Schokolade sorgt für einen kurzzeitigen Kick an guter Laune und Energie. Stärker, länger und gesünder wirkt ihre Ausgangssubstanz – die rohe Kakaobohne. Aus Rohkakao lässt sich ein anregendes Getränk zubereiten, das sowohl natürliche Partydroge als auch wirkungsvolles Heilmittel sein kann.

Dass Kakao (Theobroma cacao) eine der ältesten Heilpflanzen ist, mag nicht verwundern – 2018 fand ein Forschungsteam Kakaoreste in einer über 5 500 Jahre alten Siedlung im Hochland von Ecuador. Erstaunlich ist, dass die Früchte des Kakaobaumes auch zu den am besten erforschten Naturheilmitteln zählen. Die wissenschaftliche Datenbank PubMed listet im November 2020 315 klinische Studien für Theobroma cacao, die meisten davon aus der Zeit zwischen 2005 und 2015. Die Forschungen aus diesem Jahrzehnt lassen verschiedene Schwerpunkte erkennen. Neben Publikationen, die dem Kakao positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem attestieren, finden sich auffallend viele Studien, die sich für die Auswirkungen der Kakaobohne und deren Inhaltsstoffe auf den Energiehaushalt, die Psyche, die Stressverarbeitung und das zentrale Nervensystem interessieren. Sie attestieren der Frucht des Kakaobaumes Eigenschaften, die in einer Zeit, in der viele Menschen unter Stress, Betrübtheit, Negativität, innerer Anspannung, gedrückter Stimmung und Erschöpfung leiden, hilfreich sein können.

Partydroge und Ethnomedizin: die moderne Verwendung von Rohkakao

Das Erleben von befreienden Rauschzuständen ist für viele Menschen wichtiger Bestandteil ihrer Freizeit. Sie greifen zu legalen Rauschmitteln wie Alkohol oder konsumieren illegale Substanzen; leider bringen diese Optionen gesundheitliche Risiken mit sich. Die Suche nach gut verträglichen Rauschmitteln bringt eine wachsende Community mit dem Rohkakao in Verbindung. Sie konsumiert auf zeremoniellen Veranstaltungen hoch konzentrierte Kakaogetränke und nutzt seine energetisierende und verbindende Wirkung für gemeinsamen Tanz, Meditation oder Yoga. Besonders für die spirituelle Auseinandersetzung mit der Um- und Innenwelt ist der Rohkakao beliebt, sogenannte „Kakao-Schamanen“ preisen die erweiternde Wirkung von Rohkakao für Herz und Bewusstsein an. Der Vorreiter dieser Bewegung ist Keith Wilson, der im Maya-Hochland von Guatemala lebt und sich mit der traditionellen Verwendung der Kakaobohne als Heil- und Rauschmittel auseinandersetzt. Diese war vielen südamerikanischen Kulturen heilig, ihre Kraft sollte das Göttliche im Menschen und der Natur verbinden und damit heilende Energien freisetzen.

Die versöhnende Wirkung der Kakaobohne lässt sich auf Kakao-Partys erahnen. Die Teilnehmenden schätzen die friedvolle und herzliche Stimmung, die nach dem Konsum von Rohkakao entsteht.

Nicht nur Partypublikum und spirituell interessierte Menschen schätzen die energetisierende und psychoaktive Wirkung von Kakao, auch die Forschung hat ein Auge auf die Früchte des zur Familie der Malvengewächse zählenden Baumes geworfen.

Wirkungen auf Energiestoffwechsel und zentrales Nervensystem

Kakao ist gut für das Gehirn, seine Flavonoide schützen Nervenzellen vor oxidativem Stress und verbessern die Durchblutung. Beides fördert Leistung und Regeneration des Hirns (1). In Studien steigerte flavonoidreicher Kakao neben Merkfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit auch die geistige Fitness – dafür dürften die Alkaloide Koffein und Theobromin verantwortlich sein (2).

Die Wirkung von Kakao auf die Stimmung ist sehr komplex, dabei spielen mehrere psychoaktive Wirkstoffe eine Rolle, wie Tabelle 1 veranschaulicht. Sie wirken unter anderem über den Dopamin-, Serotonin- und Opioid-Stoffwechsel und das Endocannabinoid-System, was zu Synergismen führen dürfte. Ein belgisches Forschungsteam geht davon aus, dass den Flavonoiden die größte Bedeutung für die psychoaktive Wirkung zukommt (3).

Psychoaktive Substanz

Wirkort

Gefördert werden

Amine wie Beta-Phenylethylamin/PEA, Tyramin und Tryptamin

zentrales Nervensystem (ZNS), fördern Dopamin und Serotonin

Euphorie, Motivation, Lust- und Glücksempfinden, Sympathikus

Theobromin, Koffein, Theophyllin (Alkaloide)

ZNS, hemmen unter anderem die Wirkung von Adenosin, das Müdigkeit auslöst

Wachheit, Stimmung, Muskelentspannung

Flavonoide wie Epicatechin

ZNS, Gefäßsystem im Gehirn

Entspannung, Wachheit, Gehirndurchblutung, Radikalenabbau, Mitochondrien-Regeneration

N-Acylethanolamine (Fettsäuren) wie N-Oleoylethanolamin, N-Linoleoylethanolamin und Anandamid

Endocannabinoid-System

euphorische Gefühle und Glücksempfinden

Salsolinol (Alkaloid)

Dopamin-Stoffwechsel im ZNS, körpereigenes Opioid-System

Glücksempfinden und Antrieb

Kohlenhydrate

wahrscheinliche Interaktion mit dem Opioid-System

Glücksempfinden

ätherisches Öl

limbisches System

Stimmungsaufhellung

In bisherigen Untersuchungen fühlten sich Probanden nach Kakaokonsum ruhiger und zufriedener, selbst unter Belastung (4). Vier von fünf bisher durchgeführten Studien mit Menschen mit Depressionen zeigten positive Auswirkungen durch den Kakaokonsum; die Probanden fühlten sich lebendiger und weniger ängstlich.

Kakao steigert auch die körperliche Leistung. Dabei scheinen ebenfalls Flavonoide eine wichtige Rolle zu spielen, wie verschiedene Forschungsteams zeigen konnten. Mit Flavonoiden regenerieren sich die Mitochondrien der Muskulatur schneller; andere Kakaoinhaltsstoffe regen die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) an, wodurch die Muskeln weniger Sauerstoff brauchen (5). Die erschöpfungswidrigen Eigenschaften demonstrierten unter anderem Studien mit Sportlern oder Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) oder dem Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS) litten (6–8).

Praktische Hinweise für die Anwendung

Warum Rohkakao die bessere Wahl ist

Schon der Konsum einer Tafel Schokolade hebt die Stimmung. Das volle Potenzial der Kakaobohne kommt dabei aber nicht zum Tragen, da beim Herstellungsprozess keine hochwertigen Kakaosorten eingesetzt und die Bohnen zudem noch geröstet werden. Die Röstung verleiht der Bohne zwar ihr kräftiges Aroma und die dunkle Farbe, zerstört durch die Hitze aber auch viele wertvolle Inhaltsstoffe wie die Flavonoide und die neuroprotektive Gerbsäure Clovamid, welche für den adstringierenden Geschmack verantwortlich ist. Rohkakao bietet das volle Spektrum der unter Tabelle 1 aufgeführten energetisierenden und psychoaktiven Wirkstoffe, da hierfür die Bohnen nach dem Sammeln ausschließlich fermentiert, aber nicht erhitzt werden. Auch bei Rohkakao gibt es qualitative Unterschiede, besonders empfehlenswert ist jener von Edel-Kakaosorten aus Südamerika aus einem nachhaltigen und umweltfreundlichen Anbau. Dieser geschieht oft noch auf traditionelle Weise, wobei Kakaobäume im natürlichen Verbund eines Regenwaldes wachsen.

Eigenen Versuchen und Rückmeldungen von anderen Menschen zufolge ist der Kauf von Rohkakao in sogenannter Zeremonien-Qualität eine gute Option, der auch für die oben erwähnten Kakao-Zeremonien Anwendung findet. Verschiedene Händler bieten diesen als kalt verarbeitete Kakaomasse – meist im Block – an.

Bezugsquellen für Rohkakao in „Zeremonien-Qualität“

  • Cacao Mama: www.cacaomama.com
  • Keith’s Cacao: www.keithscacao.com
  • Heart Solution: www.heartsolution.de

Rezept und Dosierungen

Die im Handel erhältliche Kakaomasse lässt sich gut dosieren. Schon kleinere Dosierungen zwischen 10 und 20 Gramm wirken geistig und psychisch anregend und bieten eine Unterstützung im Alltag. Dosierungen über 20 Gramm können gut mit einer Auszeit (s. u.) verbunden werden. Die Tagesdosis von 40 Gramm sollte nicht überschritten werden.

Rezept für Rohkakao-Getränk

  • 20 Gramm zerkleinerte Rohkakaomasse
  • 1 TL Zimt
  • 1 Prise Salz
  • 1 Prise Cayennepfeffer
  • ¼ Liter warmes Wasser (maximal 40 Grad Celsius)

Die Zutaten mit einem Mixer oder Pürierstab mischen; nach Belieben Süßungsmittel wie Ahornsirup oder Agavendicksaft zugeben.

Der hohe Fettanteil der Kakaobohne macht das Getränk cremig.

Das richtige Setting für die Kakao-Zeremonie

Wer Dosierungen über 20 Gramm eines Rohkakaos in „Zeremonien-Qualität“ wählt, der sollte auch auf die richtige Atmosphäre achten. Dass der Genuss die eigene Sensibilität und Empfindsamkeit erhöht, mag im falschen Setting unangenehm und belastend sein. Zudem kann Rohkakao die eigene Gefühlswelt öffnen, dies sollte in einer sicheren und ruhigen Umgebung geschehen. Kakaogenuss und Ambiente befruchten sich gegenseitig, das zeigen nicht nur die Erfahrungen von Kakao-Zeremonien, sondern auch eine Studie vom Gettysburg College, bei der sich die positiven Effekte von Achtsamkeit und Schokolade gegenseitig verstärkten (9).

Aus diesem Grund sollte das Trinken des Kakaogetränks achtsam sein, für die anschließende Zeit empfehlen sich Einkehr und nährende Tätigkeiten wie langsames Yin-Yoga, Tanzen, kreatives Schaffen oder Meditation. Besonders herzöffnende Meditationen wie die Metta-Meditation erweisen sich als fruchtbar. Der Kakaogenuss stärkt die Verbundenheit mit Natur und Mitmenschen und kann der Beziehung zu beiden eine neue Tiefe geben.

Mit diesen Hinweisen beschert der Glückskick durch den Rohkakao nicht nur einen Rausch an positiver Energie und Glück, sondern auch eine Möglichkeit für persönliches oder gemeinschaftliches Wachstum.

Mögliche Nebenwirkungen und Gegenanzeigen

Der Konsum von Rohkakao kann Migräneanfälle und kurzzeitige Übelkeit auslösen und die Pulsfrequenz erhöhen. Nach rauschhaften Erlebnissen sind Stimmungstiefs möglich. Bei Dosierungen über 40 Gramm treten bisweilen Kopfschmerzen, Herzrasen und Augenflimmern auf.

Rohkakao sollte nicht bei Allergien gegen Kakaoprodukte und während der Schwangerschaft und Stillzeit eingenommen werden. Bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und bei psychischen Erkrankungen sollte die Einnahme nur mit ärztlichem Einverständnis erfolgen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Monoaminooxidase-Hemmern (MAO-Hemmer) sind Wechselwirkungen möglich.

Fazit

Rohkakao ist nicht nur für gesundheitsbewusstes Partypublikum, sondern auch für die Therapie eine wertvolle (Wieder-)Entdeckung. Sein Einsatz kann unter anderem bei geistiger und körperlicher Erschöpfung, Stimmungstiefs und nervöser Anspannung angedacht werden. 

Literatur

  1. Decroix et al.: Acute cocoa flavanol improves cerebral oxygenation without enhancing executive function at rest or after exercise. Appl Physiol Nutr Metab. 2016 Dec;41(12):1225–1232
  2. Lamport et al.: The effect of flavanol-rich cocoa on cerebral perfusion in healthy older adults during conscious resting state: a placebo controlled, crossover, acute trial. Psychopharmacology (Berl). 2015 Sep;232(17):3227–34
  3. Tuenter et al.: Mood Components in Cocoa and Chocolate: The Mood Pyramid. Planta Med. 2018 Aug;84(12-13):839–844
  4. Scholey et al.: Consumption of cocoa flavanols results in acute improvements in mood and cognitive performance during sustained mental effort. J Psychopharmacol. 2010 Oct;24(10):1505–14
  5. Taub et al.: Beneficial effects of dark chocolate on exercise capacity in sedentary subjects: underlying mechanisms. A double blind, randomized, placebo controlled trial. Food Funct. 2016 Sep 14;7(9):3686–93
  6. Patel et al.: Dark chocolate supplementation reduces the oxygen cost of moderate intensity cycling. J Int Soc Sports Nutr. 2015 Dec 15;12:47
  7. Coe et al.: Flavonoid rich dark cocoa may improve fatigue in people with multiple sclerosis, yet has no effect on glycaemic response: An exploratory trial. Clin Nutr ESPEN. 2017 Oct;21:20–25
  8. Sathyapalan et al.: High cocoa polyphenol rich chocolate may reduce the burden of the symptoms in chronic fatigue syndrome. Nutr J. 2010 Nov 22;9:55
  9. Meier et al.: The sweet life: The effect of mindful chocolate consumption on mood. Appetite. 2017 Jan 1;108:21–27