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Naturheilpraxis 01/2019

Lavendel – Pflanze der Extreme

"Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt; glücklich allein ist die Seele, die liebt", dichtete Goethe für Klärchen, die weibliche Hauptrolle in seiner Tragödie "Egmont", die sich mit dem Freiheitskampf der Niederländer im 16. Jh. beschäftigt.

Ein Beitrag von Bernd Hertling
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Hört er von diesen extremen Gemütsschwankungen, fällt dem klassischen Homöopathen sofort Ignatia, Strychnos ignatii, eine enge Verwandte der Brechnuss, Nux vomica, ein. Doch hier soll es um eine Pflanze aus dem weiten Feld der Phytotherapie gehen, Lavandula officinalis et al. Zu Deutsch: Lavendel und seine Unterarten.

Nomenklatur

Der Name leitet sich aus dem lateinischen lavare für waschen, reinigen ab, was sich nicht zuletzt darin niederschlägt, dass sich Lavendelaromen auch heute noch in gängigen Waschmitteln finden. Es ist bekannt, dass Caesar gerne Lavendel fürs abendliche Entspannungsbad verwendete, doch lag der Schwerpunkt der Lavendelanwendung in der Antike weniger im profanen als im Sakralbereich. So reinigte man die Altäre für die Götter mit Lavendelwasser, ehe man Räucheropfer darbrachte, oder entfernte nach Blutopfern die übel riechenden Rückstände mit der versöhnlich duftenden Waschlösung. Ansonsten räucherte man damit mit wechselndem Erfolg gegen die Pest und die Malaria an.
Mit einem alten Synonym für Lavendel, Speik, das sich aus dem lateinischen spica (Ähre) herleitet, wird heute eine spezielle Lavendelart, der Speiklavendel, Lavandin (Lavandula latifolia) bezeichnet. Ältere Reinigungsmittel, wie etwa die „Speikseife“, beinhalteten also Lavendelaromen.

Der gehetzte Zeitgenosse

Ein Zeitgenosse Caesars, Aurelius Augustinus, Kirchenvater und Heiliger aus Nordafrika, war der Ansicht, die Welt eile beschleunigt ihrem Ende entgegen, da sich alles zu schnell abspiele, und, wie alle wissen, die Eile des Teufels ist. Ein paar Augenblicke im Weltengang später findet auch der oben erwähnte Johann Wolfgang von Goethe gegen Ende seines Lebens (gest. am 22.03.1832), dass „alles veloziferisch sei“. Er konstruiert aus lateinisch velox/velocis (schnell) und dem trügerischen Bösewicht des Christentums, Luzifer, jene innere Haltung, die sich in überstürzter Eile äußert, was unweigerlich in der Gesellschaft des Teufels endet. Vordergründig mag man damit auch erfolgreich sein, doch in Hinsicht aufs ewige oder auch nur mittelfristige Seelenheil sind durchaus Zweifel angebracht.
Noch ein paar Sekunden später, wir finden uns in unserer Gegenwart wieder, meint man, dass nun auch der Letzte verstanden haben müsste, dass es so beschleunigt nicht mehr weitergehen kann. Doch der Mensch der Post-Industriegesellschaft ist seiner natürlichen Umwelt beraubt und ordnet sich maschinengemachten Zeittaktungen unter, die ihm vorgaukeln, schneller sei automatisch besser. Dabei reden alle von Entschleunigung – und in Wirklichkeit wird alles schneller: Alles wird schneller teurer, geht schneller kaputt, wird schneller aufgebraucht, schneller alt. Sogar der letzte Schrei verhallt schneller als früher und produziert Berge von Modemüllhalden.
Und diese Eile, diese Hetze schlägt sich nieder im Bereich der Schwingungsamplitude des vegetativen Nervensystems. Gerade was die Amplitude der psychovegetativen Stimmung betrifft, die normalerweise als Sinuskurve imponieren sollte. Das heißt, ein maßvoller Ausschlag nach oben ins Reich des Sympathikus wird in der Regel durch einen ebensolchen nach unten, in den Bereich des Vagus, ausgeglichen, sodass es zu einer harmonischen Schwingung um eine gedachte Nulllinie kommt. Wie wir wissen, besteht das Leben aus rhythmischen Prozessen, unter welche eben auch die Schwingungszustände des eutonen Vegetativums zu rechnen sind. Kommt es nun, aus welchen Ursachen auch immer, zu einer Störung, die mit einer Tonusveränderung beantwortet wird, spricht man von vegetativer Dystonie. In den Situationen, die uns interessieren, kommt es zu einer Veränderung der Sinuskurve hinsichtlich Frequenz und Höhe des Ausschlages. Das kann sich in Gestalt einer steil hochgestellten Kurve mit enger Frequenz äußern, wie eingangs bei Klärchen, oder aber auch in Veränderungen der Rhythmik. Das heißt, nach einem Abschwung in den parasympathischen Bereich verzögert sich der Wiederaufschwung in den Sympathikus, und der betroffene Mensch fühlt sich gebremst, energiearm, schlapp bis hin zu depressiv verstimmt. In unserem Fall interessiert mehr die reziproke Situation, wenn sich eine Sympathikotonie über einen längeren Zeitraum erstreckt, sodass der betroffene Mensch sich eher getrieben, unruhig, übernervös und überaktiv empfindet. Es fällt ihm schwer bzw. wird unmöglich, sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Diese Schwankungen können rein subjektiv sein und sich vorwiegend in innerer Unruhe niederschlagen, sodass die Umwelt des Patienten keine Ahnung von seiner Problematik hat. Sie können aber auch so ausgeprägt auftreten, dass sie objektivierbar ist. Um dieser prekären Situation beizukommen, greifen manche auch zu Stimulanzien. Dann allerdings, das müssen wir eingestehen, wird die Anwendung von Lavendelpräparaten allein nicht mehr hilfreich sein können.

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Naturheilpraxis 01/2019

Erschienen am 02. Januar 2019