Fachforum
Naturheilpraxis 03/2022

Frühjahrskur mit Frischpflanzensäften

In der Volksmedizin haben Frühjahrskuren seit Jahrhunderten einen festen Platz. Die Entschlackungskuren sollen den Stoffwechsel wieder aktivieren, das Bindegewebe reinigen und die Energie steigern. Sind Frühjahrskuren noch zeitgemäß und kann das traditionelle Wissen heute in der modernen Naturheilpraxis genutzt werden?

Im Gespräch mit Peter Emmrich
Lesezeit: ca. 9 Minuten
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Peter Emmrich, Facharzt für Allgemeinmedizin, gibt seit Jahrzehnten sein Wissen über traditionelle Erfahrungsheilkunde in Vorträgen und Büchern weiter. Mit ihm haben wir über die Frühjahrskur mit Frischpflanzensäften gesprochen. Welche Patienten profitieren davon am meisten? Wie funktioniert sie und was muss dabei beachtet werden?

Herr Emmrich, die wissenschaftliche Medizin sagt, dass es keine Schlacken gibt und damit wäre doch auch der Sinn einer Frühjahrskur fraglich. Wie würden Sie den Nutzen einer Frischpflanzenkur begründen?

Ammoniak, biogene Amine und Enterotoxine sind drei Stoffgruppen, die für unseren Körper sehr giftig sind. Und genau die meinen wir in der Naturheilkunde, wenn wir von Schlacken sprechen. Der Begriff kommt aus dem Vergleich mit einem Ofen: Wenn der Ofen verrußt, weil die Asche nicht herausgeht, dann geht das Feuer aus.

Durch Stoffwechselprozesse im Darm – meistens Fäulnis- und Gärungsprozesse – kommt ein großer Anteil dieser drei Stoffgruppen über die Pfortader bei der Leber an und belastet sie. Die Leber ist unser Chemielabor und es ist genau dieses Organ, das wir mit dieser Stoffwechsel- oder Frühjahrskur aktivieren wollen.

Ist eine Entschlackungskur im Frühjahr sinnvoll? Ja, weil über die lange Winterzeit unser Stoffwechsel heruntergefahren ist. Dadurch lagert der Körper vermehrt Schlacken ein. Und wenn jetzt im Frühjahr wieder die Säfte in die Bäume schießen und die Blätter austreiben, dann sollte auch der Mensch eine Stoffwechsel-Aktivierungs-Kur machen, um die über nahezu sechs Monate angesammelten und ins Bindegewebe eingelagerten Stoffwechselendprodukte abzutransportieren.

Es gibt verschiedene Formen von Frühjahrskuren, z. B. mit Tees oder homöopathischen Komplexmitteln. Was sind die Vor- bzw. Nachteile einer Kur mit Frischpflanzensäften?

Sprechen wir erst einmal über die Vorteile der Frischpflanzensäfte: kein Alkohol, keine Konservierungsstoffe. Das heißt, Sie können sie Kindern geben, genauso wie alten Menschen oder solchen, die schon einmal eine Alkoholentzugskur hatten. Das ist wichtig, denn ehemalige Alkoholiker erzählen dies nie. Die gehen nicht zum Arzt und sagen: Ich hatte vor 20 Jahren einen Entzug, ich darf keinen Alkohol mehr zu mir nehmen. Die fragen mich dann immer: Sind es Tabletten? Denn da ist kein Alkohol drin. Das Thema ist leider immer schwierig anzusprechen und deswegen bin ich mit Frischpflanzensäften auf der sicheren Seite. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich die geballte Kraft der Natur in der Pflanze – ausgepresst, in die Flasche überführt – das ganze Jahr anwenden kann. Bei der frischen Pflanze habe ich nur ein bestimmtes Zeitfenster, um die enthaltenen Wirkstoffe optimal verwerten zu können; drei oder vier Monate, danach schließt sich dieses Zeitfenster wieder.

Und jetzt der Nachteil: Wenn die Flasche offen ist, sind die Inhaltsstoffe nicht lange haltbar. Das heißt, ich muss den Saft über einen Zeitraum von sieben bis zehn Tagen aufbrauchen und währenddessen im Kühlschrank aufbewahren.

Welche Pflanzen empfehlen Sie für die Kur und wie genau funktioniert sie?

Während der ersten Woche der Stoffwechselkur nimmt man den Löwenzahn, in der zweiten die Artischocke, in der dritten Woche ist der Schwarzrettich dran und in der vierten Woche die Brennnessel. Warum der Löwenzahn? Das ist die Hauptpflanze für die Leber. Wir haben ja gehört, die Leber steht im Zentrum. Wir haben beim Löwenzahn die aktivierende Wirkung auf Leber und Bauchspeicheldrüse, die Verbesserung der Harnausscheidung und damit die vermehrte Ausscheidung von Harnsäure, die ja wieder Entzündungen im Gewebe triggern kann.

In der zweiten Woche folgt die Artischocke. Sie aktiviert die Gallenproduktion und ist ein Mittel für den Cholesterin-Stoffwechsel. Das „gute“ HDL geht hoch, das „schlechte“ LDL geht runter. Dann haben wir einen positiven Einfluss auf die diabetische Stoffwechsellage und auch der Blutdruck wird reguliert. Es gibt Studien, wo der Artischocke positive Ergebnisse auch auf den Blutdruck nachgewiesen wurden, sodass sich moderat erhöhte Blutdruckwerte von 140 oder 145 auf 120 mmHg senken können.

Danach folgt der Schwarzrettich, der sehr basenreich ist. Er ist wichtig für den gesamten Magen-Darm-Trakt, er bringt ein harmonisches Gleichgewicht zurück. Schwarzrettich enthält Senfölglykoside. Die wiederum haben einen positiven Effekt gegen Bakterien, die Gär- und Fäulnisprozesse bilden. Der Schwarzrettich ist also unser natürliches Antibiotikum.

Und in der vierten Woche fügt sich die Brennnessel an. Sie leitet Stoffwechselendprodukte über die Niere und Blase aus, hat aber auch einen großen Effekt auf die Haut – wie auch der Löwenzahn. Löwenzahn und Brennnessel sind die zwei Hauptmittel beispielsweise bei allen Hauterscheinungen.

Und dann schließt sich der Kreis wieder, weil nach der Brennnessel der Zyklus wieder von vorne mit dem Löwenzahn anfängt. Diesen vierwöchigen Zyklus kann man zwei-, drei- oder auch fünfmal wiederholen. Ich sage zu meinen Patienten: Wiederholen Sie ihn so lange, bis all Ihre schweren Beschwerden verschwunden sind. Die Dosierung beträgt dreimal täglich 10 ml, Berufstätige können auch morgens und abends jeweils 15 ml nehmen. Eine Flasche mit 200 ml hält also eine Woche.

Schwarzer Rettich Orest lyzhechka / shutterstock.com

Wie soll sich der Patient verhalten, wenn er während seiner Kur akut erkrankt?

Sie müssen sich vorstellen, wir machen hier eine Regulation auf zellulärer Ebene. Wenn bei einer Erkrankung akute Symptome, ob das jetzt eine Erkältung, Durchfall oder Migräne ist, in den Vordergrund rücken, dann muss zuerst dieses akute Geschehen beseitigt werden. Wie ich das mache, bleibt jedem Therapeuten überlassen. Während dieser therapeutischen Intervention setze ich die Kur aus. Da muss ich nicht das Chronische regulieren, sondern muss mich dem Akuten zuwenden.

Es gibt auch Patienten, bei denen zurückliegende akute Erkrankungen wieder aktiviert werden. Zum Beispiel Patienten, die früher Durchfall hatten, der antibiotisch behandelt wurde. Und plötzlich, wenn sie in der Kur bei Artischocke oder Schwarzrettich angekommen sind, reagiert der Darm. Dann gilt auch hier: die Kur pausieren, sich dem akuten Geschehen zuwenden, Heilerde, Okoubaka oder Birkenkohle nehmen, oder was auch immer im speziellen Fall angezeigt ist. So eine Reaktion verstehe ich als Heilgeschehen. Die Heilung macht der Körper, nicht das Mittel. Das Mittel befähigt nur den Körper, die Stoffe zu bilden, die zur Heilung notwendig sind.

Fängt man dann mit der Kur von vorne an oder macht da weiter, wo man aufgehört hat?

Exakt. Dort, wo man stehengeblieben ist, macht man weiter.

Wie ist es mit sehr geschwächten Patienten, zum Beispiel Tumorpatienten? Werden sie durch eine Kur überfordert?

Betrachten wir jetzt den alten Menschen, der sehr geschwächt ist oder an einem Tumor leidet oder starke Medikamente einnimmt. Je mehr Medikamente er nimmt, umso stärker ist er in seinem Stoffwechsel eingeschränkt und deswegen ist es sinnvoll, dass er anfangs nur die halbe Dosierung nimmt. Er streckt die Kur in die Länge. Später wechselt er dann auf die normale Dosierung.

Es ist wichtig, dem Körper angepasst zu arbeiten. Das heißt also, wenn ich jetzt zum Beispiel einen Allergiker habe – allerdings nicht allergisch gegen eine der vier Pflanzensäfte – der kann auch diese Kur machen. Aber wenn er akut jetzt im Frühjahr schon die Frühblüher-Belastung hat, dann soll er die Kur nicht machen, sondern sich erst dem akuten Geschehen zuwenden. Und in dem Zeitintervall, wo er von seiner Allergie beschwerdefrei ist, startet er mit der Kur. Genauso gilt das für den Migränepatienten oder wenn einer einen akuten entzündlichen Prozess im Darm oder in einem anderen Organ hat.

Gibt es denn auch Allergien direkt gegen die Frischpflanzensäfte?

Das ist selten – am ehesten jedoch gegen den Löwenzahn. In solchen Fällen kann man Wermut als Alternative zum Löwenzahn nehmen. Was ich aber immer wieder mal höre ist, dass die Patienten beim Schwarzrettich reagieren. Das könnte daran liegen, dass Schwarzrettich sehr basenreich ist, vielleicht lösen sich die Säuren aus dem Bindegewebe und dadurch kommt es zu Reaktionen, die dann als allergische Reaktion fehlinterpretiert werden. Es ist nichts anderes als eine Ausleitungsreaktion. Das lässt sich wunderbar mit Heilerde kompensieren. Heilerde bindet Giftstoffe im Darm, sodass diese nicht über eine Leaky-Gut-Symptomatik, also dem geöffneten Darm, über die Pfortader dann wieder zur Leber kommen und diese belasten. Wenn es massive Beschwerden sind, dann gebe ich Zeolith oder Zeo-Bentonit-Kombipräparate, um einfach rasch Gifte zu binden und auszuscheiden. Und da ist es natürlich wichtig, zwei Stunden Abstand zur Medikamenteneinnahme einzuhalten, weil diese Präparate auch chemische Substanzen wie Thyroxin oder Diabetesmedikamente binden.

Was muss bei einer eventuellen Medikamenteneinnahme beachtet werden? Gibt es Wechselwirkungen?

Bei den vier Heilpflanzensäften sind mir keine Wechselwirkungen mit Medikamenten bekannt. Was schon mal vorkommt: Der Blutdruck geht nach unten, sogar unter 100 mmHg Systole. Dann empfehle ich meinen Patienten, die Blutdruckmedikamente zu halbieren und sich wieder bei mir zu melden. Die Rücksprache mit dem Therapeuten ist sehr wichtig. Solche Effekte können durchaus auftreten, genauso wie auch Durchfall oder ein Hautausschlag. Insbesondere dann, wenn früher ein Hautausschlag mit einer Kortisonsalbe „behandelt“ wurde. Das kann selbst nach drei, vier oder zehn Jahren passieren, weil die Haut als äußere Niere hier etwas in Gang setzt, wo durch die Kortisonsalbe sozusagen etwas ins Bindegewebe „verschoben“ wurde. Manchmal sieht man auch Innenwelt-Außenwelt-Reaktionen an der Schleimhaut von Nasennebenhöhlen und Stirnhöhlen.

Viele Patienten nehmen am Morgen ihre Tabletten ein. Braucht es einen Abstand zu den Pflanzensäften?

Die Kapseln sind meistens länger im Magen, der Saft rutscht gleich durch und deswegen können sie Saft und Medikation zusammen einnehmen. Also alles in ein Glas Wasser mit den Tabletten runterschlucken.

Sie werden vermutlich nicht jedem Patienten, der etwa im Februar oder März in die Praxis kommt, die Kur empfehlen. Haben Sie da gewisse Kriterien oder Patienten mit bestimmten Erkrankungen?

Im Prinzip kann man die Kur jedem chronisch kranken Menschen empfehlen. Die meisten Patienten kommen momentan nur noch wegen akuter Erkrankungen in die Praxis oder sie kommen, weil sie bei rheumatischen Störungen oder bei chronischen Entzündungen im Darm endlich mal einen anderen Weg einschlagen wollen. Andere wiederum wollen etwas zur Gesunderhaltung ihres Körpers tun. Viele Patienten machen mittlerweile die Kur automatisch von sich aus.

Haben Sie zum Schluss noch ein paar Tipps für die Leser? Gibt es Frischpflanzensäfte bzw. Kombinationen davon, die sich bei bestimmten Beschwerden besonders bewährt haben?

Nehmen wir zum Beispiel einen Patienten, der erhöhte Cholesterinwerte hat und kein Statin einnehmen möchte. Da bietet sich die Artischocke an. Die Frischpflanzenkur kann dann folgendermaßen abgewandelt werden. Der Patient nimmt jeden Tag Artischocke plus in der ersten Woche Löwenzahn, in der zweiten Schwarzrettich, in der dritten Woche die Brennnessel. Dadurch wird die ursprüngliche Stoffwechselkur verkürzt.

Oder nehmen wir den älteren, kardialen Patienten. Dort empfiehlt sich zusätzlich der Weißdornsaft. Der Patient kann zu der Kur mit den vier Frischpflanzensäften zusätzlich täglich Weißdorn dazunehmen.

Für den Patienten mit Magenübersäuerung ist der Kartoffelsaft sehr gut geeignet. Die Kur wird dann ähnlich wie beim Weißdorn variiert. Zu Löwenzahn, Artischocke, Schwarzrettich und Brennnessel wird zusätzlich täglich der Kartoffelsaft genommen.

Oder nehmen wir die Erkältungsneigung; immer wieder treten Infekte auf, bei Wetterwechsel et cetera. Hier wirkt Echinacea in Kombination mit den besprochenen vier Säften sehr gut. Denken Sie bei Echinacea auch an Frauen, die immer wieder Blasenentzündungen haben. Das ist das immunologisch wirksame Präparat – nicht nur die Cranberry.

Noch einmal konkret: Bei den genannten Empfehlungen werden das jeweilige Spezifikum – z. B. Weißdorn-, Kartoffel- oder Echinaceasaft – plus der jeweilige Saft aus der Kur eingenommen. In der ersten Woche Löwenzahnsaft plus Spezifikum, in der zweiten Woche die Artischocke plus Spezifikum und so weiter. Die jeweiligen beiden Säfte können ohne Weiteres in einem Glas zusammengeschüttet werden.

Besonders bewährt hat sich auch die Kombination aus Kaktusfeige und Hafer beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. Mit der Kaktusfeige habe ich ein Präparat, das bei regelmäßiger Einnahme einer Demenz vorbeugen kann – da bin ich persönlich überzeugt. Schon die Azteken haben die Kaktusfeige hoch gelobt. Die Kaktusfeige ist eine Heilpflanze, die wenig bekannt ist, aber große Heilpotenziale in sich trägt.

Zuletzt möchte ich noch die Melisse erwähnen. Wir haben immer wieder Patienten mit Herzpalpitationen, die abends, wenn sie zur Ruhe kommen, ihr Herz schlagen spüren. Sie gehen zum Kardiologen, der ihnen sagt: „Da ist nichts am Herzen.“ Es ist eine funktionelle Störung, meistens verbunden mit einer Irritierung des Herzens vom Darm aus, der stressbedingt gereizt ist. Wenn diese Menschen Melisse zum Abend einnehmen, dann fahren sie runter; dann ist der Wirkeffekt für die Herzpalpitationen mit Melisse oftmals deutlich größer als mit Weißdorn. Wenn Sie noch Magnesium oder Magnesium Nr. 7 in potenzieller Form als Schüßler-Salz kombinieren, dann können in 90 Prozent der Fälle diese symptomatischen Palpitationen komplett beseitigt werden – aber nicht in zwei Tagen oder zwei Wochen. Bitte über sechs oder acht Wochen anwenden und dann toujours weiter nehmen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Emmrich.

Das Gespräch führte Andreas Beutel.

Peter Emmrich

Heilpflanzensäfte

Geballte Pflanzenpower gegen Infekte, Müdigkeit & überflüssige Kilos

Sofcover, 128 Seiten, 14,99 Euro

ISBN 978-3-8338-7341-6, GU

Gräfe und Unzer Verlag

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 03/2022

Erschienen am 01. März 2022