Fachforum
Naturheilpraxis 01/2023

Homöopathie im Strandkorb

Meeres- und Küstenmittel in der Homöopathie

Ein Urlaub auf der Insel Rügen, die wir seit Jahren regelmäßig besuchen, inspirierte mich zu diesem Beitrag. Als Apothekerin und klassisch arbeitende Homöopathin habe ich die Angewohnheit, Pflanzen, Tiere und Mineralien, die mir auf Reisen begegnen, nicht nur zu fotografieren, sondern auch auf ihre Anwendung in der Homöopathie zu erkunden. So kann man das eine oder andere selten angewendete Mittel besser kennenlernen und in seinen therapeutischen Wissensschatz aufnehmen. Die Insel Rügen bietet hierfür mit Flora, Fauna und Strandgut eine große Vielfalt.

Ein Beitrag von Susann Buchheim-Schmidt
Lesezeit: ca. 11 Minuten
Friederike Schmidt

Rügen ist die größte Ostseeinsel und durch ihre Steilküste mit den Kreidefelsen bekannt, deren Zauber sich schon der Maler Caspar David Friedrich nicht entziehen konnte. Unsere Reise startet in Sassnitz, von wo man entweder am Strand unterhalb des Kreidefelsens entlangwandern oder mit dem Kutter die Kreidefelsen von der Seeseite aus betrachten kann. Die Kreide wurde früher abgebaut und als Schreibkreide verwendet. Chemisch betrachtet besteht Kreide v. a. aus Calciumcarbonat, aber auch aus Anteilen von Magnesiumcarbonat. Das Mittel Calcium carbonicum zählt in der Homöopathie zu den Polychresten und den v. a. im Kindesalter angewendeten Konstitutionsmitteln mit gutem Bezug zu Haut- und Schleimhauterkrankungen, wie z. B. bei Neurodermitis, ausgeprägtem Milchschorf oder Sonnenallergie. Mittelweisende Symptome sind Kinder mit großem Kopf, die v. a. im Schlaf zu Kopfschweiß neigen und klassische Spätentwickler in Bezug auf Laufenlernen, Zahnung, Sprechen, Sauberwerden, selbstständig Essen und Zahnwechsel sind, die sich am wohlsten zu Hause fühlen und eine ausgeprägte Neigung zu Erkältungen haben. Auffällig ist ein Verlangen nach Eiern (Calciumcarbonat), unverdaulichen oder für Kinder ungewöhnliche Speisen wie z. B. Oliven (1). Das Arzneimittel Calcium carbonicum wird allerdings nicht aus Kreide, sondern aus Austernschalen hergestellt. Laut Homöopathischem Arzneibuch (HAB) werden die „inneren, schneeweißen Teile aus den zerbrochenen Schalen der Auster (Ostrea edulis)“ verwendet (2). Das Mittel geht auf Samuel Hahnemann zurück, welcher es in den „Chronischen Krankheiten“ beschrieb (3), es trägt auch den Zusatz Hahnemanni. Aber auch Kreide selbst wird in der Homöopathie verwendet, erhältlich z. B. von Remedia in Österreich. Es existiert eine Prüfung von „Limestone“ von Burren (4).

Maritime Pflanzen

Auf unserem Strandspaziergang in der Nähe von Sassnitz finden wir nicht nur die berühmten „Hühnergötter“ (Feuersteine mit Loch), sondern auch den in der Homöopathie verwendeten Blasentang (Fucus vesiculosis). Dieser ist stark jodhaltig, hat in tiefen Potenzen eine stoffwechselanregende Wirkung und wird bei „Kropfleiden“ verwendet (5).

Strandwanderungen und Fahrradtouren – jeder Ort der Insel ist mit dem Fahrrad zu erreichen – bieten Einblicke in die für die Küstenregion typische Pflanzenwelt: Die Stranddistel(Eryngium maritinum) ist in den Rügener Dünen heimisch. Sie ist zwar eine Distel, gehört jedoch zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae). In der Homöopathie wird neben Eryngium maritinum auch die nordamerikanische Spezies Eryngium aquaticum verwendet, laut D-Monografie bei „Schleimhautreizungen der Atemwege und der Harnwege“ (6).