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Naturheilpraxis 08/2022

TCM mit westlichen Kräutern bei rheumatoider Arthritis

Bei der rheumatoiden Arthritis, die in jedem Lebensalter auftreten kann, handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Systemerkrankung. Sie manifestiert sich an der Synovialis (Innenhaut) der Gelenke und geht mit einer schubweisen, progredienten Zerstörung von Gelenken einher. Daher kann die rheumatoide Arthritis unbehandelt zu schweren Behinderungen bis hin zur Invalidität führen.

Ein Beitrag von Sabine Ritter
Lesezeit: ca. 9 Minuten
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Eine Ursache der rheumatoiden Arthritis ist bisher nicht bekannt. Bekannt ist, dass sie familiär gehäuft auftritt. Da Antikörper und Phagozyten des Immunsystems körpereigenes Gewebe wie den Gelenkknorpel oder das Bindegewebe zerstören, wird sie ebenso wie die Psoriasis-Arthritis und die axiale Spondyloarthritis den Autoimmunerkrankungen zugerechnet.

In der chinesischen Medizin kann man die rheumatoide Arthritis aufgrund der Schmerzqualität, den Modalitäten und Begleitbeschwerden sowie anhand von Puls- und Zungendiagnose unterschiedlichen Syndromen zuordnen. Diese Differenzialdiagnose ist die Grundlage der Therapiestrategie und damit von großer Relevanz für die Auswahl geeigneter Kräuter.

Als Wurzel (Ben) der Erkrankung können meist eine Milz-Qi-Leere, eine Leber-Qi-Stagnation, eine Nieren-Yin-, Nieren-Yang- oder Jing-Leere diagnostiziert werden, die man wie folgt unterscheidet:

  • Milz-Qi-Leere
    Im Falle einer Milz-Qi-Leere ist der Schmerz dumpf und tritt intervallförmig auf. Er nimmt durch Belastungen wie Arbeit und Sport, aber auch bei längerer Bewegung zu, während er in Ruhe nachlässt. Begleitend klagen die Patienten über Appetitverlust oder Esssucht, Völlegefühl, schwache Extremitäten und weichen Stuhl. Der Puls ist eher tief, schwach und dünn, während der Zungenkörper geschwollen ist. Er kann Zahneindrücke aufweisen und einen weißen Belag haben.
  • Leber-Qi-Stagnation
    Steht eine Leber-Qi-Stagnation im Vordergrund, beschreiben die Patienten ihre Schmerzen als ziehend. Stress und emotionale Belastungen verschlechtern das Befinden, während Bewegung schmerzlindernd wirkt. Begleitend treten oft Übelkeit und Erbrechen, Schmerzen und Spannung unter den Rippenbögen, Brustspannen und Reizbarkeit sowie Verdauungsstörungen wie Aufstoßen und Blähungen auf. Der Puls ist gespannt; die Farbe des Zungenkörpers ist normal bis rot mit unauffälligem oder weißem Belag. Der Zungenrand ist gerollt oder eingekerbt.
  • Nieren-Yin-Leere
    Die Schmerzen sind bei Nieren-Yin-Leere dumpf und nehmen nach Sex, Sport und geistiger Arbeit zu. Die Betroffenen haben vor allem abends Hitzegefühle und wenig dunklen Urin. Sie fühlen sich unfähig zu denken, klagen über Schwindel, Tinnitus und leichte Verstopfung. Ihr Puls ist schnell und oberflächlich. Der rote Zungenkörper ist belaglos mit eingezogenen Rändern am Zungengrund.
  • Nieren-Yang-Leere
    Analog zur Nieren-Yin-Leere sind die Schmerzen bei Nieren-Yang-Leere dumpf und werden durch Sex, Sport und geistige Arbeit verschlechtert. Doch bei einer Nieren-Yang-Leere klagen die Betroffenen über ein Kältegefühl im unteren Rücken, kalte Beine und Füße, vermehrtes Wasserlassen mit hellem Urin, Unfähigkeit zu denken, Schwindel und Tinnitus. Ihr tiefer Puls ist langsam und schwach und der blasse, feuchte Zungenkörper hat einen dünnen weißen Belag.
  • Jing-Leere
    Dumpf sind die Schmerzen auch bei einer Erschöpfung der Essenz (Jing). Sie nehmen unter Belastung zu und lassen im Liegen sowie in Ruhe nach. Zu den Begleitbeschwerden können eine Entwicklungsverzögerung, Deformitäten, Infertilität, frühes Altern mit Haarausfall, frühes Ergrauen, Karies, Zahnverlust, Vergesslichkeit, Schwerhörigkeit und Schmerzen im Bereich der Lenden und Knie gehören. Der Puls ist schwach, dünn und leer, die Zunge ist dünn und eventuell zittrig.

Diese Syndrome der Leere können – wie aus der Abb. 1 hervorgeht – sich gegenseitig hervorrufen. Aus diesen Wurzeln können sich die sogenannten Zweige (Biao) entwickeln. Das bedeutet, dass das zugrunde liegende Syndrom andere Syndrome nach sich ziehen kann. Hierbei kann es sich um Syndrome der Fülle wie Feuchtigkeit, Schleim oder Hitze handeln, aber auch um Blut-Leere.

Feuchtigkeit: Bei Feuchtigkeit ist der Schmerz wie bei den oben beschriebenen Syndromen der Leere dumpf. Feuchtigkeit kann eine Folge der Milz-Qi-Leere oder der Nieren-Yang-Leere sein. Der Schmerz tritt immer an der gleichen Stelle auf und nimmt durch den Genuss von Nahrungsmitteln mit kühlenden Eigenschaften wie Ananas, Kiwi, Melone, Rhabarber, Spargel, Tomaten oder Zitrone sowie durch Rohkost, Kuhmilchprodukte, Bananen, fettige Speisen, Fast Food oder ein Übermaß an Zucker, aber auch in der feuchten, kalten Jahreszeit zu. Das klare Denken fällt den Betroffenen schwer. Sie beschreiben ihren Kopf wie in Watte gepackt. Begleitend können chronischer Schnupfen, Sinusitis, ein Druckgefühl im Thorax und im Epigastrium sowie Übelkeit und Appetitlosigkeit auftreten. Der Puls ist schlüpfrig und träge, der feuchte und geschwollene Zungenkörper hat einen weißen Belag.

Schleim: Ebenso dumpf und fixiert ist der Schmerz bei Schleim, der sich bilden kann, wenn Feuchtigkeit länger besteht und eindickt. Den Schmerz begleiten ein Gefühl von Benommenheit, weil die Sinne benebelt sind, unscharfes Sehen, Schwindel und Bronchitis sowie Fülle und Druck im Thorax. Der träge Puls ist schlüpfrig, während der geschwollene Zungenkörper einen dicken bei Kälte weißen, bei Hitze gelben Zungenbelag aufweist.

Hitze: Charakteristisch für Hitze sind scharfe, brennende Schmerzen, die unter dem Einfluss von Wärme und damit im Sommer zunehmen, während sie bei Kälte bzw. im Winter nachlassen. Die Betroffenen haben einen roten Kopf, klagen über ein Hitzegefühl, schwitzen am Tag und haben viel Durst. Ihr Urin ist konzentriert, der Stuhl trocken. Der schnelle Puls ist oberflächlich tastbar und der rote, eventuell trockene Zungenkörper hat einen gelben Belag. Hitze kann eine Folge einer länger bestehenden Leber-Qi-Stagnation sein.

Blut-Leere: Wie bei Milz-Qi-Leere, Nieren-Yin- oder -Yang-Leere, Feuchtigkeit oder Schleim sind die Schmerzen bei Blut-Leere dumpf. Sie treten intervallförmig auf und nehmen am Nachmittag oder nach der Menstruation zu, im Liegen lassen sie nach. Unklares Sehen, Schwindel, Schlaflosigkeit, blasse Lippen sowie „Wind“ in Form von Muskelkrämpfen, Taubheit oder Kribbeln in den Extremitäten gehören zu den möglichen Begleitbeschwerden. Der dünne Puls ist rau, vielleicht sogar schwach, während am blassen Zungenkörper die blassen oder orangefarbenen Zungenränder auffallen können.

Schließlich begünstigt dieses gemeinsame Auftreten von Syndromen der Leere und der Fülle eine Schwäche des Immunsystems. Ursachen sind unter Umständen eine andere Erkrankung, die das Immunsystem stark beansprucht hat, Stress, ein konsumptiver Lebensstil bzw. Fehl- oder Mangelernährung. Man bezeichnet dies als Schwäche der Abwehrenergie (Wei-Qi). Diese hat zur Folge, dass äußere klimatische Faktoren wie Wind, Kälte, Nässe oder Hitze in den Körper eindringen, die sich im Körper zu pathogenen Energien wandeln können. Kälte bzw. Hitze dringen oft zusammen mit Wind in Form von Wind-Kälte oder Wind-Hitze ein. Feuchtigkeit kann dagegen – wie erwähnt – auch ernährungsbedingt sein.

Gelangen die pathogenen Faktoren in die Leitbahnen, verhindern sie die freie Zirkulation von Qi und Blut, was schließlich zu Schmerzen, Schwellungen, Schwere- und Taubheitsgefühlen sowie zu Funktionsstörungen der Gelenke führt. Je nach eingedrungener pathogener Energie und der individuellen Konstitution unterscheidet man verschiedene Rheuma-Typen:

  • Wind-Typ mit wandernden Schmerzen
  • Kälte-Typ mit heftigen, fixierten Gelenkschmerzen, die durch Wärme bzw. bei warmem Wetter nachlasen und bei kaltem Wetter im Winter zunehmen
  • Nässe-Typ mit dumpfen Schmerzen an der gleichen Körperstelle oftmals im unteren Körperbereich wie z. B. in der Lendenwirbelsäule, am Kreuzbein, im Becken oder in den Beinen, die mit Schwellung, Taubheitsgefühl und Bewegungseinschränkungen einhergehen
  • Hitze-Typ mit scharfen, brennenden Schmerzen, die unter dem Einfluss von Kälte nachlassen und bei Hitze zunehmen, wobei sich die betroffenen Körperpartien heiß anfühlen. Schwitzen, Durst und manchmal auch Fieber sind mögliche Begleitbeschwerden. Dieser Typ kam hierzulande bislang selten vor, weil unser Klima nicht so stark von Hitze geprägt war.
Abb. 1: Entstehung der rheumatoiden Arthritis (Quelle: Ziegler B, Ritter S. Bi-Syndrome in der chinesischen Medizin. München 2022) Sabine Ritter

Therapieansätze bei rheumatoider Arthritis

Die Therapiestrategie umfasst die Behandlung der Wurzel und der Zweige ebenso wie die Elimination der pathogenen Faktoren. Daher kann es beispielsweise sinnvoll sein, das Leber-Qi zu bewegen, das Milz-Qi bei Bedarf auch zusammen mit dem Nieren-Yang zu tonisieren und Feuchtigkeit eventuell gemeinsam mit Kälte zu eliminieren. Bei Blut-Leere muss man dagegen nicht nur das Blut nähren, sondern bei Bedarf auch den Wind beruhigen, der sich in Form von Tremor, Gefühlsstörungen oder Krämpfen zeigen kann.

Milz-Qi und Nieren-Yang tonisierende, Wind-Kälte und Feuchtigkeit eliminierende sowie Leber-Qi bewegende Rezeptur

Eine Rezeptur (s. Tab. 1), die das Milz-Qi und das Nieren-Yang tonisiert, sollte wärmende Eigenschaften haben. Geeignete Arzneipflanzen sind beispielsweise Beifuß (Artemisiae herba), Rosmarin (Rosmarini folium), Zimt (Cinnamomi cortex) oder Benediktenkraut (Cnici benedicti). Zu den Inhaltsstoffen, die das Qi und Yang nähren, gehören Aminosäuren bzw. Proteine, Fette, Polysaccharide, ätherische Öle, Bitterstoffe, Mineralstoffe und Vitamine. Der Geschmack der Rezeptur sollte leicht süß, leicht bitter sowie leicht scharf und aromatisch sein, damit sie das Qi und Yang tonisiert. Der aromatische und scharfe Geschmack etwa von ätherischen Ölen bewegt zudem das Qi und eliminiert pathogene Faktoren. Gleichzeitig trocknet dieser zusammen mit dem bitteren Geschmack die Feuchtigkeit.

Beifuß und Rosmarin schmecken aromatisch, bitter und scharf, Benediktenkraut schmeckt aromatisch, bitter und süß, während Zimtrinde einen aromatisch-scharfen und süßen Geschmack hat. Die leicht warme Schafgarbe (Millefoli herba) ergänzt die warmen Kräuter und rundet ihre Wirkung ab. Sie schmeckt bitter und aromatisch. Als Bote zur Oberfläche sorgt sie dafür, dass eingedrungene pathogene Faktoren von den anderen Heilpflanzen eliminiert werden können.

Damit die Rezeptur nicht zu warm wird, enthält sie zwei kühlende Pflanzen. Die Kriechquecke (Graminis rhizoma) eliminiert Feuchtigkeit, wirkt aber auch befeuchtend. Sie schmeckt nicht nur bitter und aromatisch, sondern auch süß. Die Taubnesselblüten schützen das Yin mit ihrem süßen und salzigen Geschmack.

Arzneipflanzen

Dosis

Wirkung

Artemisiae herba

35,0 g

öffnet die Oberfläche, eliminiert Wind-Kälte und Feuchtigkeit, tonisiert Milz-Qi, Nieren-Qi und -Yang

Rosmarini folium

35,0 g

öffnet die Oberfläche, eliminiert Wind-Kälte und Feuchtigkeit, tonisiert Milz-Qi und -Yang, Nieren-Qi und -Yang

Millefoli herba

30,0 g

bringt pathogene Faktoren an die Oberfläche, eliminiert Wind-Kälte, tonisiert Milz-Qi, bewegt Qi und Blut

Graminis rhizoma

25,0 g

eliminiert Wind-Kälte und Feuchtigkeit

Cinnamomi cortex

25,0 g

öffnet die Oberfläche, eliminiert Wind-Kälte und Feuchtigkeit, wärmt das Innere, bewegt Qi, befreit die Leitbahnen

Cnici benedicti herba

25,0 g

tonisiert Milz-Qi, eliminiert Feuchtigkeit und Schleim

Lamii flos

5,0 g

tonisiert Nieren-Qi und -Yin, eliminiert Feuchtigkeit

Zubereitung und Anwendung: 1 TL bis 1 EL mit 200 bis 250 ml kochendem Wasser übergießen und abgedeckt ca. 15 Minuten ziehen lassen. Dreimal täglich 1 Tasse idealerweise 15 Minuten vor dem Essen trinken.

Wind beruhigende, das Blut nährende Rezeptur

Eine Rezeptur (s. Tab. 2), die das Blut nährt, sollte süß, sauer, salzig, fad sowie leicht bitter schmecken. Daher eignen sich neben der weißen Pfingstrosenwurzel (Paeoniae radix alba) mit ihrem sauren, bitteren und adstringierenden Geschmack, die Hagebutte (Cynosbati fructus) oder die Früchte der Eberesche (Sorbi fructus), die süß und sauer schmecken, für eine solche Rezeptur, sowie die Brennnessel (Urticae folium) mit ihrem faden bis süßen, leicht salzigen Geschmack. Unter den Inhaltsstoffen tragen vor allem Polysaccharide, Aminosäuren bzw. Proteine, Fette, Mineralstoffe wie Eisen, Gerbstoffe, Pflanzensäuren, Vitamine und Chlorophyll zum Aufbau von Blut bei. Wind beruhigende Pflanzen sind neben den Früchten der Eberesche, der Heilziest (Betonicae herba) und Johanniskraut (Hyperici herba).

Diese Rezeptur kommt vor allem beim Wind-Typ zur Anwendung.

Arzneipflanzen

Dosis

Wirkung

Betonicae herba

35,0 g

beruhigt inneren Wind, eliminiert Wind-Feuchtigkeit, bewegt Leber-Qi und -Blut

Paeoniae radix alba

35,0 g

tonisiert Blut, beruhigt Wind, bewegt Leber-Qi und -Blut

Cynosbati fructus

30,0 g

tonisiert Leber-Blut, Weiqi und Nieren-Qi, eliminiert Feuchtigkeit

Urticae folium

25,0 g

tonisiert Blut und Yin, eliminiert Feuchtigkeit

Hyperici herba

25,0 g

beruhigt Wind, bewegt Leber-Qi und -Blut

Sorbi fructus

25,0 g

tonisiert Leber-Blut, beruhigt inneren Wind

Avenae herba

25,0 g

tonisiert Leber-Blut, Milz-Qi und -Yin, Nieren-Qi und -Yin

Zubereitung und Anwendung: 1 TL bis 1 EL mit 200 bis 250 ml kochendem Wasser übergießen und abgedeckt ca. 15 Minuten ziehen lassen. Dreimal täglich 1 Tasse idealerweise 15 Minuten vor dem Essen trinken.

Zusätzlich zum Tee kann man den Patienten raten, Hagebuttenpulver zu nehmen oder den Muttersaft der schwarzen Johannisbeere zu trinken.

Mithilfe einer Differenzierung der Diagnose „rheumatoide Arthritis“ nach den Regeln der chinesischen Medizin kann somit eine gezielte Auswahl der Kräuter erfolgen, die therapieunterstützend zum Einsatz kommen können. Eventuelle Wechselwirkungen zwischen den Kräutern und Medikamenten können gegebenenfalls ebenso eine Anpassung der Rezeptur erforderlich machen wie individuelle Gegenanzeigen.

Literatur

  1. Bader B, Henrich U. Westliche Kräuter in der chinesischen Medizin. 2019
  2. Baur-Müller B. Westliche Heilpflanzen in der Praxis der chinesischen Medizin. 2016
  3. Fiehn C, et al. (2018). S2e-Leitlinie Therapie der rheumatoiden Arthritis mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten.
  4. Finthelmann V, Weiss R. Lehrbuch Phytotherapie. Hipokrates Verlag Stuttgart 2006
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  6. Schilcher H. Leitfaden Phytotherapie. München 2016
  7. Schröder W. Die Meisterkräutertherapie. Ruhpolding 2017
  8. Traversier R, Staudinger K, Friedrich S. TCM mit westlichen Pflanzen. Stuttgart 2012
  9. Ziegler B, Ritter S. Bi-Syndrome in der chinesischen Medizin. München 2022