Fachforum
Naturheilpraxis 05/2021

Sepsis und septischer Schock

Ein zeitkritischer, häufig verkannter Notfall

Vielleicht denken Sie jetzt, eine Sepsis, die bekomme ich in meiner Naturheilpraxis nicht zu sehen, damit müssen sich doch nur die Experten im Krankenhaus beschäftigen. Doch Vorsicht, die Sepsis ist viel häufiger als gedacht und ein Blick auf die Zahlen belehrt uns eines Besseren.

Ein Beitrag von Thomas M. Thust
Lesezeit: ca. 6 Minuten
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In Deutschland erkranken pro Jahr 154 000 Patienten an einer Sepsis, 56 000 Betroffene sterben daran – also fast jeder Dritte dieser Patienten (1). Die hohe Letalität fällt hier auf. Das liegt in den meisten Fällen daran, dass Frühsymptome der Sepsis durch Patienten und Angehörige, tragischerweise teilweise auch vom medizinischen Fachpersonal und Ärzten, nicht rechtzeitig wahrgenommen werden, obwohl es sich um einen potenziell vital bedrohlichen Zustand handelt, der immerhin ähnlich zeitkritisch wie ein Herzinfarkt ist. Bringen wir es auf den Punkt: Die Sepsis wird oft viel zu spät erkannt und gerne auch einmal zu zögerlich behandelt, da sie nicht selten am Anfang so vermeintlich harmlos daherkommt. Auch in unserer Praxis hatten wir schon einige „Fußgängerpatienten“ mit Pneumonie, Harnwegsinfekt oder kleinen Verletzungen (z. B. beim Fußnägel schneiden), die kurz darauf auf der Intensivstation lagen und u. a. dank unserer schnellen Reaktion überlebten. Das heißt, auch in einer allgemeinmedizinischen Praxis oder in der Naturheilpraxis muss mit diesem Notfall jederzeit gerechnet werden. Eine sehr schnelle Erkennung und Behandlung mit einem Zeitfenster von maximal einer Stunde von der ersten Verdachtsdiagnose bis zum Schockraum kann viele Leben retten und großes Leid verhindern.

Eine wichtige Maßnahme sei bereits an dieser Stelle thematisiert: Jeder Sepsisverdacht muss unverzüglich auch direkt ausgesprochen werden. Dies beginnt beim Notruf und muss auch den eintreffenden Notfallsanitätern, Bereitschaftsdienst-, Klinik- und Notärzten gegenüber so professionell und eindringlich kommuniziert werden. Das führt zu erhöhter Aufmerksamkeit, einem priorisierten Blaulichteinsatz mit erster Therapie vor Ort und weiter, nach Voranmeldung via internistischem Schockraum, zur intensivmedizinischen Behandlung in einer geeigneten Zielklinik.