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Naturheilpraxis 07/2020

Natur-Defizit-Syndrom

Wir sind nicht nur auf dem besten Wege, uns immer weiter von der Natur zu entfernen, sondern wir befinden uns bereits mitten in diesem Prozess. Wir Naturheilkundler sollten versuchen zu eruieren, wie weit wir selbst mit unseren Ansichten und Therapiehinweisen in diesen Werdegang verwickelt sind. Das reine Kalorienzählen, die quantitativ zurückgelegte Bewegungsstrecke, die Entspannung mittels Kopfhörer durch Synthesizermusik oder tote Frequenzstimulation sind nicht die Lösung. Sie zeigen nur eine Variante des Natur-Defizit-Syndroms.

Ein Kommentar von Peter Germann
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Alex Tor /shutterstock.com

Vor Kurzem war ich für einen Fachvortrag von Dortmund nach Freiburg mit dem Zug unterwegs. Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster oder döste. So nahm ich die wechselnden Landschaften und die tageszeitlichen Lichtveränderungen wahr. Über fünf Stunden Zugfahrt beschäftigten sich die meisten anderen Fahrgäste mit ihrem Handy oder Computer, teilweise sogar mit beiden gleichzeitig. Junge Leute hatten die meiste Zeit Kopfhörer auf den Ohren und nahmen rein gar nichts von der Außenwelt wahr. Fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, bemerkte ich, dass fast alle Wartenden auf dem Bahnsteig in ihr Smartphone schauten. Was um alles in der Welt kann so wichtig sein, dass ich ständig parat sein muss? Eine neunzigjährige Patientin erzählte mir mal: „Zu meiner Zeit sagte man, nur Lakaien sind ständig erreichbar.“

„Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten […]. Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter.“ Chief Seattle, Häuptling der Duwamish, in einer Rede vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahr 1855

Die Medizin hat den Begriff NDD – Nature Deficit Disorder – aufgegriffen, den Ross Cameron, der englische Professor für Landschaftspflege an der Sheffield University im Jahre 2005 prägte. Der Kulturanthropologe Dr. Wolf-Dieter Storl schreibt: „In einem Zeitalter, in dem Schulkinder lila Kühe und gelbe Enten malen und einer Umfrage zufolge lediglich ein Drittel der Schüler weiß, dass die Sonne im Osten aufgeht, ist der Begriff NDD durchaus angebracht. Die Naturferne ist für unsere Spezies gefährlich und im Sinne der Evolutionsmedizin krank machend.“

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Naturheilpraxis 07/2020

Erschienen am 01. Juli 2020