Schwerpunkt
Naturheilpraxis 04/2022

Juckreiz – Schmerz der Haut

Die Haut gibt auf alle Stoffe, die mit ihr in Kontakt kommen, eine sogenannte immunologische Antwort. Sie entscheidet, ob ein Stoff für uns verträglich ist oder uns schadet. Ist Letzteres der Fall, reagiert sie häufig mit Juckreiz (Pruritus). Ein Patient mit Juckreiz erwartet schnellstmögliche Besserung und ist für den Therapeuten eine wirkliche Herausforderung. Grund genug, sich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen.

Ein Beitrag von Anita Kraut
Lesezeit: ca. 6 Minuten
goffkein.pro / shutterstock.com

Es mag sich eigenartig anhören, aber es gibt für mich einen „ursprünglichen“ Juckreiz, einen „symptomatischen“ Juckreiz und einen „modernen“ Juckreiz. Den „ursprünglichen“ Juckreiz gibt es seit Menschengedenken, er findet sich auch im Tierreich. Der „ursprüngliche“ Juckreiz ist ein Schutzmechanismus, genauso wie der Schmerz. Mit dem Juckreiz signalisiert die Haut, dass etwas von außen auf sie gelangt ist, was sie reizt, und das uns eventuell schaden könnte. Mit dem zwangsläufigen Kratzen in der Folge entfernen wir diesen äußeren Reiz. Deshalb gibt es Juckreiz auch nur auf Haut und (seltener) Schleimhaut. Der äußere Reiz kann nun ein Mückenstich sein, das Krabbeln und die Bisse von Parasiten wie Läuse, Flöhe oder Milben. Auch Giftpflanzen oder Ablagerungen auf der Haut, wenn man sich lange nicht gewaschen hat. Dieser „ursprüngliche“ Juckreiz ist immer noch vorherrschend in den Köpfen der Menschen. Wenn sich jemand kratzt, die Kopfhaut reibt, den Rücken am Türpfosten auf und ab schiebt – dann juckt es plötzlich auch den Betrachter. Oft reicht es schon, davon zu lesen, und es juckt.

Was passiert in der Haut bei Juckreiz?

Sobald die obersten Schichten der Epidermis zerkratzt sind, werden die Rezeptoren in der Haut gereizt. Über Nervenfasern werden Signale über das Rückenmark zum Gehirn geleitet. Lange glaubte man, dass das Signal „Jucken“ über die gleichen Nervenfasern ins Gehirn gelangt, wie der Schmerz. Inzwischen sind Wissenschaftler jedoch der Ansicht, dass die Haut hierfür eigene Nervenfasern benutzt. Interessanterweise ist das auf den Juckreiz folgende Kratzsignal schneller im Rückenmark und Gehirn als der Juckreiz. Daher erfahren wir eine kurzzeitige Linderung nach dem Kratzen. Ist der Reiz jedoch nicht entfernt, geht es wieder von vorne los.

Nach einem Reiz kommt es zur Ausschüttung von Histamin aus den Mastzellen in der Haut. Die Symptome kennen wir alle nach einem Mückenstich mit seinen klassischen Entzündungszeichen. Wer sich dann aggressiv kratzt, sorgt für einen weiteren Anstieg von Histamin aus den Mastzellen und das Ganze verschlimmert sich. Sanftes Reiben ist daher sinnvoller als wildes Kratzen. Antihistaminika wie Cetirizin oder Loratadin unterbrechen die Reizweiterleitung und sorgen daher für (zumindest kurzfristige) Ruhe auf der Haut.

Der „symptomatische“ Juckreiz ist eine Folge anderer Grunderkrankungen. Hierzu gehört z. B. die trockene Haut, allergische Hautkrankheiten, Leber-Galle-Krankheiten, Nierenstörungen, Eisenmangel oder Diabetes. Sie sind schon anamnestisch leicht zu erfahren. Man geht davon aus, dass der gelbe Gallenfarbstoff in der Haut bei Lebererkrankungen die Jucksensoren reizen kann. Beim Juckreiz aufgrund von Nierenerkrankungen liegt es wohl an der Entgiftungsfunktion der Haut (siehe unten). Die Behandlung der Grunderkrankung steht hier natürlich im Vordergrund. Unterstützende Therapievorschläge finden Sie unten.

Den „modernen“ Juckreiz gibt es in der Geschichte der Medizin noch nicht allzu lange. Er ist begründet in Körperpflegemitteln und den Nebenwirkungen von Medikamenten. Der Reiz der Sensoren in der Haut erfolgt hierbei wohl aufgrund der Stoffwechselvorgänge:

Die Haut gibt auf alle Stoffe, die mit ihr in Kontakt kommen, eine sogenannte immunologische Antwort. Sie entscheidet, ob dieser Stoff für uns verträglich ist oder uns schadet. Ist sie der Meinung, dass der Stoff uns schadet, so hat sie mehrere Möglichkeiten, ihn zu entsorgen: Der einfachste Weg ist eine vermehrte Schuppung, um mitsamt den Schuppen auch den – aus ihrer Sicht – schädlichen Stoff zu entfernen. Juckreiz ist ihr dabei behilflich, denn er beschleunigt die Entfernung des Stoffes durch Kratzen. Die Langerhans-Zellen der Haut sind identisch mit den Peyerschen Plaques des Darmes. Beides sind Makrophagen-Ansammlungen und Wächter des Immunsystems von Haut bzw. Schleimhaut. Ihre primäre Aufgabe besteht in der Phagozytose von Erregern. Bei kosmetischen Produkten versagen sie, können jedoch die vermehrte Schuppung und die chemischen Abbaumöglichkeiten in der Haut fördern. Die Entgiftungsenzyme der Haut sind identisch mit denen in der Leber. Die Hauptvertreter sind hierbei die Hydroxylasen. Wie der Name schon sagt, zerkleinern sie den unerwünschten chemischen Stoff durch Einlagerung von Wassermolekülen. Danach werden die Partikel aktiv in den Körper geschleust und – naheliegend – über die Niere ausgeschieden. Das hört sich raffiniert an, jedoch ist die Leistung dieser Entgiftungsfunktion mengenmäßig nur eingeschränkt möglich. Es handelt sich quasi um ein „Emergency project“. In unserer modernen Zeit wird aus einem Notfall ein Dauereinsatz und es kommt zu einer Überforderung dieses Systems. Es drängt sich der Verdacht auf, dass dadurch auch die Mastzellen gereizt werden und es zu einer vermehrten Histaminausschüttung kommt. Häufigstes erstes Symptom: Juckreiz. Da die Haut die gleichen Entgiftungsenzyme besitzt wie die Leber, wird sie diese auch bei Bedarf unterstützen. Ist die Leber zum Beispiel durch die Toxine von pathologischen Keimen im Darm, Parasiten oder durch Medikamente (häufig: Blutdrucksenker, Gerinnungshemmer, Psychopharmaka) überfordert, eilt ihr die Haut zu Hilfe. Das ist auch der Grund, weshalb eine Entgiftung beim Hautkranken nicht zu Beginn der Therapie erfolgen soll, denn durch die „Hilfsbereitschaft“ der Haut kann es zu einer Erstverschlimmerung kommen. In dieses Entgiftungsgefüge ist – wie wir jetzt wissen – auch die Niere eingebunden, indem sie die abgebauten Stoffe ausleitet. Trinkt der Patient zu wenig, können diese Partikel nicht ausgeschieden werden und führen zu Folgebeschwerden.

Klassische Medikamente, wie z. B. Blutdrucksenker oder ASS, zerstören darüber hinaus die DAO im Darm (Diaminooxydase), welche das Histamin in Nahrungsmitteln abbaut und über diesen „Umweg“ den Histaminspiegel ansteigen lassen und somit den Juckreiz fördern kann. Rücksprache mit dem verordnenden Therapeuten ist also in jedem Fall nötig.

Die Haut dient auch der aktiven Entgiftung: Über die Talgdrüsen kann sie die lipophilen Stoffe (Leber) ausscheiden und über die Schweißdrüsen die hydrophilen Stoffe (Niere). Erkrankungen der beiden Entgiftungsorgane Leber und Niere können daher auch Hautreizungen zur Folge haben. Mit etwas Übung kann man das als Therapeut auch riechen – wenn nicht gerade ein Parfum der Wahrnehmung im Wege steht.

Der häufigste Grund für den „modernen“ Juckreiz sind die Körperpflegemittel und Waschmittelrückstände in der Kleidung. Daher gilt: weniger ist mehr. Eine einfache, reine Pflanzenölseife, reine Öle (am besten verträglich: Olivenöl, Distelöl und Mandelöl) reichen völlig aus. Verträgliche Waschmittel für die Kleidung findet sich inzwischen in allen Bioläden.

Was hilft bei Juckreiz?

Der Patient sollte viel stilles Wasser trinken (empfehlenswert: St. Georgs-Quelle von den St. Leonhards Quellen) wegen der Nierenausscheidung. Mit den Lebermitteln sollten wir Therapeuten aus den obigen Gründen vorsichtig sein. Es gibt jedoch ein hervorragendes homöopathisches Mittel, welches man bei „leberbedingtem Juckreiz“ verabreichen kann: Astacus fluviatilis in der Potenz D6 oder D8, 2–3 × täglich 5 Globuli/Tropfen. Gut kombinierbar mit Viola tricolor in der Potenz D6 oder D8, gleiche Dosierung.

Edel- oder Flusskrebs (Astacus fluviatilis) Florian Teodor / shutterstock.com

Vorsicht mit Sulfur zu Beginn der Therapie. Sulfur wirkt wie eine Zentrifuge von innen nach außen und kann den Juckreiz oder eine Hautkrankheit verstärken.

Reine Pruritus-Mittel gibt es so gesehen in der Naturheilkunde nicht, da es sich beim Pruritus ja „nur“ um ein Symptom handelt. Die folgenden Präparate sind für den ersten Einsatz jedoch empfehlenswert:

Urtica comp. Globuli (Fa. Wala) oder Cutro spag. Peka Tropfen (Fa. Pekana) oder Cistus canadensis F Komplex Nr. 161 (Fa. Nestmann) oder Dermatodoron (Fa. Weleda). Niedrige Dosierung und seltene Gaben zu Beginn der Therapie, dann langsam steigern.

Da auch Nahrungsmittel den Juckreiz auslösen oder verstärken können, sollte der Patient darauf hingewiesen werden, die folgenden Nahrungsmittel vorübergehend zu meiden: Nüsse, Kiwi, Erdbeeren, Tomaten – um die Wichtigsten zu nennen.

Ich vermeide stark einschränkende Diäten über längere Zeit. Eine Darmsanierung ist bei Verdacht auf Juckreiz durch Lebensmittel unumgänglich.

Weitere Aspekte zum Schluss

Was juckt den Patienten? Was kratzt ihn? Wo sonst in seinem alltäglichen Leben könnte er aus der Haut fahren? Welche Situationen verstärken seinen Juckreiz? Wann ist er beschwerdefrei? Achten Sie genau auf die Worte, die er während der Anamnese wählt – oft gibt er Ihnen als sein Therapeut schon selbst die Antwort.

Fortbildungsreihe „Ganzheitliche Dermatologie“

Hautkranke Patienten sind die Herausforderung der Zukunft in ganzheitlich orientierten Praxen. Die Fortbildungsreihe „Ganzheitliche Dermatologie“ vermittelt Basiswissen und therapeutisches Know-how, als 3-Tage-Live-Seminar oder demnächst auch als Online-Fortbildung in einzelnen Modulen. Nähere Info unter www.anita-kraut.de.

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 04/2022

Erschienen am 01. April 2022