Schwerpunkt
Naturheilpraxis 03/2021

Psychische Belastung – Pandemien wirken lange nach

Negative Auswirkungen einer hohen Stressbelastung können mithilfe naturheilkundlicher Therapien durch frühzeitige Stärkung der Resilienz verringert oder möglicherweise vermieden werden.

Ein Beitrag von Dr. Inga Trompetter
Lesezeit: ca. 6 Minuten
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Die Sorge um die Gesundheit von Familienmitgliedern und Freunden, Kontaktbeschränkungen, das Tragen von Mund- und Nasenbedeckungen, der Wechsel von Lockerungen und Verschärfungen in den Maßnahmen zur Reduzierung der Infektionsraten, wirtschaftliche Unsicherheit und finanzielle Sorgen gehören seit über einem Jahr zum Alltag. Trotzdem hat sich meist keine Routine im täglichen Leben etabliert und von einer Gewöhnung an diese Situation kann keine Rede sein. Dass die aktuelle Pandemie mit SARS-CoV-2 reich an psychosozialen Stressoren ist und die Stressbelastung immens steigt, war absehbar und wurde inzwischen weltweit nachgewiesen. Große Studien aus den USA und der Schweiz zeigten beispielsweise, dass die Stressbelastung über Monate hinweg auf einem sehr hohen Niveau blieb und gleichzeitig vermehrt klinisch-relevante depressive Symptome auftraten (1, 2). Im Vergleich zum Februar 2020 stieg die Anzahl der Personen bis November 2020 mit bekannten schweren depressiven Symptomen um mehr als das Fünffache an, auf 18,4 % (2).

Beispiele aus der SARS-Pandemie von 2003

Je nach Intensität und Dauer der Belastung können die Stresssymptome weit über das Ende einer Pandemie hinaus spürbar sein und das gilt nicht nur für extreme Erfahrungen, wie im Falle häuslicher Gewalt oder dem Verlust eines nahestehenden Menschen. Obwohl die SARS-Pandemie 2003 kürzer und mit einem geringeren Ausmaß an Kontaktbeschränkungen verbunden war, stieg im Anschluss der Pessimismus im Hinblick auf die Lebenswahrnehmung. Die Prävalenz psychiatrischer Morbidität lag bei 11,7 %, so die Ergebnisse einer taiwanischen Studie (3). Für langfristige psychische Erkrankungen besonders gefährdet waren Patienten, die sich im Laufe der Pandemie infiziert hatten. Im Verlauf von 3,5 Jahren traten bei 42,5 % von ihnen eine psychische Störung auf, hauptsächlich posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen. Eine chinesische Studie ergab eine Prävalenz von 44 % für eine posttraumatische Belastungsstörung innerhalb von vier Jahren. Für die aktuelle Pandemie wird dementsprechend davon ausgegangen, dass in den ersten vier Jahren nach dem Absinken der COVID-19-Fallzahlen weiterhin eine hohe Zahl an Patienten unter Angststörungen, affektiven Störungen und Traumafolgestörungen leiden wird (4). Aktuelle Zahlen aus der Schweiz zeigen, dass nach einem Lockdown (in Phasen mit geringeren Infektionszahlen) zwar die Intensität der Angst vor einer Infektion sinkt, die Stressbelastung und die Stärke depressiver Symptome jedoch unverändert hoch bleiben (2).