Sind Sie auch sitzanfällig? Nehmen Sie auch jede Chance Platz zu nehmen wahr bzw. dankend an? Dann wäre dieses Buch etwas für Sie.

Man könnte sagen: Natürlich nimmt man gerne diese Gelegenheiten wahr. Und außerdem wird einem überall ein Sitzplatz angeboten, zum Beispiel im öffentlichen Raum, bei Konferenzen, Fortbildungen und Tagungen. Beim Arzt oder Heilpraktiker natürlich auch – wer wird schon gerne im Stehen beraten, also zwischen Tür und Angel? Wer stehen muss, fühlt sich sofort benachteiligt – man denke nur an die immer rarer werdenden Sitzplätze im ÖPNV.
Dabei stand das Sitzen nicht immer in gutem Ruf. Aristoteles unterrichtete seine Studenten im Peripathos, das heißt im Auf- und Abgehen in einer überdachten Säulenhalle, da er der Meinung war, der Geist werde träge, sobald man sich setzt, und er bleibe aktiver, wenn auch der Körper in Bewegung ist. Er wagte sogar die Behauptung, dass nur Sklaven ihre Arbeit im Sitzen verrichten würden, weil diese gestauchte Körperhaltung dem freien Menschen nicht entspreche. Auch der mittelalterliche Gottesdienst sah das Publikum stehend oder eben kniend. Die meist sehr harten Kirchenbänke mit kurzer Sitzfläche und Brett an der Lehne, die dann auch nicht für Bequemlichkeit, sondern für erhöhte Aufmerksamkeit sorgen, sind Errungenschaft der Reformation.
Die beiden Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Lehrstuhls für Epidemiologie und Präventivmedizin der Universität Regensburg. Sie beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Umwelt- und Lebensstilfaktoren auf die Gesundheit und kommen zu einer, wiewohl zu erwartenden, so doch auch bestürzenden Erkenntnis: Sitzen, vor allem in chronisch rezidivierender Form, macht krank. Als Volk von „Vielsitzern“, das es auf mehr als acht Stunden pro Tag in dieser ungesunden Haltung bringt, riskieren wir die Zunahme von vielfältigen Erkrankungen. Dazu gehören etwa Diabetes mellitus und metabolisches Syndrom, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und des Bewegungsapparates, depressive Verstimmung bis hin zu Depression und Burn-out und nicht zuletzt bösartig Tumore der Sexualorgane und des Darmes. Doch Carmen Jochem und Michael Leitzmann warnen nicht nur vor Risiken und Nebenwirkungen, sie zeigen auch Möglichkeiten zur Abhilfe. Frei nach der Devise: Wenn man schon das Sitzen nicht gänzlich vermeiden kann, dann sollte man es eben so oft wie möglich unterbrechen, um sich zwischendurch immer wieder zu bewegen. Insofern könnte sich beispielsweise die moderne mobile Telefonie als wahrer Segen erweisen.
Was in meinen Augen fehlt, sind Tipps für gesünderes Sitzen bzw. Hinweise auf entsprechend dynamische Sitzmöbel. Doch das soll den positiven Gesamteindruck des recht informativen Buches nicht schmälern.
Wenn Sie allerdings unter ADHS leiden, Hummeln im Hintern haben und sich bei Ihnen partout kein Sitzfleisch entwickeln will, weil Sie keine halbe Stunde sitzen bleiben können, haben Sie diese Rezension leider umsonst gelesen. Denn dann ist das Buch definitiv nichts für Sie.