In diesem Artikel werden die körperlichen Schwachpunkte und die emotionalen Charakteristika der drei am meisten vorkommenden homöopathischen Männertypen beschrieben. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der genauen Beschreibung der Lebensweise und der Psychosomatik des jeweiligen Typus, damit wir mit der oft sehr spärlichen und schweigsamen Anamnese vieler Männer besser umgehen können.

Es geht in diesem Artikel primär darum, die Neugier dafür zu wecken, sich als Therapeut vermehrt in die psychologischen Charakteristika dieser drei gängigen Konstitutionsmittel einzuarbeiten. Gerade bei der Behandlung von Männern, die uns als Beweis ihrer Gesundheit oft nur wenige Symptome beschreiben, ist es besonders sinnvoll, ihre Psychologie und ihre Lebenseinstellung besser zu verstehen. So können wir mit ein wenig Übung allein schon das allgemeine Auftreten und die Art und Weise der Antworten in der Anamnese verwerten.

Die Diagnose von Lycopodium

Beginnen wir gleich mit dem für die naturheilkundliche Behandlung am wenigsten geeigneten Typus: Lycopodium. Das auffälligste Symptom dieser Männer ist, dass sie ihrer Meinung nach gar nicht krank sind. Sie berichten, dass sie keine Beschwerden haben und werden im besten Fall von ihrer Ehefrau in die Naturheilpraxis geschickt. Die Liebe und Fürsorge der Ehefrau sind für diesen Typus selbstverständlich, da er in vielen Fällen als Kind von der eigenen Mutter zu viel Liebe und Aufmerksamkeit bekommen hat.

Die Anamnese ist spärlich und erfolgt widerwillig. Auch Modalitäten, die ja ein gewisses Maß an Achtsamkeit und Selbstbeobachtung erfordern würden, sind diesem Typus nur schwer zu entlocken.

Die amerikanische Homöopathin Catherine Coulter beschreibt dies höchst treffend: „[Der Lycopodium-Patient hat] wenig Vertrauen zu Ärzten und ihren Arzneien […]. Er neigt dazu, physische Schwäche zu ignorieren. Krankheit stellt sein Bild von sich in Frage und stört ihn in seiner Bemühung um Distanz. Er ist irritiert, wenn er selbst oder ein Mitglied seiner Familie schwach ist […]. Er erwartet, dass sein Körper gut funktioniert, so wie er es in der Vergangenheit immer getan hat. Typischerweise denkt er, dass ein Mensch wie er keine medizinische Hilfe braucht, und dass eine starke Persönlichkeit Krankheit durch Willenskraft überwindet.“ (1)

Wenn man als Therapeut die Anamnese, trotz allem Widerstand, weiterführt, kommen in der Regel doch verschiedene vergangene und aktuelle Beschwerdebilder zum Vorschein. Aber die Art und Weise, wie der Patient seine Symptome beschreibt, ist für Lycopodium abermals äußerst charakteristisch: „Für jedes Symptom hat er eine Erklärung oder eine Rechtfertigung und überzeugt sich damit selbst, dass seine Symptome irgendwie nicht mit ihm zu tun haben, und dass er letztlich nichts kann für irgendwelche konstitutionellen Schwächen.“ (1)

Die Leber und der Verdauungsapparat kommen trotz aller Abwehrversuche als konstitutionelle Schwachpunkte letztlich doch immer zum Vorschein. Wir finden bei Hahnemann für Lycopodium „die Auflistung von etwa 300 Verdauungssymptomen“. (1)

Der Schweizer Homöopath Bruno Vonarburg bestätigt die Verdauungsanfälligkeit von Lycopodium: „Jede Mahlzeit verursacht Blähungen und Völlegefühl, wobei die Beschwerden vor allem im Unterbauch […] auftreten. Sie sind voller Luft und leiden an chronischer Darm-Gärung wie von arbeitender Hefe. Die Betroffenen verspüren keinen Appetit.“ (2)

Die Therapie von Lycopodium

Der Lycopodium-Typus profitiert demzufolge in jedem Fall von einer Behandlung der Leber und des Verdauungsapparates. Je nach Beschwerdebild kann Lycopodium als homöopathisches Einzelmittel in verschiedenen Potenzhöhen (C30, C200, C1.000) verabreicht werden. Weitere naturheilkundliche Therapieoption sind:

  • Hechocur spag. Peka Tropfen (Fa. Pekana) – ein homöopathisches Komplexmittel für die Leber mit Lycopodium D4. Standarddosierung: dreimal täglich 10 bis 20 Tropfen in Wasser einnehmen.
  • Hepaplex Tropfen (Fa. Steierl) – ein homöopathisches Komplexmittel für die Leber ohne Lycopodium; stattdessen mit Mariendistel für Fälle, in denen die Leber bereits vorgeschädigt ist. Standarddosierung: dreimal täglich 10 bis 20 Tropfen in Wasser einnehmen.
  • Multiplasan Mineralstoffkomplex Nr. 17 Tabletten (Fa. Plantatrakt) – phytotherapeutische Kräutertabletten für die Leber als alkoholfreie Therapieoption. Standarddosierung: dreimal täglich 3 bis 5 Tabletten mit reichlich Wasser einnehmen.

Die Diagnose von Nux vomica

Beginnen wir den Abschnitt zu Nux vomica am einfachsten mit einer Gegenüberstellung von Nux vomica und Lycopodium. Der Nux-vomica-Typus „achtet jedoch mehr auf seine Gesundheit als Lycopodium. Wenn er seinem Körper zu viel zumutet, ist er sich dessen bewusst, wobei ihm eher die Folgen gleichgültig sind. Lycopodium betrachtet seine starke Konstitution als selbstverständlich und merkt noch nicht einmal, dass er sich misshandelt.“ (1) Dieser kleine, aber feine Unterschied kann in der Anamnese bei Männern ein wichtiger Hinweis sein. Nimmt der Patient sich selbst, seine Umgebung und seinen Körper wahr? Interessiert er sich für seine Gesundheit? Trotz allem fällt es dem Nux-vomica-Typus im Alltag sehr schwer, „sein Naturell zu bändigen“ (1).

In der einleitenden Beschreibung des Boericke (3) finden wir eine wirklich geniale Beschreibung des Nux-vomica-Typus, die man nicht oft genug lesen kann: „Nux vomica ist vornehmlich das Mittel für viele Zustände, die mit dem modernen Leben zusammenhängen. Der typische Nux vomica Patient ist ziemlich dünn, dürr, rasch, aktiv, nervös und reizbar. Er ist viel mit geistiger Arbeit beschäftigt; unterliegt nervlichen Belastungen und hat eine sitzende Lebensweise.“ Die wahrscheinlich vielen Kollegen bekannte Beschreibung geht in diesem Stil weiter und beschreibt das Bild des modernen, rastlosen Menschen. Meiner persönlichen Meinung nach hat sich dieser Typus seit dem Beginn der industriellen Revolution immer weiter in unserer Gesellschaft verbreitet. Bildlich gesprochen ist es der immer gestresste und durchgängig getaktete Maschinen-Mensch der Neuzeit. Die immer weiter fortschreitende technologische Durchdringung der Gesellschaft in Kombination mit dem zunehmenden Leistungsdruck wird meines Erachtens den Stellenwert von Nux vomica in den nächsten Jahren weiter erhöhen.

In der Ehe ist der Nux-vomica-Mann zumeist dominant und besitzergreifend, jedoch empfindet die Frau ihn in der Regel auch als gebenden und beschützenden Partner.

Körperlich zeigen sich beim Nux-vomica-Mann unter anderem folgende Symptome: Die nervöse Überempfindlichkeit und Reizbarkeit führen häufig in Kombination mit Stimulantien-Abusus (Kaffee, Alkohol, etc.) zu Schlaflosigkeit und Erschöpfung. Ein weiterer Schwachpunkt ist der Bereich von Magen- und Zwölffingerdarm. Aufgrund von beruflichem Dauerstress und ausschweifenden Ernährungsgewohnheiten besteht eine Neigung zu Magengeschwüren. Übelkeit, Sodbrennen und Magenkrämpfe sind bei diesem Typus ebenfalls häufig (2).

Die Therapie von Nux vomica

Der Nux-vomica-Typus sollte vor allem in Hinblick auf die nervöse Überempfindlichkeit und Reizbarkeit hin behandelt werden. Organischer Hauptschwachpunkt ist der Magen. Die psychischen und körperlichen Symptome sind vielfach eine direkte oder indirekte Folge des andauernden Überreizungszustands. Auch vom Therapeuten erwartet er rasche und pragmatische Lösungen für seine Probleme. Neben dem homöopathischen Einzelmittel in Form von Globuli kommen u. a. diese Mittel in Frage:

  • Asto spag. Peka Tropfen (Fa. Pekana) – ein homöopathisches Komplexmittel für den Magen mit Nux vomica D4. Standarddosierung: dreimal täglich 10 bis 20 Tropfen in Wasser einnehmen.
  • metanuxvomica Tropfen (Fa. meta Fackler) – ein homöopathisches Komplexmittel für den Magen mit Nux vomica D4. Standarddosierung: dreimal täglich 10 bis 20 Tropfen in Wasser einnehmen.
  • Multiplasan Stoffwechsel Aktiv Nr. 46 Tabletten (Fa. Plantatrakt) – phytotherapeutische Kräutertabletten für Magen und Verdauungsapparat als alkoholfreie Therapieoption. Standarddosierung: dreimal täglich 3 Tabletten mit reichlich Wasser einnehmen.

Praxistipp zum Natrium-muriaticum-Typ

Ignatia ist das akute Natrium muriaticum. Deshalb ist es sehr gut möglich, die akuten emotionalen Symptome eines Natrium-muriaticum-Typs mit Ignatia zu behandeln. Auch bei der Behandlung eines chronischen Natrium muriaticum Zustandes kann bei Traumatisierungen und Depressionen ein Therapieeinstieg mit Ignatia sinnvoll sein.

Die Diagnose von Natrium muriaticum

Der Natrium-muriaticum-Typus unterscheidet sich sehr deutlich von den oben genannten Männertypen. Denn Natrium muriaticum ist wesentlich sensibler. Um sich selbst vor emotionalen Verletzungen zu schützen, hat er oft eine mehr oder weniger hohe Mauer um sich herum gebaut. Meine Praxiserfahrung bestätigt nachfolgendes Zitat aus der Materia Medica von Vermeulen: „Es heißt, dass sie absolut keinerlei Trost dulden; tatsächlich sehnen sie sich nach Trost von der richtigen Person.“ (4) Wenn es uns als Therapeut gelingt, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, lässt sich Natrium muriaticum oft auf sehr tiefgreifende Therapien ein.

Natrium muriaticum ist eher herz- und gefühlsbetont und leidet teilweise unter neurotischen Tendenzen. In Bezug auf die Ehefrau und seine Kinder verhält er sich in den meisten Fällen einfühlsam. Doch nicht alle Natrium-muriaticum-Typen sind perfekte Familienväter. Es gibt auch den Natrium-muriaticum-Typus, der, weil er die Verletzungen seiner Kindheit nicht überwinden konnte, ein Leben lang Single bleibt oder unverbindliche Beziehungen bevorzugt, um nicht wieder verletzt zu werden.

Bailey schreibt in seinem Standardwerk mit dem Titel „Psychologische Homöopathie“ außerdem Folgendes: „Natrium muriaticum ist – zumindest in den modernen Industriegesellschaften – der am weitesten verbreitete Konstitutionstyp. Nach meiner Erfahrung als Homöopath in England, Nordamerika und Australien würde ich schätzen, dass ungefähr ein Drittel aller Menschen in diesen Ländern Natrium sind.“ (5)

Der Natrium-muriaticum-Typus entsteht überwiegend durch die Unterdrückung bzw. Verletzung der Gefühle. Zudem führt der gesellschaftliche Druck, bestimmte Normen einzuhalten, zu einer pathologischen Überanpassung der Persönlichkeit. Nux vomica hat hingegen seinen Ursprung in der verkrampften Leistungsorientierung und gehetzten Überreizung.

Ich habe mit Natrium muriaticum überdurchschnittlich viele gute therapeutische Erfolge erzielen können. Meiner Meinung nach wird dieses Mittel in den gängigen Homöopathie-Ausbildungen und der Fachliteratur viel zu wenig und viel zu eindimensional beschrieben: Die melancholische, introvertierte Frau; der allzeit hilfsbereite Krankenpfleger.

Es handelt sich bei Natrium muriaticum aber um einen Menschentypus, der uns in sehr vielschichtiger Art und Weise in der Praxis begegnen kann, da er äußerst viele Variationen aufweist. Bei der nachfolgenden Auflistung handelt es sich deshalb um eine stark verkürzte Version. Natrium muriaticum kann auftreten als

  • Workaholic oder Alkoholiker, der Arbeit oder Alkohol als Zuflucht vor seinen verletzten Gefühlen nutzt,
  • kalter Vater, der die Verletzungen seiner Kindheit nicht auflösen konnte und die emotionalen Blockaden selbst wieder weitergibt,
  • Helfer (z. B. alle Formen von therapeutischen Berufen), der versucht, den eigenen Seelenschmerz beim Geben zu sublimieren,
  • Einsiedler, der lieber allein lebt, um nie wieder von einer nahestehende Person verletzt werden zu können oder
  • Rebell bzw. Brutalo, der die eigenen verletzten Gefühle in Aggressionen umwandelt.

Die Therapie von Natrium muriaticum

Obwohl es viele verschiedene Natrium-muriaticum-Menschentypen gibt, finden wir bei fast allen das gleiche Hauptthema: Festhalten bzw. Loslassen. Dies ist körperlich und seelisch zu verstehen. Auf der körperlichen Ebene zeigen sich beim Natrium-muriaticum-Patienten zumeist Probleme mit übermäßiger Wasserretention (Ödeme) oder mit Trockenheit. Auf der seelischen Ebene kann dieser Patient Probleme mit dem Nicht-Loslassen-Können emotionaler Schmerzen und Erinnerungen haben, insbesondere nach Verlusterfahrungen in engen Beziehungen. Die jahrelange Retention der Gefühle kann in vielen Fällen zu depressiven Verstimmungen führen. Bei der Behandlung von Natrium muriaticum halte ich je nach Zielsetzung Tiefpotenzen wie D6 bis hin zur Hochpotenzen wie C50.000 für gleichermaßen wichtig.

Wenn übermäßige Feuchtigkeit und Trockenheit im Körper reguliert werden sollen, ist es sinnvoll, die Milz zu unterstützen; beispielsweise mit diesen Mitteln:

  • Ailgeno spag. Peka Tropfen (Fa. Pekana) – ein homöopathisches Komplexmittel für die Milz mit Natrium muriaticum D12. Standarddosierung: dreimal täglich 10 bis 20 Tropfen in Wasser einnehmen.
  • Schüßler-Salz Nr. 8 Natrium chloratum in D6 oder D12. Standarddosierung: dreimal täglich 2 Tabletten unter der Zunge zergehen lassen.

Wie gesagt geht es bei Natrium muriaticum häufig um emotionale Themen. Während bei Lycopodium die Leber und bei Nux vomica der verkrampfte Magen im Vordergrund stehen, so ist bei Natrium muriaticum der Schwerpunkt im Bereich des Herzens anzusiedeln. Bei Stress in der Partnerschaft, Verlusterfahrungen von nahestehenden Personen und Verletzungen aus der Kindheit verschreibe ich daher meinen Patienten neben Natrium muriaticum sehr häufig folgende Arzneimittel zur Herzstärkung:

  • Habstal-Cor Tropfen (Fa. Steierl) – ein homöopathisches Herzmittel mit Crataegus Urtinktur. Standarddosierung: dreimal täglich 10 bis 20 Tropfen in Wasser einnehmen.
  • Crataegus Ø Urtinktur (Fa. Ceres) – phytotherapeutische Weißdorn-Tropfen. Standarddosierung: dreimal täglich 3 bis 5 Tropfen in Wasser einnehmen.

Fazit

Es lohnt sich meines Erachtens auf jeden Fall, den psychologischen Charakteristika der verschiedenen Männertypen in der Praxis wesentlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die Buchempfehlungen im Literaturverzeichnis (Coulter, Vonarburg, Vermeulen und Bailey) haben mir persönlich die Tür zu einem fundierten psychologischen Verständnis dieser drei häufigen Typen eröffnet. Denn wie sollen wir Männer in der Naturheilpraxis erfolgreich behandeln, wenn wir ihre körperlichen und seelischen Leiden, ihre Lebensweise und ihre Handlungsmotive nicht verstehen können?

Literatur

  1. Coulter CR: Portraits homöopathischer Arzneimittel I – Zur Psychosomatik ausgewählter Konstitutionstypen. 5., verbesserte Auflage. Haug Verlag, Heidelberg 1998
  2. Vonarburg B, Burger S: Arzneimittelpersönlichkeiten in Wort und Bild – Eine homöopathische Arzneimittellehre zur schnellen Orientierung in der Praxis. Haug Verlag, Stuttgart 2010
  3. Boericke W: Homöopathische Mittel und ihre Wirkungen – Materia Medica. 8. Auflage. Wissenschaftlicher Autorenverlag, Leer 2008
  4. Vermeulen F: Neue Synoptische Materia Medica 1, Emryss Verlag, Haarlem 2006 
  5. Bailey PM: Psychologische Homöopathie – Die Persönlichkeitsprofile der 35 wichtigsten homöopathischen Mittel. Trias Verlag, Stuttgart 1995