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Naturheilpraxis 04/2020

Faszinierende Faszie – vom Füllmaterial zum Body Wide Web

Als Füllmaterial oder gar Verpackungsmaterial eingestuft, fristeten Faszien in der westlichen Medizin bis vor Kurzem das Dasein einer grauen Maus: unscheinbar, unwichtig, unerkannt. Ganz anders in der traditionellen chinesischen Medizin. Dort sind Faszien seit Jahrtausenden der Ort, an dem das Qi bewegt wird und wo – mittlerweile westlich erforscht – die Akupunkturpunkte lokalisiert wurden. Nach dem ersten westlichen Faszien-Kongress 2007 in Boston änderte sich die Einschätzung schlagartig. Faszienassoziierte Diagnosen und Therapien boomten (1). Wie kann das alte, wiedererweckte Wissen helfen, z. B. bei unspezifischen chronischen, oft therapieresistenten Schmerzen?

Ein Beitrag von Dr. med. Susanne Bihlmaier
Lesezeit: ca. 10 Minuten

Nach der neueren wissenschaftlichen Aufarbeitung umfasst der Begriff Faszie (lat. fascia = Band, Bandage) alle Bindegewebe mit hohem Anteil an Kollagenfasern, die geflecht- bzw. netzartig angeordnet sind. Faszien weisen zudem einen Anteil Elastin auf, und an ihrer Innenseite findet sich eine dünne Schicht lockeres Bindegewebe, das Epimysium. Je nach Faszienart kommen weitere Funktionsbestandteile hinzu, u. a. über 100 Millionen Sensoren. Aus diesem Grund sehen Wissenschaftler das Fasziengewebe nicht mehr als rein form- und haltgebendes Verpackungsmaterial von Muskeln, sondern zunehmend als Sinnesorgan mit Komplettvernetzung – sozusagen als ein Body Wide Web (2–5).

Multitasking-Faszi(e)nation

Faszien werden in drei Typen eingeteilt, mit unterschiedlicher Zusammensetzung und verschiedenen Wirkschwerpunkten:

  1. Oberflächliche, im Unterhautfettgewebe befindliche Faszien weisen einen hohen Wasser- und Fettanteil auf, mit welchem sie u. a. Durchtrittsstellen für Gefäßnervenbündel schützen und insgesamt puffernd und dämpfend wirken.
  2. TiefeFaszien haben den höchsten Anteil an Fasern und sind somit weniger dehnbar. Sie umschließen Muskeln, Knochen und Gelenke und zeigen sich als Sehnen oder Sehnenplatten – wie die große Fascia lata seitlich am Oberschenkel –, als Bänder und Gelenkkapseln. Sie sorgen mit ihrer Umhüllungsfunktion buchstäblich für reibungslose Muskelarbeit. Tiefe Faszien enthalten über 100 Millionen Nervenenden mit Sensoren. Sensoren nehmen Schmerzen wahr, aber auch Bewegungsänderungen, Änderung von Druck und Schwingungen, außerdem Temperaturschwankungen. Therapeuten, Forscher und Krankenkassen sehen in Faszien zunehmend eine der Hauptlokalisationen für chronische Muskel-, Gelenk- und Rückenschmerzen. Tiefe Faszien enthalten zudem Myofibroblasten, Bindegewebszellen, die der glatten Muskulatur ähnlich sind. Diese können sich, wie Eingeweide oder Blutgefäße, über längere Zeit zusammenziehen und damit zu chronischen Schmerzen und sogar zu Steifigkeit führen, wie bei der Dupuytren-Kontraktur der Handfläche oder der chronischen Schultersteife, der Frozen Shoulder.
  3. Viszerale Faszien (viscerum = Eingeweide) sind für die Aufhängung und Einbettung der Organe zuständig und aufgrund dieser Aufgabe wenig dehnbar. Sie sind raffinierterweise doppelt angelegt, eine Schicht ist dem eingebetteten Organ zugewandt (viszeral), die andere der äußeren Umgebung (parietal). Oftmals findet sich eine Schmierflüssigkeit zwischen den beiden Schichten, wie bei Hirnhaut, Rippen- bzw. Lungenfell, Herzbeutel und Bauchfell.

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Naturheilpraxis 04/2020

Erschienen am 01. April 2020