WildkräuterLiebe, Schöllkraut, n.rpv.media/4yf
  6. K. Hiller, M. F. Melzig: Lexikon der Arzneipflanzen undDrogen. 2. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag,2010
  7. Otto Isaac: Die Ringelblume. Botanik, Chemie, Pharmakologie, Toxikologie, Pharmazie und therapeutischeVerwendung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft,Stuttgart 1992
  8. Rudolf FritzWeiss: Lehrbuchder Phytotherapie. 5. Auflage. Stuttgart 1982, S. 109
  9. KarolMarhold, 2011: Plantaginaceae: DatenblattVeronica officinalis In: Euro+MedPlantbasethe informationresource for EuroMediterranean plant diversity
  10. Sigurd Fröhner: Alchemilla. In: Hans. J. Conertet al. (Hrsg.):Gustav Hegi. IllustrierteFlora von Mitteleuropa. Band 4 Teil 2B:Spermatophyta:Angiospermae: Dicotyledones2(3). Rosaceae 2. Blackwell 1995, S. 13–242
  11. Apotheken Umschau, Heilpflanzen, Hirtentäschel;Artikel von Dr.Martina Melzer, Dezember 2016. n.rpv.media/4ym
  12. Y. Sun, A. Körfers: Traditionelle chinesische Medizin – Arzneidrogen undTherapie, WissenschaftlichenVerlagsgesellschaftmbHStuttgart
  13. Lotte Burkhardt 2022: Eine Enzyklopädie zueponymischen Pflanzennamen:Von Menschen & ihren Pflanzen – Berlin:BotanicGarden andBotanicalMuseumBerlin, Freie Universität Berlin
  14. Hans W. Kothe: Lexikon der Kräuter. Komet, Köln 2004
  15. Rheuma-liga.de
  16. LWF Bayern, Esche in der Volksheilkunde, n.rpv.media/4yi
  17. PTA heute, Heimische Heilpflanzen, Pappel bei rheumatischen Beschwerden.
    n.rpv.media/4yj
  18. www.heilpflanzen-welt.de
  19. Kooperation Phytopharmaka:Goldrute
  20. HeinzSchilcher:Leitfaden Phytotherapie. Urban &Fischer, München 2007 S. 113f.
  21. Heilpflanzen Praxis heute, Band 2, Rezepturen undAnwendung, ElsevierUrban&Fischer München
  22. Das große Buch der Heilpflanzen, Apotheker M. Pahlow, Gräfe und Unzer VerlagGmbHMünchen