Wie schon in der Märzausgabe der N handelt es sich bei diesem Beitrag um ein Fallbeispiel, das Werner Dingler in seiner Dozententätigkeit an der Homöopathieschule der DGKH verwendete. Es wurde mit den Schülern im Rahmen des Unterrichts bearbeitet, der die Schwierigkeiten der Dosierung der homöopathischen Arzneimittel zum Thema hatte, hier am Beispiel der Therapie mit Q-/LM-Potenzen.

Erstanamnese

Spontanbericht/gelenkter Bericht

Die 43½-jährige R. W. kam Anfang Februar 1996 wegen vielfältiger Beschwerden in die Sprechstunde und gab im Spontanbericht folgendes Beschwerdebild an, ergänzt durch die Auskünfte, die auf Nachfrage gegeben wurden (nach dem /):

  1. Starke Schmerzen im rechten Hüft- und Kniegelenk, sodass sie an manchen Tagen überlege, ob sie 300 Meter zum Einkaufen gehen könne./
    Es seien ein permanenter Wundheitsschmerz und ein Brennen vorhanden, bei Außenrotation der Hüfte werde der Schmerz stechend. Die Beschwerden seien stärker bei Belastungen wie Aufstehen und bei längerem Gehen, dann bekomme sie auch stechende Schmerzen in der Leiste. Es bestehe ein Anlaufschmerz morgens.
  2. Schmerzen wie von Feuer am rechten Unterschenkel bis zum unteren Drittel der Kniescheibe./
    Brennen einer handtellergroßen Stelle an der Außenseite des rechten Unterschenkels und am unteren Drittel der Kniescheibe ohne Ausschlag, stärker im Sommer und in der Bettwärme. Schweregefühl beider Unterschenkel besonders nach Schlaf.
  3. Starke Schwellung beider Unterschenkel./
    Ödeme, auf Druck bleiben Dellen zurück; stärker im Sommer, etwas weniger im Winter.
  4. Wechselnde Beschwerden in der HWS-Schulter-Arm-Region und LWS-Ischias-Region./
    Permanenter Schmerz in der Schulter-Arm-Region rechts, stärker durch Anstrengung. Die LWS-Beschwerden begannen auf einer stundenlangen Busreise, Ischiasschmerz rechts, ausstrahlend in Richtung Knie.
  5. Starke Kurzatmigkeit, schon bei der kleinsten Anstrengung./
    Selbst beim Bücken zum Schuheanziehen komme sie außer Atem.
  6. Schlafstörungen mit häufigem Erwachen nach Mitternacht./
    Seit eineinhalb Jahren liege sie ab 2 bis 3 Uhr oftmals wach und sei bis 5 Uhr schlaflos. Sie schlafe dann wieder ein, um am Morgen wie gerädert zu erwachen. Seit ca. einem Jahr bestehe ein nächtliches Engegefühl, das sie nötige, aufzustehen.
  7. Starker Nachtschweiß./
    Besonders zwischen 3 und 4 Uhr erwache sie, beim Erwachen sei sie total nass.
  8. Bluthochdruck, RR 180/120. Die Messung in der Praxis ergab die Werte 160/105.
  9. Schwellung des rechten Auges und Juckreiz seit mehreren Wochen.
  10. Sie habe verstärkten Haarausfall, intervallmäßig, seit 11 Jahren, d. h. seit der Geburt des Sohnes.
  11. Seit der Jugend habe sie Hämorrhoiden.
  12. Eine Perianalfistel seit der Schwangerschaft 1984, wurde schon mehrfach operiert.
  13. Hitzegefühle, es werde ihr schnell zu warm, sie ertrage keine warmen Zimmer. Sie friere nie und gehe auch im Winter oft nur mit einer Bluse bekleidet ins Freie.
  14. Seit der Entbindung 1985 neige sie zu Übergewicht. Sie wiege jetzt 80 kg bei 161 cm. Vor der Geburt des Sohnes habe sie 69 kg gewogen. Obwohl sie eher wenig und vor allem keine Süßigkeiten esse, habe ihr Körpergewicht mit den Jahren stetig zugenommen./
    Der Appetit sei sehr stark, sie habe dauernd Hunger, könne dauernd essen, besonders am Vormittag. Sie beherrsche sich, doch wenn sie gegen 11 Uhr nicht esse, bekomme sie Schwächezustände. In der Kindheit habe Verlangen nach Süßigkeiten bestanden, jetzt eine Abneigung dagegen.
  15. Seit einigen Jahren bemerke sie an der rechten Halsseite eine schmerzlose Drüsenschwellung.

Krankheitsgeschichte

Weiter berichtete die Patientin noch, dass sie im sechsten Lebensjahr mit einer Pneumonie stationär im Krankenhaus behandelt wurde. Mit acht Jahren sei sie von einem Schäferhund in die linke Wade gebissen worden und habe seither große Angst vor Hunden, welche sich auch auf ihren Sohn vererbt habe. Sie habe mit 13 Jahren nach einem Sturz aufs Knie monatelang Wasser im Knie gehabt, was schlecht abgeheilt sei. Nach der Androhung einer Punktierung sei es doch noch von selbst verschwunden. Im Alter von 17 Jahren habe ihr Hämorrhoidalleiden begonnen. Ebenfalls zu dieser Zeit hätten sich die bartholinischen Drüsen entzündet, welche ambulant chirurgisch geöffnet wurden. Seither sei dies noch zwei Mal vorgekommen, zuletzt im Jahr 1982. Ihre Menarche habe mit 12–13 Jahren stattgefunden. Ihre Menses komme meist zu früh, zwischen dem 18. und dem 25. Zyklustag. Sie habe die Pille vom 17. bis zum 30. Lebensjahr eingenommen. Mit 32 sei sie geplant schwanger geworden und habe mit 33 Jahren normal entbunden. Ihr Sohn habe 4 390 g gewogen und sei 50 cm groß gewesen. Zwischen dem 16. und 32. sowie vom 39. bis 41. Lebensjahr habe sie stark geraucht (Zigarillos). Seither sei sie Nichtraucherin. Mit 31 Jahren habe sie Rückenschmerzen bekommen, die auf einer 8-tägigen Busreise heftig begonnen hätten. Anschließend im Herbst hätten sich diese stark verschlimmert, sodass ihr wochenlang kaum noch eine Bewegung und schon gar kein normales Gehen mehr möglich gewesen sei. Von da an habe sie eine Spritzentherapie durch den Orthopäden erhalten, mit schleichender Gewichtszunahme um etwa 5 kg. Im selben Jahr musste eine Analfistel operiert werden, Ausgang ca. 8 cm neben dem Anus auf der rechten Pobacke. Etwa sechs Wochen vor der Geburt des Sohnes musste diese Fistel erneut operiert werden. Seither (seit 11 Jahren) nehme sie gegen diese Perianalfistel sporadisch Silicea D12 von Schüßler ein. Ein halbes Jahr nach der Geburt ihres Sohnes sei eine beginnende Coxarthrose rechts, etwas später auch eine Gonarthrose rechts diagnostiziert worden. Die meisten ihrer Beschwerden hätten in der Schwangerschaft oder nach der Geburt ihres inzwischen 11-jährigen Sohnes begonnen oder sich verschlechtert. Körperliche Anstrengung verschlimmere die meisten Beschwerden. Seit 13 Jahren sei sie in orthopädischer Therapie, und trotzdem nähmen die Beschwerden zu. Gegen die Schmerzen durch Coxarthrose, Gonarthrose und Lumbalsyndrom sowie gegen die Schulter-Arm-Schmerzen nehme sie seit vier Jahren täglich eine Tablette Brexidol (Fa. Farmitalia) ein.