Von Beginn der Menschheit an schützt ein funktionierendes Immunsystem unseren Körper und sichert unser Überleben. Was hat unser Immunsystem mit dem Darm zu tun? Wie kann es zu Schwächen der Immunabwehr kommen und welche Symptome zeigen sich? Ausgehend von einer gründlichen Anamnese und Diagnostik können wir mit einer gezielten Behandlung einiges für unsere Patienten tun.

Die zugeführte Nahrung trifft im Magen-Darm-Trakt sozusagen auf das Tor zur Innenwelt unseres Körpers. Damit nichts Schädliches in den Körper eindringen kann, verätzt die Magensäure Krankheitserreger und Parasiten. Die Darmzellen produzieren in den Becherzellen Schleim, der sich als Schutzschicht über die Darmschleimhaut legt, in der die meisten Darmbakterien leben und sich vermehren können. Auf diese Weise verhindern sie das Eindringen schädlicher Stoffe ins Blut und schützen damit den Körper. Nicht ohne Grund sind zwischen 15 und 30 Prozent der T-Lymphozyten des Körpers und die meisten Lymphknoten um den Darm herum angesiedelt. Die Darmbakterien sollten in einer ausreichenden Anzahl vorhanden sein, um die Plätze an der Darmschleimhaut besetzen zu können, damit unerwünschten Keimen kein Platz geboten wird (Kolonisationsresistenz). Die physiologischen Darmkeime selbst produzieren eigene Substanzen wie Milchsäure, Wasserstoffperoxid sowie Bakteriozine, um unerwünschten Eindringlingen den Garaus zu machen.

Darm-Mikrobiota und Mensch – eine Win-Win-Situation

Der Mensch beherbergt als Wirt normalerweise eine Mikrobiota, deren Zellenanzahl die zehnfache Menge der Körperzellen übersteigt. Nur ein Teil der Darmsymbionten ist bisher bekannt. Die Forschung steckt trotz jahrelanger Untersuchungen und Studien noch immer in den Kinderschuhen. Dennoch sind die bisherigen Erkenntnisse von unschätzbarem Wert.

Zur Erhaltung des Immunsystems trägt die große Artenvielfalt und Anzahl der mit uns in Symbiose lebenden Bakterien im Darm bedeutend bei. Diese kleinen Mitarbeiter benötigen regelmäßig ihr Futter, damit sie mit ihren Ausscheidungen die Darmschleimhaut ernähren können. Einige wichtige Vertreter der Darm-Mikrobiota sind:

  • Die nach ihrem Entdecker benannten Escherichia coli sind mit etwa 1,5 Prozent zwar nur in einer sehr geringen Anzahl im Dickdarm vertreten. Nichtsdestotrotz bereiten sie als Aerobier (Sauerstoff-verbrauchende Bakterien) das Milieu für die anaeroben Milchsäurebildner vor. Ihr Futter besteht aus Ballaststoffen und sie scheiden kurzkettige Fettsäuren aus, beispielsweise Butyrat (Buttersäure), die die Darmschleimhaut zu ihrer Ernährung benötigt. Nebenbei produzieren sie Abwehrstoffe wie mikrobizide Proteine und Peptide, beispielsweise gegen Salmonellen und andere unerwünschte Keime. E. coli wirken modulierend auf das Immunsystem ein und regenerieren die Darmschleimhaut, weshalb eine Verordnung von E.-coli-Präparaten bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (1) und Leaky-Gut-Syndrom (2) sinnvoll ist.
  • Dieim Dünndarm ansässigenverschiedenen Arten von Laktobazillen leben und vermehren sich optimal in einem sauerstoffarmen und sauren Milieu. Wie die E. coli verwerten sie Ballaststoffe und scheiden kurzkettige Fettsäuren zur Ernährung der Darmschleimhaut aus. Sie tragen damit zu 40 Prozent zur Ernährung der Enterozyten (Darmschleimhautzellen) bei. Die fehlenden 60 Prozent der Nährstoffe erhalten die Enterozyten aus dem Blut. Existenziell wichtig für ihre eigene Arterhaltung bzw. für ihr optimales Milieu ist die Produktion von Milchsäure. Als ein nützlicher Nebeneffekt vernichtet oder hemmt die Milchsäure zusammen mit Bacteriocinen und bei manchen Arten auch Wasserstoffperoxid unerwünschte Keime. Laktobazillen unterstützen die Produktion von Immunglobulinen, Interferon, Interleukin, Tumornekrosefaktor und die Aktivität der Makrophagen (3).
  • Auch die in Dünn- und Dickdarm zu findenden Bifidobakterien bevorzugen ein saures Milieu und produzieren wie die Laktobazillen aus Kohlenhydraten die zur Ernährung der Darmschleimhaut notwendigen kurzkettigen Fettsäuren, hauptsächlich Milchsäure und Essigsäure. Sie regen jedoch das Immunsystem nicht so stark an wie die Laktobazillen und haben einen trägeren Stoffwechsel, weshalb sie auch beruhigend auf die Darmschleimhaut wirken.
  • Wie die Laktobazillen und Bifidokeime produzieren die Enterokokken im Dünn- und Dickdarm kurzkettige Fettsäuren zur Ernährung der Darmschleimhaut. Auch sie wehren Fremdkeime mittels Bacteriocinen ab. Zusätzlich unterstützen sie die anderen Darmkeime sowie das Immunsystem, wie Studien zeigten (4).

Zwei Darmbakterien gerieten durch ihre Entdeckung 2002 in den Fokus der Wissenschaft: Das Akkermansiamuciniphila frisst ständig die schützende Schleimschicht über der Darmschleimhaut weg. Dies regt die Epithelzellen an, frischen Schleim zu bilden. Nebenbei produziert dieses Bakterium die für die Ernährung der Enterozyten wichtige Fettsäure Butyrat (Buttersäure). Auch das Faecalibakteriumprausnitziiernährt sich von der Schleimschicht und bildet seinerseits Stoffe zur Ernährung der Darmschleimhaut und darüber hinaus anti-entzündliche Stoffe. Beiden Bakterien eilt daher der Ruf als „Peacemaker“ des Darms voraus.

Die Darmschleimhaut – Hochseilakt mit Netz und doppeltem Boden

Unsere Haut an der Körperoberfläche schützt unseren Körper vor äußeren Einflüssen. Im Körperinneren erfüllt die Darmschleimhaut (Mukosa) als Stellschraube zwischen der Innen- und Außenwelt diese äußerst diffizile Aufgabe, denn sie muss zunächst unterscheiden, was sie hereinlassen darf und was draußen bleiben muss, da es sonst dem Körper schaden könnte.

Über der Mukosa liegt eine schützende Schleimschicht, in der die meisten Darmbakterien leben. Durch Antibiotika, andere Medikamente und schädliche Einflüsse der Lebensführung wie beispielsweise die Ernährung vermindern sich unsere nützlichen Symbionten; in der Folge wird die Darmschleimhaut schlechter ernährt und die Schleimschicht vermindert sich. Dies kann in einen Teufelskreis münden, der ohne eine geeignete Behandlung immer tiefer in eine Abwärtsspirale führen kann.

Die Epithelzellen der Darmschleimhaut, ein einreihiges Zylinderepithel, liegen normalerweise sehr eng aneinander und sind mit einer Art von Druckknöpfen verbunden, den Tight junctions. Sie öffnen sich nur zur Nahrungsaufnahme auf bestimmte Reize hin. Als eine weitere wichtige Schutzbarriere liegen hinter der Darmschleimhaut wichtige Immunabwehrzellen, die miteinander kommunizieren und sich gegenseitig Impulse geben (Cross-Talk): das Darm-assoziierte Immunsystem. Ein weiterer Mechanismus schützt unseren Körper: die unzähligen, um den Darm wie ein Sicherheitsnetz verstreut liegenden Lymphknoten und Lymphbahnen. Das Darm-assoziierte Immunsystem mit seinen vielfältigen Immunzellen des angeborenen und erworbenen Immunsystems löst eine Kaskade an Reaktionen aus, wenn der Feind im Anmarsch ist.

Bei Patienten mit Darmbeschwerden finden wir in der Irisdiagnose im Darmbereich eine sogenannte zentrale Heterochromie, eine bräunliche Pigmentierung als Hinweis auf eine Ansammlung ausscheidungspflichtiger Toxine.

Die lymphatischen Gewebe des Körpers

Die lymphatischen Gewebe des Körpers arbeiten ebenfalls als ein Team zusammen. Mit der Bezeichnung MALT (Mukosa-assoziierte lymphatische Gewebe) sind die gesamten Schleimhäute unseres Körpers gemeint. Besonders die im Ileum gelegenen sogenannten Peyer-Plaques, die Dom- und die M-Zellen, übernehmen hierfür wichtige immunologische Aufgaben. Ist das Darmschleimhautsystem schwach, sind auch weitere Schleimhäute im Körper wie das NALT (Nasal-assoziierte lymphatische Gewebe) mit dem Waldeyer-Rachenring, das BALT (Bronchien-assoziierte lymphatische Gewebe) sowie das VALT (Vulvovaginal-assoziierte lymphatische Gewebe) geschwächt. Etwa 80 % der aktiven Lymphozyten befinden sich im Darmgewebe.

Das GALT (Darm-assoziierte lymphatische Gewebe) genannte lymphatische Gewebe des Darms ist gewissermaßen die Mutter aller anderen Schleimhäute im Körper. Die aus dem Ileum stammenden Plasmazellen produzieren das sekretorische IgA, das über das Blut in die Schleimhaut der Bronchien, der Nase und der Vagina gelangt. Ein Teil dieser aus dem Darm ausgewanderten Plasmazellen kehrt dorthin zurück, um zu reifen. Nach Antigen-Kontakt bilden sie das sekretorische IgA. Dieses kleidet die Darmschleimhaut zum Schutz vor Angriffen pathogener Keime aus.

Geht es der Darmschleimhaut nicht gut, sind auch die übrigen Schleimhäute geschwächt. Ist die Schleimhaut der Atemwege betroffen, kann dies zu häufig wiederkehrenden Infekten der oberen Atemwege führen. Je nach Konstitution kann es auch zu rezidivierenden Zystitiden, Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Hautproblemen wie beispielsweise Neurodermitis und rheumatischen Erkrankungen kommen.

Viele Menschen leiden an einer Fruktose-Malabsorption. Nur bei einem Drittel dieser Patienten treten entsprechende Symptome wie Meteorismus, Flatulenz, Bauchschmerzen und Durchfall auf. Besteht diese Störung der Darmschleimhaut über längere Zeit, kann es zu einem Tryptophan-, Folsäure- und Zinkmangel kommen. Letzterer schwächt zusätzlich das Immunsystem. Bei Verdacht auf eine Fruktose-Malabsorption wird mit Hilfe eines Fruktose-Wasserstoff-Atemtests die Diagnose gestellt.

Diagnostische Möglichkeiten

Hinweise auf eine Störung der Darmschleimhaut ergeben sich aus einer ausführlichen Anamnese. Folgende Fragen können hilfreich sein:

  • Gingen Antibiosen oder die Einnahme Darmschleimhaut-schädigender Medikamente voraus?
  • Raucht der Patient und/oder ernährt er sich ungesund?
  • Gab es eine Normalgeburt oder einen Kaiserschnitt und wurde das Baby gestillt oder mit Flasche gefüttert?
  • Gibt es in der Familie Probleme mit den Verdauungsorganen, besonders bei der Mutter („Schluckimpfung“ mit mütterlichem Vaginal-Mikrobiom bei Geburt) und den Geschwistern?

Bei Patienten mit Infektanfälligkeit ist daher das Augenmerk auf die Darmflora und die Darmschleimhaut zu legen. In der Stuhlanalyse finden wir häufig eine von der Anzahl und der Artenvielfalt verminderte Darmflora vor. Dadurch verschiebt sich auch der pH-Wert im Darm in den alkalischen Bereich und zeigt ein für die physiologischen Darmbakterien ungünstiges Milieu an. Verminderte Darmbakterien sind gleichbedeutend mit einer schlecht ernährten Darmschleimhaut, die je nach Ausmaß der Schädigung ihre Aufgaben nur unzureichend erfüllen kann. Damit sind auch die Substanzen zur Ernährung der Darmschleimhaut vermindert. In einer geschwächten Darmschleimhaut und einem dünnen darüberliegenden Darmschleim ist die Existenz der physiologischen Darmbakterien in Gefahr.

Die weiteren Parameter sind ebenso wichtig und müssen mit der Darmflora im Zusammenhang betrachtet werden. Von mehreren möglichen Entzündungs- und Malabsorptionsmarkern sollten zumindest zwei der folgenden Werte bestimmt werden: Calprotectin und/oder Alpha-1-Antitrypsin und/oder Lysozym.

Um abzuklären, ob ein Leaky-Gut-Syndrom vorliegt, eignet sich der Zonulin-Wert im Stuhl oder im Serum.

Das sekretorische IgAist ein spezieller Schleimhaut-Parameter. Ist es erhöht, reagiert das Darmschleimhautsystem gereizt auf akute Entzündungen, Unverträglichkeiten und Fremdkeime. Hält ein akuter Zustand längere Zeit an, ermüdet das System und fährt runter. Dies zeigt sich durch ein gesenktes sIgA.

Hinweise liefern auch die Verdauungsrückstände. Geraten bei mangelhafter Verdauung Fett- und Zuckerrückstände in den Dickdarm, bekommen Fäulniskeime zu viel Futter und vermehren sich stark. Bei der Ursachensuche für erhöhte Fettrückstände im Stuhl sollte der Parameter Pankreaselastase angeschaut werden. Zu einer vollständigen Fett- und Eiweißverdauung ist – im Gegensatz zu den Angaben der Normalwerte der Labore – ein Wert über 450 µg/g Stuhl notwendig. Bei einer Pankreaselastase darüber kann eine mangelnde Gallenproduktion oder eine Dünndarmfehlbesiedlung (Overgrowth-Syndrome, SIBO) die Ursache sein. Bei einer Fruktose-Malabsorption bzw. einer Laktose-Intoleranz kommt es zu erhöhten Rückständen an Zucker im Stuhl.

Immunstärkung über eine Darmtherapie

Bei einem schwachen Immunsystem, bei Allergien und Unverträglichkeiten hilft dem Patienten eine individuell auf ihn abgestimmte Behandlung. Der Fokus liegt dabei auf der Regenerierung der Darmschleimhaut-Barriere. Unverzichtbar ist hierfür ein Präparat mit lysierten Escherichia coli, das die Darmschleimhaut zur Regeneration anregt. Zu einer Reparatur werden auch immer „Baustoffe“ benötigt, wie dieAminosäure L-Glutamin, B-Vitamine, Vitamin D3 und C, Biotin, Zink und Selen. Mögliche Alternativen sind auch beispielsweise Colostrum, Aloe vera und Beta-Glucane oder lange geköchelte Bio-Rinderknochenbrühe, die viel L-Glutamin und Mineralstoffe enthält. Die Darmschleimhaut zu beruhigen ist die erste Aufgabe, der die zweite erst später folgt: Probiotika enthalten lebensfähige Keime und manche von ihnen zusätzlich Präbiotika in Form von Ballast- und Faserstoffen wie beispielsweise Inulin oder FOS (Fructooligosaccharide). Akazienfasern dienen ebenfalls als Futter für die Darmbakterien. Die Wahl des Probiotikums sollte individuell auf die Analyse der Darmflora des Patienten angepasst sein. Die Akkermansia und das Faecalibacterium lieben resistente Stärke, die in abgekühlten Pellkartoffen, Nudeln und Haferflocken zu finden sind. Ein zu hoher pH-Wert sollte mit Milchsäure-Präparatengesenkt werden, um das für die Darmbakterien günstige Milieu zu bereiten.

Eine Ernährung mit frischen Lebensmitteln aus biologischem Anbau ernährt unsere hilfreichen Untermieter und verbessert somit die Wurzel für ein stabiles Immunsystem. Herbizide und Insektizide in Nahrungsmitteln reichern sich in unserem Körper an und reduzieren die Zahl unserer Darmbakterien beträchtlich. Glyphosat beispielsweise verursacht beim Menschen zwar nicht direkt Krebs, hemmt aber den lebenswichtigen Chimikatweg unserer Darmbakterien und verursacht dadurch eine Schwächung des Immunsystems.

Häufig sehen wir bei unseren Patienten Schwächen der Verdauungsdrüsen. Aus dem Pflanzenreich bieten sich hier die Bitterstoffean, um die Produktion der Verdauungssäfte anzukurbeln.

Literatur

  1. Schulz M et al. Preventive effects of E. coli strain Nissle 1917 on acute and chronic intestinal inflammation in two different murin models of colitis. Clin. Diagn. Lab Immunol 2004; 11(2): 372-378
  2. Zyrek AA et al. Molecular mechanisms underlying the probiotic effects of e. coli Nissle 1917 involve ZO-2 and PKCz redistribution resulting in thight junction and epithelial barrrier repair. Cell Microbiol 1007; 9: 804-816
  3. Wurster E. Moderne Darmtherapie Band I – Grundlagen, Gastautorin: Sigrid Selzer, BoD, 2019
  4. Luo J, Zheng A et al. Proteome changes in the intestinal mucosa of broiler (Galllus Gallus) activated by probiotic Enterokokkus faecium. J. Proteomics, 2013 Oct 8;91:226-41
  5. Cichon C et al. DNA-Microarray-based comparison of cellular responses in polarized &84 epthelials cells triggered by probiotics: E.cyoli Nissle 1917 (EcH) and Lactobacillus acidophilus PZ1041. Gastroenterology 2004; 126(4): A-578