Nach fast dreißig Jahren Berufspraxis in der Komplementärmedizin bin ich der festen Überzeugung, dass ein tief greifendes Verständnis immunologischer Zusammenhänge für eine gewissenhafte Ausübung der Heilkunde essenziell ist. Die Immunphysiologie und Pathologie ist relativ abstrakt, vielleicht ein Grund dafür, dass viele Kolleginnen und Kollegen davor zurückschrecken, sich intensiv mit der Thematik Immunsystem zu beschäftigen.

Auf der anderen Seite wird im Berufsstand recht schnell zu immunmodulierenden Medikamenten oder Verfahren wie Misteltherapie, Echinaceatropfen oder Eigenblut gegriffen, um irgendetwas – relativ Unbestimmtes – im Immunsystem zu bewirken. Dadurch können durchaus auch „schlafende Hunde geweckt“ werden. Mit Mistelinjektionen kann man beispielsweise auch eine bislang latent schwelende Autoimmunerkrankung klinisch manifest zum Leben erwecken. Jede über eine akute und damit zeitlich stark beschränkte Behandlung hinausgehende Immunmodulation sollte daher immer mit einer Immundiagnostik beginnen. Damit wird die immunologische Ausgangssituation abgebildet und die Basis für eine zielgerichtete Behandlung gelegt. Das ist besonders wichtig, da sehr viele Erkrankungen mit Immundysbalancen und Inflammationsgeschehen kausal zusammenhängen und therapeutisch nur über Immunstimulation oder -suppression erreichbar sind.