Auch wenn die Phytotherapie die älteste und bestdokumentierte Therapieform der Humanmedizin darstellt, lässt sich daraus nicht unbedingt ableiten, dass eine ständige Übereinstimmung der Indikationslage besteht – noch nicht einmal bei Drogen, die über Jahrtausende hinweg kontinuierlich eingesetzt werden. Dies zeigt sich unter anderem am vor einigen Jahrzehnten in Verruf geratenen Huflattich (Tussilago farfara) und dessen traditioneller Verwendung, z. B. bei Hildegard von Bingen.

Wer war Hildegard von Bingen?

Die Lebensdaten der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) fallen in die Epoche des Hochmittelalters, eine Zeit, die mit wirtschaftlichem Wohlstand und einer kulturellen Blütezeit in Mitteleuropa einherging, was nicht zuletzt durch eine milde Wärmeperiode bedingt war. Vor allem in den Klöstern benediktinischer Prägung arbeitete man an der Bewahrung und Tradierung alten, traditionellen Wissens. Dazu zählten auch die antiken Quellen der Medizin. Unser Wissen über die Medizin dieser Epoche verdanken wir vor allem den eifrigen Kopisten jener Zeit, in der die Klöster auch Zentren der medizinischen Versorgung der umliegenden Dorfgemeinschaften waren. Daher spricht man von der mittelalterlichen Medizin auch als Klostermedizin – sie war eine Medizin, die im Kloster praktiziert wurde. Und Hildegard von Bingen darf wohl als die bekannteste Vertreterin der Klostermedizin bezeichnet werden. Der Begriff Hildegardmedizinstammt jedoch aus dem 20. Jahrhundert und ist wohl auf einen findigen Marketingvertreter zurückzuführen. Zu Hildegard von Bingens Lebzeiten gab es diesen Begriff nicht. Die Erfinder der Hildegardmedizin griffen zudem bei der Bezeichnung „Heilige Hildegard“ etwas vor, denn obwohl sie landläufig schon seit dem Mittelalter als heilig bezeichnet wurde, wurde Hildegard von Bingen erst im Oktober 2012 durch Papst Benedikt XVI offiziell als Heilige der Katholischen Kirche anerkannt, die ihr Namensfest alljährlich am 17. September begeht.