Als Füllmaterial oder gar Verpackungsmaterial eingestuft, fristeten Faszien in der westlichen Medizin bis vor Kurzem das Dasein einer grauen Maus: unscheinbar, unwichtig, unerkannt. Ganz anders in der traditionellen chinesischen Medizin. Dort sind Faszien seit Jahrtausenden der Ort, an dem das Qi bewegt wird und wo – mittlerweile westlich erforscht – die Akupunkturpunkte lokalisiert wurden. Nach dem ersten westlichen Faszien-Kongress 2007 in Boston änderte sich die Einschätzung schlagartig.  Faszienassoziierte Diagnosen und Therapien boomten (1). Wie kann das alte, wiedererweckte Wissen helfen, z. B. bei unspezifischen chronischen, oft therapieresistenten Schmerzen?

Nach der neueren wissenschaftlichen Aufarbeitung umfasst der Begriff Faszie (lat. fascia = Band, Bandage) alle Bindegewebe mit hohem Anteil an Kollagenfasern, die geflecht- bzw. netzartig angeordnet sind. Faszien weisen zudem einen Anteil Elastin auf, und an ihrer Innenseite findet sich eine dünne Schicht lockeres Bindegewebe, das Epimysium. Je nach Faszienart kommen weitere Funktionsbestandteile hinzu, u. a. über 100 Millionen Sensoren. Aus diesem Grund sehen Wissenschaftler das Fasziengewebe nicht mehr als rein form- und haltgebendes Verpackungsmaterial von Muskeln, sondern zunehmend als Sinnesorgan mit Komplettvernetzung – sozusagen als ein Body Wide Web (2–5).