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Naturheilpraxis 12/2021

Neurostress, Neuroinflammation und neuronale Degeneration

Protektive Bedeutung der Polyphenole

Das Alter, welches im Allgemeinen auch mit einer Zunahme an proinflammatorischen und prooxidativen Prozessen im Körper einhergeht, ist per se ein Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen. Obgleich es sich hierbei um eine multifaktorielle Pathogenese handelt, die im Einzelnen noch nicht vollständig verstanden ist, zeichnet sich ein nutritiver antiinflammatorischer Einfluss durch sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe ab, insbesondere durch Polyphenole, deren Aufnahme, nach den vorliegenden Daten, invers mit dem Risiko für die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen korreliert.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Michaela Döll
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Eine positive Familienanamnese kann bei Weitem nicht für alle Fälle neurodegenerativer Erkrankungen herangezogen werden. Mit einer erblichen Veranlagung können beispielsweise nur circa 50 % der Alzheimer-Fälle erklärt werden. Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre weisen auf eine Beteiligung entzündlicher und oxidativer und damit auch nutritiver Prozesse hin. Die vermehrte Bereitstellung von Entzündungsmediatoren (z. B. IL-1 und IL-6) und freien Radikalen im Körper scheint die Neuronenschädigung bzw. deren Absterben zu begünstigen. Die Zellmembranen und deren Fettsäuren sind besonders vom radikalischen Angriff bedroht. Das Gehirn weist einen hohen Sauerstoffbedarf auf; die Energiegewinnung – im Rahmen der Zellatmung – läuft hier auf Hochtouren. Generell werden jedoch nur bis zu maximal 97 % des eingeatmeten Sauerstoffs vollständig zu Wasser reduziert. Die verbleibenden 3 % des Sauerstoffs erfahren eine Umwandlung in freie Radikale. Damit sind die Gehirnstrukturen per se einer verstärkten Radikalbelastung ausgesetzt. Der Anteil an oxidationsempfindlichen mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist in den Membranen der Nervenzellen besonders hoch, was ebenfalls eine weitere Gefährdung durch freie Radikale birgt. Schließlich ist die Funktionsfähigkeit der neuronalen Membranen eine wesentliche Voraussetzung für die Reizleitung. Werden die Membranen durch den oxidativen Angriff modifiziert und geschädigt, ist eine synaptische Transmission nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich. Ein weiterer Grund für das besondere Risiko durch freie Radikale liegt im hohen Eisen- bzw. Kupfergehalt der Basalganglien. Erhöhte Eisen- bzw. Kupferkonzentrationen können die Umwandlung weniger toxisch wirkender freier Radikale (Superoxidradikale) in die hochtoxischen Hydroxylradikale katalysieren, wodurch wiederum die Peroxidation der Membranlipide beschleunigt wird. Proinflammatorische und oxidative Prozesse begünstigen den Neurostress, der durch neuroendokrine Funktionsstörungen charakterisiert ist und u. a. chronische Müdigkeit, Demenz und Depression zur Folge haben kann.

Neuroprotektion durch Polyphenole

Der Ernährung und insbesondere der Zufuhr antiinflammatorisch und antioxidativ wirksamer sekundärer Pflanzeninhaltsstoffen kommt im Zusammenhang mit der Prävention eine besondere Bedeutung zu. Hier können im Speziellen die Polyphenole (Flavonoide, Phenolsäuren) aus bestimmten Obst- und Gemüsesorten sowie Gewürzpflanzen empfohlen werden, deren neuroprotektive Wirkung in einer Reihe von wissenschaftlichen und klinischen Studien untersucht wurde. In einer französischen Untersuchung (1) wurden mehr als 1 300 Personen ab dem 65. Lebensjahr über einen Zeitraum von 5 Jahren auf ihre Zufuhr an Polyphenolen (speziell Flavonoide) untersucht. Es zeigte sich, dass die Gruppe mit der höchsten und mittleren Aufnahme, im Vergleich zu jener mit der niedrigsten Aufnahme, ein um 50 % reduziertes Risiko für die Entwicklung einer Altersdemenz aufwies. Auch die SUVIMAX-Studie (2), an welcher insgesamt mehr als 2 500 Probanden mittleren Alters teilgenommen hatten, kam nach Auswertung mittels multivariabler, linearer Regression zu folgendem Ergebnis: Die Aufnahme bestimmter Polyphenole (diverse Flavonoide und Phenolsäuren, vor allem vom Typ Anthocyane) korreliert invers mit dem Risiko des Verlustes an mentaler Leistungsfähigkeit. Die Probanden, die eine gute Polyphenolversorgung hatten, konnten sich besser artikulieren und hatten ein besseres Gedächtnis als jene, die eine geringe Zufuhr im Alltag aufwiesen. In wissenschaftlichen Studien konnte gezeigt werden, dass vor allem Polyphenole aus Beerenfrüchten, wie z. B. Heidel-, Açaí- und Gojibeeren (im Produkt plantazym, Fa. Fitne, zusammen mit weiteren polyphenolhaltigen Pflanzenextrakten enthalten), die Neuroplastizität erhöhen und das Wachstum sowie den Erhalt von Neuronen positiv beeinflussen sowie die zerebrale Durchblutung fördern können. Interessant ist der Hinweis aus wissenschaftlichen Daten, wonach Polyphenole aus bestimmten Lebensmitteln (Früchte, Gewürze) eine inhibierende Wirkung auf die Fibrillen – und Amyloidbildung – im Gehirn haben, wie sie von Alzheimer-Patienten bekannt ist. Hier ergaben sich Hinweise auf eine Reduktion der Eiweißaggregation, die letztlich zur Plaquebildung bei dieser Form von Demenz führt.

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Naturheilpraxis 12/2021

Erschienen am 01. Dezember 2021