Heiligabend, 18 Uhr: Auf dem Tisch werden die Kerzen angezündet, das Essen steht bereit – und keiner der Gäste darf von seinem Stuhl aufstehen, ehe er nicht nacheinander alle neun Gänge verkostet hat. Hirsesuppe, Bratwürste, Gans, Klöße, Gemüse, Rouladen, Brot und zwei Nachtische … Neunerlei, der alte Brauch aus dem Vogtland.

Nur wer reichlich isst, hat sich richtig vorbereitet auf das neue Jahr. Überliefert ist, dass die meisten Gäste die Völlerei überlebt haben. Wie bloß? Vermutlich dank eines weiteren Neunerleis: der neun Weihnachtsgewürze.

Anis (im Nachtisch)

Süß im Duft, lakritzartig im Geschmack: Mit Anis wird schwere Kost leichter verdaulich. Der Doldenblütler Pimpinella anisum regt die Verdauung an, fördert den Gallenfluss, löst Krämpfe und Blähungen – gleichgültig ob als Gewürz gegessen oder als Tee getrunken. Der Hauptwirkstoff Anethol bringt zudem Segen bei akuten Magen-Darm-Infektionen und lässt Erkältungen schneller abklingen. Von Nordafrika über den Orient gelangte Anis nach Indien und schließlich ins antike Rom. Bald war das Gewürz nicht nur bei Kuchenbäckern die Nummer Eins, sondern auch bei Ärzten und Naturforschern. Plinius der Ältere beispielsweise schwor auf Anis als Anti-Aging-Produkt, das den Schlaf fördert und sanfte Träume schenkt. Nach wie vor wird die Droge eingesetzt gegen Schlaflosigkeit und depressive Verstimmung, die auf Grübeln, Stress und Sorgen beruhen, da sie die Lebensgeister weckt.