Schwerpunkt
Naturheilpraxis 05/2022

Reizdarmsyndrom und Ernährung

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter dem Reizdarmsyndrom. Auch wenn es sich beim RDS nicht um eine lebensbedrohliche Erkrankung handelt, ist der Alltag der Betroffenen oft stark eingeschränkt und die Heilungschancen sind nicht so groß: Lediglich jeder Fünfte wird beschwerdefrei (1). Um diese Ausgangssituation für den Patienten zu verbessern, sollte die Ernährungsberatung ein fester und wichtiger Bestandteil des Therapiekonzeptes sein.

Ein Beitrag von Stefanie Möller-Peske
Lesezeit: ca. 7 Minuten
SciePro / shutterstock.com

Viele Patienten kommen in die naturheilkundliche Praxis mit der bereits gestellten Diagnose Reizdarmsyndrom. Meist haben sie einen langen Leidensweg hinter sich, durchgeführte Untersuchungen blieben ohne „echten“ Befund, die Beschwerden sind aber noch immer da bzw. haben sich in vielen Fällen noch verschlimmert. Oft wurden sie dabei in die „Psychoecke“ gestellt und fühlen sich und ihre Beschwerden nicht ernst genommen. Bei Patienten entsteht häufig der Eindruck, wenn niemand mehr eine Idee hat, wird die Diagnose Reizdarm gestellt. Gerade durch die Komplexität der Beschwerden und der langen Dauer bis zur Diagnose ist es umso wichtiger, dass zwischen Patient und Behandler ein Vertrauensverhältnis besteht.

Beschwerden und Diagnose

Das Beschwerdebild kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Vielen gemeinsam sind Symptome wie

  • Blähungen,
  • Bauchschmerzen bis hin zu Bauchkrämpfen,
  • Diarrhö oder Obstipation oder beides im Wechsel (Mischtyp) und
  • Veränderung der Stuhlkonsistenz.

Das Reizdarmsyndrom kommt bei Frauen etwa doppelt so häufig vor wie bei Männern (2), zieht sich durch alle Altersschichten, wobei es vermehrt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auftritt. Das Reizdarmsyndrom – auch irritables Kolon oder Colon irritabile genannt – gilt u. a. als funktionelle Störung zwischen dem vegetativen Nervensystem und der Darmmuskulatur ohne erkennbare organische Ursache. Die Diagnose Reizdarm wird aktuell noch im Ausschlussverfahren gestellt. Gemäß Leitlinie DGVS (2) müssen folgende drei Punkte zur Diagnosestellung erfüllt sein:

  1. Die Beschwerden im Magen-Darm-Trakt bestehen länger als drei Monate bzw. sind innerhalb dieser Zeit immer wieder aufgetreten.
  2. Der Patient ist in der Lebensqualität so stark eingeschränkt, dass er einen Arzt aufsucht.
  3. Andere Erkrankungen, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen, müssen ausgeschlossen sein.

Gerade der dritte Punkt trägt zur Verschlimmerung des Leidensweges vieler Patienten bei. Immer neue Untersuchungen – immer ohne wirkliches Ergebnis. Von Nahrungsmittelunverträglichkeiten über CED (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) bis hin zum Kolonkarzinom können viele Erkrankungen ähnliche Symptome verursachen. Von Untersuchung zu Untersuchung befindet sich der Patient in einem Zustand zwischen Hoffen und Bangen. Diese oft lang andauernde Zerreißprobe sollten Therapeuten nicht aus dem Blick verlieren.

Ist die Diagnose gestellt, fragen viele Patienten nach der Ursache. Leider ist auch diese Antwort nicht so einfach und nicht so befriedigend für den Patienten. Beim RDS wird von einer multifaktoriellen Erkrankung gesprochen. Dieses bedeutet, dass es verschiedene Ursachen gibt, die das Entstehen eines RDS begünstigen.

Gemäß der aktuellen Leitlinie (2) zum Reizdarmsyndrom können u. a. folgende „Trigger“ ausgemacht werden:

  • vorangegangene Magen-Darm-Infekte
  • genetische Prädisposition
  • mikroskopisch kleine Entzündungen der Darmschleimhaut
  • vorangegangene Antibiotikabehandlungen
  • Störungen der Darmflora
  • eine instabile Darmbarriere
  • akute und chronische psychische Faktoren
  • Stress

Insbesondere bezogen auf die psychischen Faktoren gilt, dass es nicht ein Faktor ist, der das Entstehen des RDS hervorruft, sondern vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer.

Ernährungsempfehlungen bei RDS

Je nach individuellem Know-how des Therapeuten kann eine Ernährungsberatung auch aus einer Hand vorgenommen werden. Empfehlenswert ist andernfalls der interdisziplinäre Austausch und die Zusammenarbeit mit einem Ernährungsberater.

Bevor es zu Empfehlungen einer bestimmten Ernährungsstrategie kommt, ist es ratsam, dass der Patient über einen Zeitraum von mindestens drei bis vier Wochen ein Ernährungs- und Symptomtagebuch führt. Das Tagebuch sollte neben Punkten wie

  • Datum, Uhrzeit und Ort der Nahrungsaufnahme,
  • Nahrungsmittel inkl. Getränken, Zubereitungsart und Menge,
  • Beschwerden (Bauchschmerzen, Blähungen, Krämpfe, Stuhldrang etc.) – gern mit Bewertung auf einer Skala von 0 bis 10, wobei die Beschwerden bei 10 besonders heftig waren – und
  • Stuhlgang mit Angabe von
  • Häufigkeit pro Tag,
  • Konsistenz (z. B. geformt, breiig, Durchfall) pro Stuhlgang,
  • Farbe (z. B. weiß, silbrig, hellbraun bis dunkelbraun, schwarz) und evtl. auftretende
  • Blut- oder Schleimauflagerungen enthalten.

Auch Angaben zu/r

  • Einnahme von Medikamenten,
  • evtl. Schichtarbeitszeiten/-wechsel,
  • Sport bzw. Bewegung, aber auch evtl. Anwendung von Entspannungsverfahren und
  • allg. Stimmung bzw. emotionalen Ereignissen (positiven wie negativen)

sollten festgehalten werden. Schön ist es, wenn dem Patienten ein Vordruck zum Kopieren – individuell angepasst – mitgegeben werden kann. Die Auswertung des Ernährungs- und Symptomtagebuchs gibt dem Therapeuten einerseits die Möglichkeit, die vorrangigen Beschwerden des Patienten zu erkennen und anderseits bestimmte Muster oder Trigger festzustellen. Lebensmittel, die Beschwerden verstärken, sollten dabei eliminiert werden. Dies kann ebenso Zubereitungsarten betreffen, wie z. B. Rohkost nach 18 Uhr.

Die Low-FODMAP-Diät wurde und wird in den Praxen immer noch als standardisierte Ernährungstherapie bei RDS empfohlen.

FODMAP steht dabei für:

FO – fermentierte Oligosaccharide, z. B. Kohl, Zwiebeln, Knoblauch, Weizen, Roggen

D – Disaccharide, z. B. Laktose (enthalten in Milchprodukten, frischen Käsearten)

M – Monosaccharide, z. B. Fruktose (enthalten in Äpfel, Birnen, Pflaumen, Mangos)

A – steht für and (und)

P – Polyole, z. B. Zuckeraustauschstoffe/Süßstoffe, wie Manit, Sorbit, Xylit, Isomalt

Der Ablauf der Diät läuft grob gesagt wie folgt: Lebensmittel, die reich an FODMAPs sind, werden für einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen aus dem Speiseplan eliminiert. Danach werden – idealerweise nach Besserung der Beschwerden – einzelne Lebensmittel nach und nach wieder eingeführt. Nicht bei jedem Patienten führt die FODMAP-Diät zur Verbesserung der Symptome.

Studien haben gezeigt, dass die FODMAP-Diät bei Patienten mit Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfällen als vorrangigen Symptomen die Beschwerden lindern kann – besonders bezogen auf die Schmerzen (3). Bei Patienten mit Verstopfung als vorrangigem Symptom des RDS konnte eine Linderung der Beschwerden durch die FODMAP-Diät nicht immer erzielt werden. Aus diesem Grund wird die FODMAP-Diät in der Leitlinie (2) bei Patienten mit Diarrhö als vorrangigem Symptom stärker empfohlen als bei Patienten mit Obstipation.

In Kombination mit den Ergebnissen aus dem Ernährungs- und Symptomentagebuch sowie folgenden ergänzenden Empfehlungen, sollte die FODMAP-Diät einen Versuch Wert sein:

  • „Eine gute Verdauung beginnt im Mund!“: Gutes Kauen und wenig Ablenkung bei der Mahlzeitenaufnahme (Handy und Co.) ist eine einfache, aber effektive Empfehlung.
  • Eine ausreichend große Trinkmenge – je nach Geschlecht, Körpergröße und -gewicht – hat sich als unterstützend erwiesen. Dabei sind stilles Wasser und ungesüßte Kräutertees zu bevorzugen. Auf Koffein und Alkohol sollte verzichtet werden.
  • Insbesondere scharfe und stark gewürzte Speisen können die Beschwerden verschlimmern. Daher sollten diese nicht auf dem Speiseplan stehen.
  • Eine große Bedeutung kommt der regelmäßigen Aufnahme von löslichen Ballaststofen zu, wie z. B. gemahlenen Flohsamenschalen oder Inulin (2). Davon können sowohl Patienten profitieren, die vorrangig unter Durchfall leiden, als auch Patienten, die vorrangig unter Verstopfung leiden. Auf eine routinemäßige Berücksichtigung von löslichen Ballaststoffen im Ernährungsplan sollte hingewiesen und geachtet werden. Der Effekt von nicht-löslichen Ballaststoffen in Bezug auf die Linderung der Beschwerden beim Reizdarmsyndrom war nicht so groß.
Flohsamenschalen Yuliya Padina / shutterstock.com

Weiterer wichtiger Therapieansatz für die Praxis

Durch die Komplexität und Variabilität des RDS sollten verschiedene Therapieoptionen – so individuell wie möglich – zum Tragen kommen. Manche Therapieoptionen haben dabei einen größeren Effekt auf die Linderung der Beschwerden, andere einen geringeren oder aber leider gar keinen. Darüber sollte mit dem Patienten offen gesprochen werden.

Die Leitlinie zum RDS (2) stellt – neben anderen Behandlungsansätzen – unterschiedliche Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung vor, welche je nach Symptomenprävalenz zur Verfügung stehen. Dem Status der Darmflora wie auch der Darmschleimhaut sollte – aus meiner Sicht – mehr Bedeutung beigemessen werden, als dies in der Leitlinie der Fall ist.

Zur Überprüfung des Status sollte eine Stuhlprobe in ein geeignetes Fachlabor gesandt werden. Die relevanten Untersuchungsparameter sind neben der Stuhlflora inkl. pH-Wert auch die Verdauungsrückstände, sIgA, Calprotectin und Alpha-1-Antitrypsin. Sicherlich kann noch eine Menge mehr untersucht werden, wenn dieses nicht bereits bei den Voruntersuchungen zur Diagnosestellung erfolgt ist. Aus meiner Erfahrung heraus plagt Reizdarmpatienten in vielen Fällen zusätzlich auch ein Leaky-gut-Syndrom und/oder eine bakterielle Fehlbesiedelung. Bevor ich eine evtl. bakterielle Fehlbesiedelung behandle, starte ich zunächst mit einer Stabilisierung der Darmbarriere (das dauert in der Regel 6 bis 12 Wochen, je nach Schweregrad).

Gerade bei einem zusätzlichen Leaky-Gut-Syndrom hat sich Myrrhinil-Intest (Repha) als ein durch Studien gut belegtes Präparat aus Myrrhe, Kamille und Kaffeekohle erwiesen. Myrrhe wirkt wundheilungsfördernd, antiphlogistisch sowie spasmolytisch (4) und ist in der Lage, die Darmbarriere zu stabilisieren (5), also dem Leaky-Gut-Syndrom entgegenzuwirken. Die Kamille zeigt sich ebenfalls antiphlogistisch, darüber hinaus krampflösend, entspannend, entblähend und wundheilungsfördernd. Kaffeekohle ist in der Lage, Gase, Bakterien und deren Gifte zu binden, wirkt also absorbierend. Der Patient profitiert doppelt vom Einsatz von Myrrhinil-Intest. Einmal im Hinblick auf die Stabilisierung der Darmbarriere und zum Zweiten bezogen auf die Linderung der Symptome des Reizdarmsyndroms (wie Blähungen, leichte Krämpfe und Durchfall) (6).

Myrrheharz Madeleine Steinbach / shutterstock.com

Zunächst plane ich die Einnahme von Myrrhinil-Intest für vier bis sechs Wochen (abhängig vom Beschwerdegrad). Nach Ablauf dieser Zeit haben sich meiner Erfahrung nach die Beschwerden bereits gebessert. Zusätzlich nimmt der Patient die Aminosäure L-Glutamin (als Reinsubstanz von verschiedenen Herstellern verfügbar) zur weiteren Unterstützung der Regeneration der Darmschleimhaut ein. Erst, wenn die Darmbarriere wieder in Takt ist (Kontrolle mittels erneuter Stuhlprobe nach frühestens 12 Wochen), beginnt die Korrektur der bakteriellen Fehlbesiedlung. Hier ist es ebenfalls wichtig, nur das zu korrigieren, was aus dem Gleichgewicht geraten ist, z. B. wenn „nur“ die Laktobazillen-Stämme reduziert sind, werden auch nur diese wieder ausgeglichen. Zusätzlich zu den Ernährungsempfehlungen profitiert der Patient von dieser Stärkung der Darmbarriere und -flora enorm, denn auch evtl. bestehende Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden – meiner Erfahrung nach – deutlich reduziert.

Um Veränderungen des Befindens und der Symptome optimal überprüfen zu können, hat es sich bewährt, den Patienten auch während der Therapie ein Ernährungs- und Symptomentagebuch weiterführen zu lassen. So kann auch der Therapeut die Kontrolle der Behandlung besser verfolgen und ggf. Anpassungen vornehmen.

Literatur

  1. Keller J. et al. Der Internist 54(11): 1337-49 (2013)
  2. Update S3 Leitlinie zum Reizdarmsyndrom der DGVS und DGNM aus Juni 2021 n.rpv.media/4qh
  3. Eswaran SL, Chey WD, Han-Markey T et al. A Randomized Controlled Trial Comparing the Low FODMAP Diet vs. Modified NICE Guidelines in US Adults with IBS-D. Am J Gastroenterol 2016; 111: 1824–1832
  4. Vissiennon C. et al. Planta Med 81 (2): 116-22 (2015)
  5. Rosenthal R. et al. Int J Colorectal Dic (2016)
  6. Albrecht U. et al. BMJ Open Gastroenterol 1 (1): e000015. eCollection (2014)

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 05/2022

Erschienen am 03. Mai 2022