Ein Übersichtsartikel von norwegischen, schwedischen und russischen Forschern stützt die These, dass ein Mangel an bestimmten Mikronährstoffen ein Faktor für die heftige Entzündungsreaktion sein könnte, die bei vielen COVID-19-Patienten zu einem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom (SARS) führt.

Während die Welt auf einen Impfstoff für COVID-19 wartet oder auf ein Medikament hofft, das den häufig tödlichen Entzündungssturm lindern kann, der viele Patienten mit schweren Lungenschäden zurücklässt, untersucht ein Team von Wissenschaftlern aus Norwegen, Schweden und Russland das Problem aus einem anderen Blickwinkel. In ihrem Artikel in der Fachzeitschrift Nutrients benennen die Forscher den Mangel an bestimmten Mikronährstoffen wie Selen, Zink und Vitamin D als möglichen Grund für die heftige Immunreaktion, die die Todesursache bei vielen COVID-19-Patienten darstellt.

Diese Nährstoffe, insbesondere Selen und Vitamin D, stehen bereits seit Längerem im Zentrum der Aufmerksamkeit. Erstaunlich viele Menschen in westlichen Kulturen leiden unter einem Mangel dieser beiden Stoffe, unter anderem aufgrund nährstoffarmer Ernährung und zu wenig Zeit im Freien.

Europäer haben häufig Selenmangel

Selen steht seit einigen Jahren im Fokus, da die Böden in Europa wenig Selen enthalten und selbst eine ausgewogene Ernährung nicht unbedingt ausreichend Selen liefert. 2013 erschien im International Journal of Cardiology eine Studie aus Schweden namens KiSel-10, die zeigte, dass die ergänzende Gabe von SelenoPrecise, einer patentierten dänischen Selenhefe, in Kombination mit der vitaminähnlichen Verbindung Coenzym Q10 für ältere Männer und Frauen das Sterberisiko durch Herzmuskelprobleme deutlich senkte und für eine höhere Lebensqualität sorgte. Selen ist die Grundlage verschiedener wichtiger Selenoproteine im Körper, von denen einige entscheidend für das Immunsystem und den Zellschutz sind.

Immunstärkende und entzündungshemmende Eigenschaften

Die Autoren der neuen Studie zu COVID-19 betonen, dass direkte Belege für die Bedeutung von Mikronährstoffen für Verlauf und Ausgang einer COVID-19-Infektion derzeit begrenzt sind und auf Beobachtungen beruhen. Dennoch ist es durchaus vorstellbar, dass ein guter Nährstoffstatus besonders bei Risikogruppen für ein stärkeres Immunsystem und eine entzündungshemmende Wirkung sorgen, und so helfen könnte. Zudem wird es noch einige Zeit dauern, bis die Risikogruppen geimpft sein werden und ein Medikament gegen die Krankheit gibt es nicht. Entzündungshemmende Kortikosteroide haben in der Vergangenheit zu einer Verschlechterung des klinischen Zustands von Patienten mit SARS geführt. Auch zur Behandlung mit dem Blutplasma genesener Patienten liegen nur wenige Erfahrungswerte vor.

Besonders ältere Menschen leiden häufig unter Mangel

Bei ihrer Recherche in PubMed nach Artikeln zu Zink, Selen und Vitamin D sowie COVID-19, die zwischen 2010 und 2020 veröffentlicht wurden, fanden die Wissenschaftler Belege für die Hypothese, dass die drei Mikronährstoffe eine Rolle beim Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 wie auch bei der Milderung des Krankheitsverlaufs spielen können. Da derzeit keine Impfung oder Behandlung verfügbar ist und das Problem besonders ältere Menschen betrifft, ist es nur sinnvoll, den Mangel an Mikronährstoffen, der in dieser Bevölkerungsgruppe besonders verbreitet ist, zu thematisieren.

Es gibt einige Argumente, die dafür sprechen, die drei genannten Mikronährstoffe zur Stärkung und Regulierung des Immunsystems einzusetzen, damit es besser arbeitet, ohne überzureagieren.

Zink

  • Zink wird zur Bildung und Erhaltung von Immunzellen und anderen Zellarten benötigt. Es ist bekannt, dass Zinkmangel zu mehr Entzündungen und höheren Entzündungsmarkerwerten führt.
  • Außerdem wirkt sich ein Zinkmangel auf fast alle Teile des Immunsystems aus, besonders auf die Funktion der T-Zellen.
  • Verschiedene Fallberichte belegen eine erfolgreiche Heilung von COVID-19-Patienten, die mit Zink-Nahrungsergänzungsmitteln behandelt wurden. Zink kann sowohl die Regulierung des Entzündungssturms bei COVID-19 als auch die Behandlung des Virus SARS-CoV-2 selbst unterstützen.

Selen

  • Selen ist ein besonders relevanter Mikronährstoff, denn ein Mangel schwächt nicht nur die Immunreaktion, sondern beeinflusst auch die Pathogenität von Viren im Allgemeinen. Eine kürzlich erschienene chinesische Studie zeigt eine bessere Heilungsrate bei COVID-19-Patienten mit höheren Selenwerten.
  • Besonders interessant ist die Wechselwirkung zwischen einer Hauptprotease von SARS-CoV-2, die der Virusreplikation dient, und einem essenziellen Selenoprotein, der Glutathionperoxidase (GPX1), die auf Selen basiert.
  • Einige der wirksamsten Selenoproteine erfordern zum Schutz vor übermäßigen Entzündungsreaktionen eine Selendosis von über 100 Mikrogramm täglich — mehr als die meisten Menschen durch ihre Ernährung allein zu sich nehmen können.
  • Selen funktioniert außerdem in Kombination mit der vitaminähnlichen Substanz Coenzym Q10 besser, wie die schwedische KiSel-10-Studie zeigt. Dabei führte die Gabe beider Nährstoffe zu einer Reduzierung der Entzündungsreaktion, die anhand von CRP und anderen Entzündungsmarkern gemessen wurde. Auch allein hat Coenzym Q10 nachweislich entzündungshemmende Eigenschaften.
  • Die Untersuchungen der amerikanischen Wissenschaftlerin Melinda Beck zeigen, dass Personen mit Selenmangel wesentlich empfindlicher auf eigentlich harmlose Atemwegserkrankungen reagieren als Personen mit ausreichenden Selenwerten.
  • Bei älteren Menschen kann die zusätzliche Gabe von Selen auch die Reaktion auf Grippeimpfungen regulieren. Dies deutet darauf hin, dass es auch vor Überreaktionen des Immunsystems schützt.

Vitamin D

  • Vitamin D stimuliert die Reifung von Immunzellen. Epidemiologische Studien zeigen außerdem eine inversive Beziehung zwischen den Blutwerten von Vitamin D und Entzündungsmarkern wie CRP und Interleukin-6.
  • Eine Studie aus Los Angeles ohne Peer Review ergab, dass ein Vitamin-D-Mangel ein Risikofaktor für einen positiven Test auf COVID-19 ist. Eine ähnliche Studie aus Cincinnati zeigt eine Verbindung zwischen Vitamin-D-Mangel und Krankenhausaufenthalten, schweren Verläufen und sogar Todesfällen.
  • Schwerer Vitamin-D-Mangel ist bei kritischen Patienten häufig und gilt bei älteren Patienten als eigener Risikofaktor für ambulant erworbene Pneumonie.
  • Zudem gibt es Hinweise, dass ein Mangel an Vitamin D Lungenentzündungen verschlimmern kann, bis hin zu akutem Lungenversagen (ARDS) oder anderen Komplikationen.
  • Vitamin D kann die Entzündungsreaktion nachweislich mindern, ohne die antivirale Aktivität oder die Virusabreicherung im Atemwegsgewebe, das von einer viralen Atemwegserkrankung befallen ist, zu beeinflussen.

Fazit

Zwar gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass Selen, Zink und Vitamin D COVID-19 heilen können, doch zahlreiche Studien belegen die Rolle dieser Mikronährstoffe bei der Abschwächung von Symptomen und der Verhinderung potenziell gefährlicher Hyperinflammationen, die bei COVID-19-Patienten schwere Gewebeschäden verursachen können.

Literatur

Early Nutritional Interventions with Zinc, Selenium and Vitamin D for Raising Anti-Viral Resistance Against Progressive COVID-19. Jan Alexander, Alexey Tinkov, Tor A. Strand, Urban Alehagen, Anatoly Skalny und Jan Aaseth. Nutrients 2020, 12(8), 2358.