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Naturheilpraxis 06/2022

Pro & Contra Phytoestrogene im Klimakterium

Phytoestrogene werden als natürliche Alternative zu herkömmlichen Hormonpräparaten zur Behandlung von Beschwerden in den Wechseljahren geschätzt. Doch noch immer ist unklar, ob sie auch sicherer sind.

Ein Beitrag von Sabine Ritter
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Der Übergang von der fruchtbaren in die unfruchtbare Lebensphase der Frau dauert meist vier bis acht Jahre. Erste Anzeichen sind meist unregelmäßige Zyklen. Später werden die Abstände zwischen den Blutungen größer. Zudem kann die Intensität der Blutungen zunehmen. Doch viele Frauen suchen erst medizinische Hilfe, wenn sie unter vasomotorischen Symptomen leiden, also Hitzewallungen und Schweißausbrüchen. Zudem werden vaginale Trockenheit, Inkontinenz und rezidivierende Harnwegsinfekte, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen und Gedächtnis- oder Schlafstörungen auf die hormonellen Veränderungen zurückgeführt und als belastend empfunden. Weiterhin werden Beschwerden im Bewegungsapparat, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, eine Gewichtszunahme sowie Haut- und Haarveränderungen mit dem sogenannten Wechsel in Verbindung gebracht (1).

Die möglichen Risiken einer medikamentösen Hormonersatztherapie hängen davon ab, ob ausschließlich Estrogene oder eine Kombination von Estrogenen und Gestagenen verabreicht werden. So können eine größere Wahrscheinlichkeit für die Entstehung eines Mamma-, Endometrium- und Ovarialkarzinoms, für venöse Thrombosen und Thromboembolien, sowie ein erhöhtes Schlaganfallrisiko bestehen. Dabei wird das Erkrankungsrisiko im Vergleich zu einer Einnahme als geringer eingestuft, wenn lokale Anwendungen oder Hormonpflaster verwendet werden (1, 2).

Die Welt der Phytoestrogene

Viele Frauen fürchten die Risiken einer medikamentösen Hormonersatztherapie und bevorzugen deshalb pflanzliche Alternativen. Bei den Pflanzenstoffen, die als Phytoestrogene bezeichnet werden, handelt es sich um nicht-steroidale Polyphenole wie Coumestane, Isoflavone, Lignane und Stilbene. Aber auch einige Flavonoide wie Apigenin, Hesperidin, Kämpferol oder Quercetin werden als Phytoestrogene eingestuft. Sie weisen eine strukturelle Ähnlichkeit mit 17-β-Estradiol (E2) auf und können sowohl an den α- als auch an den β-Estrogen-Rezeptoren andocken. Dabei überwiegt in der Regel die Affinität zu den β-Estrogen-Rezeptoren, die sich in den Mammae und den Ovarien sowie am Herzen, an den Gefäßwänden, am Knochen und im Gehirn befinden. Insbesondere die Isoflavone und Stilbene fungieren dabei genau genommen als Selektive Estrogen-Rezeptor Modulatoren (SERM), da sie an den α- und β-Estrogen-Rezeptoren sowohl agonistisch als auch antagonistisch wirken. Coumestane wurden in Sojakeimen und Bohnen, Isoflavone beispielsweise in Rotklee (Trifolia pratense) und Soja (Glycine max, Glycine soja) und Lignane unter anderem in Baldrian, Hopfen, Leinsamen, Hülsenfrüchten, Vollkorngetreide und einigen Früchten nachgewiesen. Der Rhapotnikrhabarber enthält das Stilbenderivat Rhaponticin (3-6).

Rhapotnikrhabarber Lipatova Maryna / shutterstock.com

Einstufung der Phytoestrogene in der Leitlinie

Die aktuelle „S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause“ stuft Phytoestrogene und die Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) als Stoffe mit einem geringen Risiko für Schaden und einem möglichen Nutzen ein. Die Autoren beziehen sich dabei auf ein 2012 veröffentlichtes Cochrane-Review, das den Einfluss von Phytoestrogenen auf vasomotorische Beschwerden untersucht hatte. In diesem Review wurden Untersuchungen zu einer sojareichen Ernährung mit

  • mindestens 30 bis 60 mg Isoflavonen in Form von Sojaprodukten proTag
  • eine tägliche Aufnahme von über 30 mg Isoflavonen aus Soja- oder Rotklee-Extrakten
  • 30 bis 60 mg Genistein
  • mehr als 100 mg Leinsamenextrakt
  • 100 bis 200 µg Hopfenextrakt
  • 10 mg Equol 10 mg
  • 2,4 mg des Isoflavonoids Daidzaein oder Rhapotnikrhabarber (Rheum rhaponticum)

ausgewertet. Am wirksamsten erwies sich das Isoflavonoid Genistein. Andere Isoflavonoide linderten die Beschwerden dagegen nicht in allen Untersuchungen. In Bezug auf Leinsamen, dem Isoflavan Equol und Rhapotnikrhabarber kamen die Leitlinienautoren zu dem Ergebnis, dass sie „möglicherweise wirksam“ seien. Bei Equol handelt es sich um den estrogenwirksamen Metaboliten des Isoflavonoids Daidzein der Sojabohne. Nur 25 bis 30 % der Europäer- und Amerikanerinnen können Daidzein in Equol umgewandeln, im Gegensatz zur Hälfte der Asiatinnen. Die Leitlinie verweist neben dem Cochrane-Review auf eine aktuellere Auswertung aus dem Jahr 2016, die zu dem Schluss kam, dass Phytoestrogene die Häufigkeit von Hitzewallungen reduzieren können, nicht aber nächtliche Schweißausbrüche. Isoflavone können Studien zufolge vor allem eine hohe Frequenz von Hitzewallungen effektiv senken (2, 3).

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Nicht nur effektiv bei Hitzewallungen

Doch die wissenschaftlichen Untersuchungen befassen sich nicht nur mit den vasomotorischen Effekten von Phytoestrogenen. Auch die antiinflammatorischen, antioxidativen, antiproliferativen, antiangiogenetischen, immunmodulierenden, gelenkprotektiven, knochenschützenden, antidiabetischen, neurologischen und gewichtsreduzierenden Eigenschaften sind Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Unklar ist bisher, ob Isoflavone einen erhöhten Blutdruck wirksam senken können. Zur Prävention von Arteriosklerose scheinen sie jedoch geeignet zu sein (3-7).

So gibt es Hinweise, dass ihr Einsatz in medikamentösen Begleittherapie von Patienten mit rheumatoider Arthritis sinnvoll sein kann. Sie können zu einer Reduktion proinflammatorischer Zytokine wie Interleukin 6 (IL-6), Interleukin 1β (IL-1β) und dem Tumornekrosefaktor α (TNF-α) beitragen. Ferner können sie einige Signalwege beeinflussen, die an der Progression der Entzündung beteiligt sind. Zusätzlich regulieren sie die Aktivität von proinflammatorischen T-Helferzellen 17 (TH17), Osteoklasten, synovialen Fibroblasten und Lymphozyten. Auf diese Weise können sie nicht nur effektiv zu einer Remission des Entzündungsgeschehens beitragen, sie können auch das Risiko für Komorbiditäten wie Gefäßerkrankungen senken. Insbesondere Genistein, Daidzein, Hesperidin, Quercetin und Resveratrol gelten diesbezüglich als sehr vielversprechende Kandidaten (3-7).

Die Knochendichte von Frauen in der Postmenopause ist unter dem Einfluss von Phytoestrogenen höher als bei Frauen, die keine Hormone einnehmen, doch es fehlen Daten zu deren längerfristigen Anwendung. Die Spannbreite der Studienergebnisse ist zudem recht groß. Wissenschaftler nehmen an, dass die Gründe hierfür in Unterschieden im Metabolismus der Studienteilnehmerinnen zu finden sein könnten. Diese Annahme wird durch Untersuchungen bestärkt, die zeigten, dass die Wirksamkeit von Phytoestrogenen von der Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm abhängt (5, 8). Darüber hinaus können Phytoestrogene möglicherweise Nervenzellen schützen und die kognitiven Fähigkeiten stabilisieren. Diese Wirkungen werden einerseits auf ihre Wirkung an den zerebralen Estrogen-Rezeptoren und andererseits auf ihre antioxidativen Eigenschaften zurückgeführt (9).

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

Doch die Phytoestrogene Daidzein und Genistein können die Thyroidperoxidase (TPO) sowohl in vitro als auch im Tierversuch hemmen. Das Enzym ist an der Synthese der Schilddrüsenhormone Liothyronin (T3) und Levothyroxin (T4) beteiligt. Auch indirekt können Phytoestrogene die Schilddrüse beeinflussen. Einige Fachleute gehen davon aus, dass dies zumindest bei einer unzureichenden Jodaufnahme und bei Patientinnen mit Hypothyreose von Relevanz sein könnte. Darüber hinaus stehen sie im Verdacht, die Hormonaktivität generell ungünstig zu beeinflussen, weshalb sie den endrokrinen Disruptoren zugerechnet werden (3-6).

Weiterhin konnte nach wie vor nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob das Erkrankungsrisiko für ein Mamma-, Endometrium- und Ovarialkarzinom für Frauen mit einem erhöhten persönlichen oder familiären Risiko für hormonabhängige Tumoren durch Phytoestrogene unbeeinflusst bleibt. Daher können Experten bis heute nicht sagen, ob die Vorteile der Phytoestrogene größer sind als ihre Risiken. Es gibt jedoch Hinweise, dass gerade die Aufnahme von Isoflavonen mit der Nahrung in der Kindheit und Jugend einen protektiven Effekt haben könnte. Das Brustgewebe entwickelt sich vermutlich unter ihrem Einfluss so, dass es weniger anfällig für die Entstehung von Karzinomen ist. Andererseits gibt es Hinweise, dass insbesondere Isoflavone bei Frauen, die noch nicht in der Perimenopause sind, für Dysmenorrhö, Endometriose und sekundäre Infertilität mitverantwortlich sein könnten (3-6).

Vielleicht können Arbeiten, die sich mit dem spezifischen Wirkungsmechanismus der Pyhtoestrogene befassen, einen Beitrag leisten, um die Sicherheit der Phytoestogene im Klimakterium zu beurteilen. So scheinen sie unter anderem die wachstumsfördernden Effekte zu hemmen, die von einer Stimulation der α-Estrogen-Rezeptoren ausgehen. Gleichzeitig beeinflussen sie intrazelluläre Signalwege, die an der Tumorsuppression beteiligt sind (10). Doch die Beurteilung des Nutzens von Phytoestrogenen bleibt unter Umständen auch deshalb schwierig, weil die Aufnahme dieser Pflanzenstoffe über die Nahrung individuell sehr verschieden ist. Ferner scheinen genetische Unterschiede und die Estrogenbelastung der Umwelt einen Einfluss auf Studienergebnisse zu haben (11). Letztendlich sind sich die Studienautoren einig, dass nur Studien mit einem guten Design die offenen Fragen klären können.

Literatur

  1. Mackert D. Hormonersatztherapie in der Menopause.Pharmazeutische Zeitung 12.7.2020. n.rpv.media/4sm
  2. S3-Leitlinie: Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen. Januar 2020
  3. Křížová L, Dadáková K, Kašparovská J, Kašparovský T. Isoflavones. Molecules. 2019 Mar 19;24(6):1076. n.rpv.media/4sn
  4. Domínguez-López I, Yago-Aragón M, Salas-Huetos A et al. Effects of Dietary Phytoestrogens on Hormones throughout a Human Lifespan: A Review. Nutrients. 2020 Aug 15;12(8):2456. n.rpv.media/4so
  5. Rietjens I, Louisse J, Beekmann K. The potential health effects of dietary phytoestrogens. Br J Pharmacol. 2017 Jun;174(11):1263-1280. n.rpv.media/4sp
  6. Rowe IJ, Baber RJ. The effects of phytoestrogens on postmenopausal health. Climacteric. 2021 Feb;24(1):57-63. n.rpv.media/4sv
  7. Chakraborty D, Gupta K, Biswas S. A mechanistic insight of phytoestrogens used for Rheumatoid arthritis: An evidence-based review. Biomed Pharmacother. 2021 Jan;133:111039. n.rpv.media/4sq
  8. Kolátorová L, Lapčík O, Stárka L. Phytoestrogens and the intestinal microbiome. Physiol Res. 2018 Nov 28;67(Suppl 3): S401-S408. n.rpv.media/4sr
  9. Gorzkiewicz J, Bartosz G, Sadowska-Bartosz I. The Potential Effects of Phytoestrogens: The Role in Neuroprotection. Molecules. 2021 May 16;26(10):2954. n.rpv.media/4su
  10. Basu P, Maier C. Phytoestrogens and breast cancer: In vitro anticancer activities of isoflavones, lignans, coumestans, stilbenes and their analogs and derivatives. Biomed Pharmacother. 2018 Nov;107:1648-1666. n.rpv.media/4ss
  11. Kuryłowicz A, Cąkała-Jakimowicz M, Puzianowska-Kuźnicka M. Targeting Abdominal Obesity and Its Complications with Dietary Phytoestrogens. Nutrients. 2020 Feb 23;12(2):582. n.rpv.media/4st