„Schau mir in die Augen, Kleines“ – wer kennt nicht die weltbekannte Aufforderung von Humphrey Bogart in „Casablanca“? Auch unsere Patienten kommen oft mit einem ähnlich formulierten Wunsch in die Praxis und möchten von uns Auskunft darüber, was in ihren Augen zu sehen ist.

In Anlehnung an die Ausführungen Hermann Biecheles in der letzten Ausgabe der N habe ich nun drei Patienten genauer in die Augen geschaut und versucht, anhand des Mottos „Muster erkennen und Zeichen deuten“ einen irisdiagnostischen Befund zu erstellen. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich meine Herangehensweise im Laufe der Jahre verändert hat, und zwar weg von den einzelnen Zeichen hin zur Gesamtschau des Auges.

Beispiel 1

Im ersten Beispiel (Bild 1 und 2) fällt als Grundmuster das Übergewicht an Strukturzeichen auf. Sind so viele Lakunen vorhanden, dann kann man die einzelne Lakune nicht groß gewichten, sondern muss diese Gegebenheit konstitutionell werten. In diesem Fall kann man meiner Meinung nach nicht ganz eindeutig unterscheiden zwischen einer pluriglandulären und einer bindegewebigen Schwäche. Ein weiteres Grundmuster bilden die Furchen, v. a. zirkulär stark ausgeprägt. Überhaupt ist die Iris eher zirkulär ausgerichtet. Was die Pigmentierung angeht, so haben wir es mit einer Misch-Iris mit stark hämatogenem Anteil zu tun, die keine weiteren Fremdpigmente aufweist. Die Misch-Iris wird häufig in Bezug zum Leber-Galle-System gesehen. Ich kann das nicht so pauschal bestätigt sehen, achte dennoch auf weitere Zeichen diesbezüglich. Eine Häufung von Zeichen (akzessorische Zeichen) zu einem bestimmten Phänomen in der Iris erhöht die Sicherheit einer Aussage. Hier sehen wir im rechten Auge temporal ein Tangentialgefäß mit Bezug zum Leber-Galle-Sektor, vermehrt Zirkulärfurchen und bei genauem Hinschauen auch eine leichte Aufhellung des Gallesektors. Tatsächlich hatte die Patientin immer wieder Oberbauchbeschwerden, bis bei einer Sonografie Gallensteine entdeckt wurden und die Gallenblase daraufhin entfernt wurde. Die Mischkonstitution soll uns aber nicht übersehen lassen, dass eine lymphatische Schwäche vorliegt. Die Lymphzysten im Augenweiß und die Staketen am Ziliarrand sind eindeutige Hinweise für eine toxische Lymphbelastung. Ich will noch einmal auf die Strukturzeichen eingehen, die sich vor allem am inneren und äußeren Krausenrand häufen. Inkretorische und exkretorische Anpassungsschwächen sind zu erwarten. Dazu kommt das sehr grobe Relief der Magen-Darm-Zone, das uns an eine Schleimhautschwäche denken lässt. Eine Ernährungsberatung ist für diese Patientin unerlässlich. Die Schleimhautschwäche kann sich auch immunologisch äußern, im Sinn eines Leaky-Gut-Syndroms. In Zusammenhang mit der schon erwähnten lymphatischen Insuffizienz kann dies zur Infektanfälligkeit, zu allergischen oder pseudoallergischen Reaktionen führen. In Verbindung mit der bindegewebigen Schwäche, die auch als immunopathologische Schwäche zu deuten ist, ist das eine ungünstige Kombination. Tatsächlich war die Infektanfälligkeit für die Patientin in ihren letzten Berufsjahren vor der Rente ein Dauerthema, das sie häufig in meine Praxis führte.