Horizont
Naturheilpraxis 01/2023

Salutogenese – das Geheimnis der Gesundheit

Der Begriff "Salutogenese" taucht in letzter Zeit immer wieder auf. Er stellt, ganz vereinfacht ausgedrückt, die Frage: Was macht bzw. hält den Menschen gesund? Im Gegensatz zu: Was macht ihn krank? Letzteres wird mit dem bekannten Wort "Pathogenese" bezeichnet, das "Krankheitsentstehung" bedeutet.

Ein Beitrag von Irene Dalichow
Lesezeit: ca. 9 Minuten
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Salutogenese ist eine relativ neue Wortschöpfung. Sie leitet sich vom lateinischen Wort salus ab, das unter anderem „Wohlbefinden“, „Heil“, „Glück“, „Sicherheit“ und „Gesundheit“ bedeutet; und vom griechischen genesis („Entstehung“, „Ursprung“). Eine Definition lautet: Salutogenese ist die Wissenschaft von den Bedingungen, die Gesundheit ermöglichen, aufrechterhalten und wiederherstellen.

Schöpfer des Ausdrucks und des dahinterstehenden, komplexen Modells ist der amerikanisch-israelische Soziologieprofessor Aaron Antonovsky (1923–1994). Er wuchs in den Vereinigten Staaten auf, diente im Zweiten Weltkrieg in der US-Armee und wanderte Anfang der 1960er-Jahre nach Israel aus. In Jerusalem beschäftigte er sich als Soziologe unter anderem mit Frauen aus Mitteleuropa, die zwischen 1914 und 1923 geboren waren. Einige von ihnen hatten Internierungen in Konzentrationslager überlebt und sich trotz der extremen Belastungen dort eine gute körperliche und geistige Verfassung bewahrt. Antonovsky schreibt dazu: „Den absolut unvorstellbaren Horror des Lagers durchgestanden zu haben, anschließend jahrelang eine deplatzierte Person gewesen zu sein … und dennoch in einem angemessenen Gesundheitszustand zu sein! Das war für mich die dramatische Erfahrung …“, die ihn sein Konzept der Salutogenese entwickeln ließ. Es erregt seit Ende der 1970er-Jahre in der Welt der Medizin und Psychologie großes Aufsehen. Bis heute wird es als bedeutsames, innovatives Modell angesehen, das in seiner wissenschaftlichen Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen und ausgeschöpft ist. In den vergangenen Jahrzehnten wurde schon sehr viel damit gearbeitet. So formulierte die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1986 die „Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung“ und ließ dort wichtige Züge der Salutogenese einfließen. Das Modell ist heute Bestandteil vieler Fachrichtungen wie Geriatrie, Jugendhilfe, Agrarwissenschaften, Ernährungslehre, Gesundheits- und Sportwissenschaften, Psychologie und Soziologie. Beispielsweise beschäftigte sich der Kongress Armut und Gesundheit in Berlin im Januar 2022 ausführlich mit dem Thema.

Für Antonovksy schließen sich Salutogenese und Pathogenese nicht aus. Gesundheit ist für ihn kein passiver Gleichgewichtszustand, sondern ein aktives Geschehen, das sich zwischen zwei Polen bewegt: völlig gesund und sehr krank. Er versteht alle Menschen als mehr oder weniger gesund, auch schwer und chronisch Kranke – eine bis dato ungewöhnliche, sehr positive, Mut machende Sichtweise.

Als wichtigen schädlichen Faktor sieht er Stress an. Sein erstes, bahnbrechendes Buch trägt folglich den Titel „Health, Stress and Coping“ (Etwa: „Gesundheit, Stress und Stressbewältigung“). Um mit Stress zurechtzukommen, braucht es ein möglichst ausgeprägtes „Kohärenzgefühl“, bei dem die Stichworte Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit wesentliche Rollen spielen. Eigentlich lautet die Wortbedeutung von Kohärenz „Zusammenhang“. (Der im Moment häufig verwendete Begriff „Resilienz“ für psychische Widerstandskraft ähnelt der Salutogenese, ist aber nicht dasselbe.)

„Verstehbarkeit“ erklärt Antonovsky folgendermaßen: „Die Person mit einem hohen Maß an Verstehbarkeit geht davon aus, dass Stimuli, denen sie in Zukunft begegnet, vorhersagbar sein werden oder dass sie zumindest, sollten sie tatsächlich überraschend auftreten, eingeordnet und erklärt werden können.“ Über den Begriff „Handhabbarkeit“ schreibt er: „Wer ein hohes Maß an Handhabbarkeit erlebt, wird sich nicht durch Ereignisse in die Opferrolle gedrängt oder vom Leben ungerecht behandelt fühlen. Bedauerliche Dinge geschehen nun einmal im Leben, aber wenn sie dann auftreten, wird man mit ihnen umgehen können und nicht endlos trauern.“ „Bedeutsamkeit“ heißt, dass Menschen Lebensbereiche haben, die ihnen sehr am Herzen liegen, die für sie Sinn ergeben und für die sie sich engagieren.

Menschen mit einem ausgeprägten Kohärenzgefühl schaffen es, sich auch unter extrem belastenden Bedingungen stabil zu halten, wie die erwähnten ehemaligen KZ-Insassinnen. Menschen mit einem schwächer ausgeprägten Kohärenzgefühl hingegen nehmen durch die Probleme des Lebens Schaden.

Kritik an Antonovskys Modell besteht darin, dass er nicht erklärt, warum Gesundheit nach Kultur, Geschlecht und Alter variiert. Und es wird seine Annahme bemängelt, dass sich das Kohärenzgefühl angeblich nur bis zum Alter von 30 Jahren entwickelt und danach mehr oder minder bestehen bleibt. Mittlerweile besagen wissenschaftliche Untersuchungen, dass auch ältere Menschen ihr Kohärenzgefühl wachsen lassen und stärken können.

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Ansteckende Gesundheit

Der Arzt für Naturheilkunde und Bestsellerautor Dr. Rüdiger Dahlke verwendet in seinen Artikeln, Büchern und Vorträgen häufig den Begriff Salutogenese, und er spricht gern von „ansteckender Gesundheit“. Auch der renommierte Neurobiologe und Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther ist ein ausdrücklicher Freund des Konzepts der Salutogenese.

Eine Frau, die in ihrem beruflichen Alltag viel damit zu tun hat, ist Professor Dr. phil. Myriam Fröschle-Mess, Dozentin für Sozialpädagogik und Management an der iba University München, einer großen deutschen Berufsakademie. Fröschle-Mess hat über das Thema Salutogenese promoviert. Dabei stand die Frage nach der Schaffung gesundheitsförderlicher Verhältnisse in Betrieben im Zentrum. In ihrer Funktion als Professorin stellt sie heute das Konzept vorwiegend in ihrem Seminar „Soziale Arbeit und Gesundheit“ vor. Jenseits davon bietet sie Firmen Einzel- und Gruppencoachings an, wobei es ihr vor allem um die Vorbeugung gegen Burnout und Depression durch Arbeitsüberlastung geht. Sie schreibt: „Mit der Schaffung gesundheitsförderlicher Verhältnisse im Sinne des salutogenetischen Ansatzes werden Achtsamkeit, Anerkennung und Wertschätzung im sozialen Miteinander gefördert. All dies wirkt sich nachhaltig positiv auf Motivation, Leistungsbereitschaft und Zufriedenheit und auch auf die Persönlichkeitsentfaltung aus.“ Sie empfiehlt, dass Pädagogen Kinder und Jugendliche schon in Kindergarten und Schule altersgerecht mit dieser so konstruktiven, optimistischen Lebenseinstellung vertraut machen.

Die Verbindung zwischen Anthroposophischer Medizin und Salutogenese hat die Schweizer Kinderärztin Michaela Glöckler hergestellt. Rudolf Steiner (1861–1925), Begründer der Anthroposophie, die beispielsweise die Basis der Waldorfpädagogik bildet, entwickelte ab 1920 diese Richtung in der Medizin, die auf einem ganzheitlichen, letztlich salutogenetischen Menschenbild basiert. Michaela Glöckler erklärt: „Steiner nannte Krankheit ein Sich-Herausbewegen aus der Gesundheit und Heilung ein Sich-Hineinbewegen in die Gesundheit.“

In welcher Weise nun nimmt das Kohärenzgefühl Einfluss auf den Gesundheitszustand einzelner Personen? Aaron Antonovsky sieht dafür vor allem drei wichtige Kanäle; erstens das Gehirn als Gesundheitsversorgungssystem. Es kann die Welt als verstehbar, handhabbar und bedeutsam wahrnehmen und den anderen körperlichen Systemen förderliche Informationen zukommen lassen. Zweitens weichen Personen mit hohem Kohärenzgefühl Stressoren bewusst aus, und sie vermeiden generell gesundheitsschädliches Verhalten. Drittens schließlich gehen sie erfolgreich mit Stressoren um. Hier noch einmal der oben zitierte Kernsatz Antonovskys: „Bedauerliche Dinge geschehen nun mal im Leben. Aber wenn sie dann auftreten, wird man mit ihnen umgehen können und nicht endlos trauern.“

Apropos Trauer: Bemerkenswert ist auch, dass die pathogenetische Sichtweise den Tod als letztes Versagen von Reparaturmöglichkeiten ansieht. Die salutogenetische Perspektive hingegen bezieht den Tod als Teil des Lebens ein. Hier liegt vielleicht der tiefste und bedeutsamste Unterschied zwischen den Weltbildern.

Gerade konnten wir alle hier in Deutschland sehr eindrucksvoll miterleben, wie stark die beiden unterschiedlichen Sichtweisen sogar auf das Alltagsleben der gesamten Bevölkerung Einfluss nehmen können: Während der „Corona“-Pandemie stammten die öffentlich zu sehenden, zu hörenden und zu lesenden Expertinnen und Experten zum größten Teil aus dem pathogenetisch orientierten Lager. Ihre angstauslösenden, Verwirrung stiftenden und entmutigenden Äußerungen waren zum Teil kaum zu ertragen und haben mit Sicherheit die Seelen vieler Menschen beschädigt, wenn nicht gar traumatisiert. Die Äußerungen standen im krassen Gegensatz zu dem, was der Eid des Hippokrates besagt, nämlich, dass ein Arzt den ihm Anvertrauten nicht schaden darf. Einer der wenigen an diesem Grundsatz orientierten viel befragten Fachleute war der Virologe Professor Dr. Hendrik Streeck, Mitglied des Expertenrates der Bundesrepublik. In einem Interview sagte er sinngemäß, er sehe seine Aufgabe als Mediziner darin, auf keinen Fall Panik zu verbreiten, sondern im Gegenteil beruhigend zu wirken und das zu betonen, was gut läuft. Genau dies tat er und tut er bis heute.

Mitgestaltung eines guten Lebens

„Mit einer konsequent salutogenetischen Orientierung lässt sich fast jede Methode noch erheblich wirksamer anwenden.“ Das sagt Theodor Dierk Petzold, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren mit fast 40-jähriger Praxis.

In seinem Buch „Gesundheit ist ansteckend“ erklärt er Folgendes: Wir haben hier in Deutschland eine sehr teure und ziemlich gute Krankenversorgung, was aber leider nicht das Gleiche bedeutet wie „Sorge für die Gesundheit“. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte im Jahr 2000 in einer großen Studie fest, dass das deutsche Gesundheitssystem weltweit erst auf Platz 25 liegt, wenn dabei auch die Gesundheitsvorsorge berücksichtigt wird. Sie schneidet also nicht sonderlich gut ab.

In den vergangenen 150 Jahren orientierte sich unsere westliche Medizin fast ausschließlich an Krankheiten und ihrer Bekämpfung, statt sich wie die traditionelle Chinesische, Tibetische und Indische Medizin darauf zu konzentrieren, auf welche Weise Menschen möglichst lange gesund bleiben können. Aaron Antonovsky brachte eine solche Betrachtungsweise und damit ein neues Paradigma in die moderne westliche Medizin ein. Damit regte er auf vielfältige Weise die Praxis von Vorbeugung, Heilung und Rehabilitation an. Während die Schulmedizin und die pathogenetische Betrachtungsweise den menschlichen Körper und seine Funktionen in Einzelteile zerlegt, sieht die Salutogenese den ganzen Menschen und das Zusammenspiel von allem, sie ist „systemisch“.

Theodor Dierk Petzold begründete im Jahr 2004 in Bad Gandersheim das Zentrum für Salutogenese, das er bis heute leitet. Mittlerweile gibt es ein solches Institut auch in Passau, mit dem er eng zusammenarbeitet. An der Universität Zürich besteht ein weiteres Zentrum, in Philadelphia (USA) ist eins in Planung.

Als Grund für die Einrichtung des Zentrums nennt Petzold „… damit das, was vielerorts als Ideen im Raum schwirrte, einen Platz in der Realität bekommt.“ Unter anderem bietet er hier Ausbildungen, Fortbildungen und Kurse an. Auch veranstaltet er regelmäßige Symposien zum Thema. Studentinnen und Studenten, die darüber arbeiten wollen, erhalten hier Unterstützung.

Auf die Frage, wie salutogenetisch orientierte Patientinnen und Patienten mit pathogenetisch eingestellten Ärzten umgehen sollten, antwortet er: „Pragmatisch. Indem ich mir von ihnen das geben lasse, was mir guttut, was mein Körper gerade braucht, um wieder besser zu funktionieren. Wenn ich Perspektiven zur Heilung suche, werde ich allerdings bei pathogenetisch orientierten Ärztinnen und Ärzten mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht.“ Es gebe aber auch Allgemeinärzte, die trotz ihrer pathogenetischen Denkweise patienten- und gesundheitsorientiert arbeiten.

Im Studium und in der Klinik lernten Ärzte eine pathogenetische Einstellung. Zudem sei fast die gesamte medizinische Forschung so ausgerichtet. Auch wirtschaftliche Interessen spielten eine wichtige Rolle; die Pharmaziekonzerne machten nämlich vor diesem Hintergrund allergrößte Profite. An der Salutogenese, welche die Selbstheilungsfähigkeit im Blick hat und fördert, werde wesentlich weniger verdient.

Sagen wir, jemand hätte einen schlimmen Unfall oder eine schreckliche Krankheit überstanden. Da ist ja gut vorstellbar, dass diese Person, auch wenn sie vorher ganz anders eingestellt war, plötzlich die Dinge auf eine salutogenetische Weise sieht. Aber es gibt sicher auch Leute, die auf das Stichwort Salutogenese stoßen und sich sagen: „Das ist mir neu. Es wäre sicher nicht schlecht für mich, wenn ich diese Weltsicht übernehme. Aber wie schaffe ich das, wo ich mein ganzes bisheriges Leben völlig anders drauf war?“

Dazu Petzold: „Am einfachsten, indem diese Person anfängt, sich zu fragen: „Was tut mir nachhaltig gut? Was nicht? Was ist mir bedeutsam, was ist für mich wirklich stimmig? Was will und kann ich lernen?“ Und indem sie das womöglich mit anderen teilt und/oder daraus Konsequenzen für ihr Handeln folgen lässt – dann ist ein großer Schritt zu einer gesunden Entwicklung und zu einem guten Leben getan. Das ist vielleicht in ihrem Kopf neu für sie, aber in ihrer unbewussten Selbstregulation eigentlich ganz natürlich. Dann kann sie womöglich erkennen, dass sie im Grunde auch schon in ihrem bisherigen Leben in der Tiefe ihres Strebens genau das gesucht hat … Ein solches Streben ist im Grunde jedem Menschen zutiefst eigen. Es erfordert allerdings hin und wieder eine ausdrückliche Rückbesinnung auf diese Motivation. Wenn die Person sich immer wieder mal die oben genannten Fragen stellt, dann kommt sie in der Mitgestaltung ihres guten Lebens voran.“

Film-Tipp

In ihrem Film „Heil dich doch selbst“ (2022) macht sich Filmemacherin Yasmin C auf den Weg eine neue alternative Behandlungsmethode für ihre seit Kindheit bestehende Epilepsie-Erkrankung zu heilen. Als DVD oder VoD erhältlich.

Literatur

  1. Agus, David B.: Leben ohne Krankheit. Piper, München und Zürich 2013
  2. Agus, David B.: Der einfache Weg zu einem langen Leben. Piper, München und Zürich 2014
  3. Antonovsky, Aaron: Salutogenese – Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dgvt-Verlag, Tübingen 1997
  4. Frankl, Viktor E.: Trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel, München 2015, 7. Aufl.
  5. Frankl, Viktor E.: Der leidende Mensch – Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Hogrefe, Bern 2018, 4. Aufl.
  6. Freund, Andrea: Salutogenese – Das Geheimnis der Gesundheit in: Zeitschrift „Natur und Heilen“, München, August 2018
  7. Glöckler, Michaela et al.: Kindersprechstunde: Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber. Urachhaus, Stuttgart 2015
  8. Petzold, Theodor Dierk: Gesundheit ist ansteckend – Praxisbuch Salutogenese. Irisiana, München 2014
  9. Sacks, Oliver: Alles an seinem Platz. Rowohlt, Hamburg 2019
  10. Voelpel, Sven: Die Jungbrunnen-Formel – Wie wir bis ins hohe Alter gesund bleiben. Rowohlt, Hamburg 2020
  11. Zentrum für Salutogenese, www.salutogenese-zentrum.de