Der Leidensdruck bei den betroffenen Patientinnen ist hoch. Die Statistik besagt, dass die Blasenentzündung die häufigste bakterielle Erkrankung des Menschen ist. Etwa jede dritte Frau hat einmal im Jahr einen Harnwegsinfekt. Und in ca. 20 % der Fälle treten Rezidive auf. Das heißt also: Etwa jede fünfte Frau hat wiederkehrend mit Harnwegsinfekten zu kämpfen.

Dass Frauen aufgrund der kurzen Harnröhre und deren Nähe zum After deutlich häufiger von Harnwegsinfekten betroffen sind als Männer, klingt anatomisch plausibel. Ab dem 50. Lebensjahr holen jedoch auch die Männer durch Probleme mit Restharnbildung aufgrund benigner Prostatahyperplasien in der Statistik auf.

Zu Beginn will ich einen Praxisfall darstellen, der zum Glück in dieser Schwere und Inkompetenz in der Behandlung nur sehr selten in unserer Praxis in den letzten 16 Jahren aufgetreten ist. Abstufungen von diesem Praxisfall finden sich aber regelmäßig wieder, und es gibt mittlerweile eine große Zahl an dokumentierten Fällen, wo Patientinnen über Monate und sogar viele Jahre nur unbefriedigende Therapieresultate in der Vorgeschichte erzielt haben. Die Patientin stellte sich mit einem seit 5 Jahren ständig rezidivierenden Harnwegsinfekt in der Praxis vor. Davor hatte sie nie Probleme damit gehabt. Nachdem es im ersten Jahr „nur“ drei Blasenentzündungen waren, steigerte sich die Frequenz so stark, dass sie zum Zeitpunkt des Praxisbesuches maximal drei Wochen ohne Antibiose war. Zunächst erklärte ich ihr die Zusammenhänge zwischen einem möglichen Erregerreservoir im Vaginaltrakt und der Wichtigkeit des Darmes für die Abwehrlage der Schleimhäute. Ich verwies darauf, dass 20 bis 50 % eines oralen Antibiotikums nicht resorbiert werden und im Dickdarm, gerade bei den sogenannten Breitbandantibiotika, die „guten“ Bakterien dezimieren, die aber unabdingbar für eine gute Immunkompetenz der Schleimhäute sind. Daraufhin wurde – neben einer Stuhldiagnostik – eine Bestimmung des bakteriellen Milieus des Vaginaltraktes veranlasst. Das Ergebnis ist in Tabelle 1 zu sehen. Während sich die für die Vaginalgesundheit wichtigen Laktobazillen im Normbereich befinden, sind jedoch alle möglichen pathogenen Keime in beeindruckenden Mengen zu finden. Der Befund kann als hochgradig behandlungsbedürftig bezeichnet werden.