Eine belgische Studie der Universität Gent zeigt: 70 Prozent der an COVID-19 verstorbenen Patienten wiesen einen schweren Selen- und Zinkmangel auf. Auch andere Studien unterstreichen die Bedeutung eines adäquaten Mikronährstoffstatus.

Ein ausreichend hoher Selen- und Zinkanteil im Blut erhöht die Chancen, sich von einer COVID-19-Infektion zu erholen oder nur von leichten Symptomen betroffen zu sein, so die belgische Forschung. In einer neuen Studie wurden von 138 Patienten, die mit COVID-19 in den beiden belgischen Krankenhäusern UZ Gent und AZ Jan Palfijn im letzten Jahr aufgenommen wurden, Blutproben entnommen. Auffällig war der direkte Zusammenhang zwischen Mikronährstoffstatus und Überleben.

Niedriger Mikronährstoffstatus verschlechtert den Ausgang

Professor Gijs Du Laing, ein Spezialist für Mikronährstoffe, und seine Kollegen versuchten herauszufinden, ob der Gehalt an Mikronährstoffen im Blut das Ergebnis einer COVID-19-Infektion beeinflusst. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Menschen mit Mangelerscheinungen stärker betroffen waren als solche mit ausreichenden Mengen der verschiedenen Nährstoffe im Blut. Um diese Ergebnisse weiter zu verifizieren, beschlossen die belgischen Wissenschaftler, eine eigene Studie durchzuführen.

In der belgischen Studie (1) stellten Du Laing und seine Kollegen fest, dass von den Patienten, die ihrer Infektion erlagen, sieben von zehn einen schweren Selen- und Zinkmangel aufwiesen. Beides sind Mikronährstoffe, die eine Schlüsselrolle bei der Immunabwehr spielen. Patienten hingegen, die über ausreichende Mengen dieser beiden Mikronährstoffe verfügten oder nur einen geringen Mangel aufwiesen, zeigten größere Überlebenschancen und erholten sich schneller von ihrer Infektion.

Die Wissenschaftler stießen im Rahmen ihrer Forschung auf eine Überraschung: Ein niedriger Mikronährstoffstatus erwies sich sogar als größerer Risikofaktor als das Vorliegen von Diabetes, Krebs, Fettleibigkeit oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besagte Erkrankungen sind üblicherweise mit einem schlechteren Ausgang von COVID-19 verbunden.

Offensichtlich sind bezüglich des Mikronährstoffgehalts weitergehende Untersuchungen angezeigt. Andere Studien brachten einen niedrigen Selen- und Zinkstatus mit einer schlechteren Genesung von COVID-19 in Verbindung; chinesische Untersuchungen zeigten z. B., dass es in Regionen mit einem höheren Selengehalt im Boden wesentlich weniger COVID-19-bedingte Todesfälle gab.

Deutsche Studie an ARDS-Patienten

Neben der belgischen Studie gibt es weitere, die zeigen, dass Mikronährstoffe wie Selen und Zink den Ausgang einer COVID-19-Infektion beeinflussen können. Eine kleine, aber überaus interessante Studie (2), die von deutschen Wissenschaftlern durchgeführt wurde, zeigt, dass Selen einen erheblichen Einfluss auf Entzündungen und die Immunfunktion hat. Die Studie umfasste 22 Patienten, von denen 21 an schwerem Lungenversagen (Acute Respiratory Deficiency Syndrome, ARDS) litten. Vierzehn der Patienten überlebten und konnten von der Intensivstation entlassen werden. Bei der Hospitalisierung wiesen die meisten Patienten einerseits niedrige Selen- und Zinkwerte sowie andererseits erhöhte Werte verschiedener Entzündungsbiomarker wie CRP (C-reaktives Protein) und Interleukin-6 auf.

Als Teil ihrer Behandlung erhielten die Patienten Selen. In der Folge stiegen die Selen- und Selenoprotein-P-Spiegel deutlich an; gleichzeitig erhöhte sich die Aktivität von GPx3, einem äußerst wichtigen selenabhängigen antioxidativen Enzym. Die Forscher stellten demnach fest, dass der Selenspiegel umgekehrt mit dem CRP und vier anderen Entzündungsmarkern korreliert. Diese Beobachtung ist ein Anzeichen für geringeren oxidativen Stress – ein biochemisches Ungleichgewicht, das, sollte es bestehen, mit einem schlechteren Ausgang von COVID-19 in Verbindung gebracht wird. Außerdem schien sich die Selentherapie positiv auf die Anzahl der CD8-T-Zellen und NK-Zellen (natürliche Killerzellen) auszuwirken. Die immunstärkende Wirkung besagter Therapie ist somit unverkennbar.

Eine Strategie zur Verhinderung von Virusmutationen

Selen weist eine einzigartige Fähigkeit auf: Es verhindert, dass Viren mutieren, dass sie aggressiver werden und folglich schwieriger zu bekämpfen sind. Melinda Beck, Professorin im Fachbereich Ernährung an der University of North Carolina in Chapel Hill, konnte diesen Mechanismus in ihrer Forschung (3) nachweisen. Sie und ihr wissenschaftlicher Kollege, Orville Levander vom US-Landwirtschaftsministerium, setzten sowohl selenarm ernährte als auch selenreich ernährte Mäuse einer bereits mutierten Version des normalerweise harmlosen Coxsackie-Virus aus. Bei den Mäusen mit Selenmangel verursachte das Virus weitaus schwerwiegendere Herzschäden als bei der Gruppe der selenreich ernährten Mäuse. Außerdem wurde das Virus in den Mäusen, denen Selen fehlte, noch virulenter. Mit anderen Worten: Selen scheint sowohl vor den schädlichen Auswirkungen eines Virus zu schützen als auch steigende Aggressivität zu verhindern. Impfstoffe gegen ein Virus hinken aufgrund des Mutationsfaktors im Grunde dem eigentlichen Virus stets einige Schritte hinterher. In Anbetracht dieser Tatsache könnte es also eine kluge Präventionsstrategie sein, einen optimalen Selenstatus beim Menschen sicherzustellen.

Nahrungsergänzung macht einen Unterschied

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist mit Sicherheit erforderlich, um Selen, Zink und andere lebenswichtige Nährstoffe zu erhalten, die bekanntermaßen das Immunsystem steuern und stimulieren. Für viele Menschen ist es jedoch schwierig, ausreichende Mengen der verschiedenen Nährstoffe über die Nahrung aufzunehmen.

Hier kann eine Nahrungsergänzung hilfreich sein. Studien zeigten entsprechend, dass eine Nahrungsergänzung mit Mikronährstoffen tatsächlich zu einer besseren Gesundheit beiträgt. Als Beispiel ist die bahnbrechende KiSel-10-Studie zu nennen. Bei dieser erhielten ältere Senioren in Schweden Nahrungsergänzungsmittel mit Selenhefe in pharmazeutischer Qualität (SelenoPrecise) und Coenzym Q10 (Ubiquinon). Bei den Teilnehmern, die mit Nahrungsergänzungsmitteln versorgt wurden, sank die kardiovaskuläre Sterblichkeit um 54 % und die Lebensqualität verbesserte sich deutlich. Während des fünfjährigen Interventionszeitraums wurden mehr als 50.000 Blutproben entnommen. Diese wurden von dem schwedischen Wissenschaftlerteam weiter analysiert. In der Folge konnten fast 20 weitere Studien durchgeführt werden, welche beweisen, dass Selen (und Coenzym Q10) verschiedene Gesundheitsparameter, Entzündungsmarker usw. positiv beeinflussen können. Alle Studien wurden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Quellen

  1. Du Laing, G.; Petrovic, M.; Lachat, et al.: Course and Survival of COVID-19 Patients with Comorbidities in Relation to the Trace Element Status at Hospital Admission. Nutrients 2021, 13, 3304
  2. Clinical Significance of Micronutrient Supplementation in Critically Ill COVID-19 Patients with Severe ARDS. Nutrients, 2021 Jun 20; 13(6): 2113
  3. Selenium and viral virulence. British Medical Bulletin 1999; 55(3): 528–33