Eine Sonderform der Dysbiose ist das SIBO-Syndrom. Diese Abkürzung steht für Small Intestinal Bacterial Overgrowth. Diese Fehlbesiedlung des Dünndarms mit Keimen aus dem Dickdarm wurde früher auch als Overgrowthsyndrom bezeichnet. Der Autor zeigt die Diagnostik und Therapie dieser Störung, bei der wir mit der normalen Darmsanierung nicht weiterkommen.

Physiologisch kommen im Dünndarm nur geringe Mengen von Keimen vor. Hauptsächlich finden wir dort Laktobazillen und Enterokokken. Von einem „Small Intestinal Bacterial Overgrowth“-Syndrom, also einer Überwucherung des Dünndarms mit Dickdarmkeimen, spricht man, wenn mehr als 103 koloniebildende Einheiten pro Milliliter im proximalen Jejunum vorhanden sind.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie sich ein SIBO entwickeln kann, u. a. durch eine Verminderung der Verdauungsleistung, reduzierte Darmmotilität, Defekte im Bereich der Ileozäkalklappe und Störungen des Immunsystems.

Symptome des SIBO-Syndroms

Leitsymptome eines SIBO-Syndroms sind ein aufgetriebener Bauch, Aufstoßen und Blähungen, Bauchschmerzen im Nabelbereich, Mundgeruch und weicher bis flüssiger Stuhl. Bei einer Sonderform, dem IMO-Syndrom (siehe Kasten), kommt es aber zur Verstopfungsneigung. Die Symptome unterscheiden sich also nicht wesentlich von einer „normalen“ Dysbiose. Bei einer Dünndarmfehlbesiedelung kann es auch zu einer sekundären Fruktosemalabsorption oder einem sekundären Laktase- und Diaminoxidasemangel kommen. Auch tritt ein Leaky-Gut-Syndrom häufig auf, vereinzelt auch eine manifeste Darmentzündung.

Wir müssen an diese Krankheit bei allen Patienten denken, bei denen ein aufgetriebener Bauch stark auffällt. Aber nicht bei allen Patienten mit einer Dünndarmfehlbesiedelung muss dies so sein. Bei allen Patienten mit den Diagnosen Reizdarm-, Leaky-Gut-Syndrom oder Morbus Crohn sollten wir auch daran denken. In verschiedenen Untersuchungen wurde bei bis zu 78 % aller Reizdarmpatienten ein SIBO festgestellt. Bei rund 17 % der untersuchten Morbus-Crohn-Patienten war der SIBO-Atemtest positiv. Aber auch bei längerer Einnahme von Protonenpumpenhemmern (PPI) ist die Dünndarmfehlbesiedelung wahrscheinlicher. Bei einer Patientengruppe, die 8 Wochen PPIs eingenommen hatte, wurde bei 28 % ein Overgrowthsyndrom diagnostiziert.

Diagnostik des SIBO-Syndroms

Etabliert zur Diagnose hat sich ein Wasserstoffatemtest. Dieser kann mit zwei verschiedenen Substraten durchgeführt werden: Glukose und Laktulose. Mehrere Labore bieten solche Atemtests an, mit denen der Patient bei sich zu Hause die Atemproben gewinnen kann. Diese werden dann zur Auswertung an das Labor geschickt. Der Test ist positiv, wenn der Wasserstoffanstieg innerhalb 90 Minuten mindestens 20 ppm über dem Basalwert liegt. Bei einem Laktulose-Atemtest kann auch noch ergänzend der Verlauf beurteilt werden.

Ob der Test besser mit Glukose oder Laktulose durchgeführt werden soll, da scheiden sich die Geister. Nach der amerikanischen SIBO-Leitlinie ist beides möglich. Da Glukose zwar hauptsächlich im Jejunum, aber auch bereits im Duodenum resorbiert wird, schließt ein negativer Glukose-Atemtest eine Dünndarmfehlbesiedelung nicht aus. Bei der Verwendung von Laktulose als Substrat beurteilt man nur die ersten 90 Minuten. Bei schneller Darmpassage kann es zu falsch-positiven Ergebnissen kommen. Bei den Werten, die später gemessen werden, ist ein Anstieg der Wasserstoffkonzentration physiologisch. Ein früher Wasserstoffanstieg bei einem Fruktose- oder Laktose-Atemtest deutet auch auf ein SIBO hin.

Viele Labore bieten eine Kombination der Wasserstoff- mit einer Methanmessung an. In den USA wird teilweise mittlerweile sogar zusätzlich Schwefelwasserstoff gemessen. Die Messung des Methangehaltes der Ausatemluft ist dann sinnvoll, wenn bei dem Patienten eher eine Verstopfungsneigung oder eine Verlangsamung des GIT besteht. Wenn es zu einem Methanwert von mindestens 10 ppm innerhalb des Testes kommt, so besteht ein IMO-Syndrom.

Das IMO-Syndrom

Beim Intestinal Methanogen Overgrowth (IMO)-Syndrom kommt es zu einer Überwucherung des Darms mit methanproduzierenden Archaeen, wie Methanobrevibacter. Diese Keime bauen Wasserstoff zu Methan um. Das Methan hat eine lähmende Wirkung auf die Darmmotorik.

Therapie des SIBO-Syndroms

Der wichtigste Therapieschritt besteht in der Eradikation, also der Reduktion der Dickdarmkeime, die im Dünndarm sitzen. Eine alleinige Eradikation führt aber nur in einem Drittel aller Fälle zum dauerhaften Erfolg. Deshalb hat es sich in meiner Praxis bewährt, vor der Eradikation eine Ursachendiagnostik und -behandlung durchzuführen. Weiterhin erfolgt nach der Eradikation eine sechsmonatige Nachbehandlungsphase.

Eradikation

Wie so oft, führen mehrere Wege zum Ziel. Für die Eradikation haben sich vier Therapiewege bewährt:

  1. Phytobiotika-Kombinationsmittel mit Biofilmdisruptor und gleichzeitiger SIBO-Diät
  2. Phytobiotika-Einzelmittel mit Biofilmdisruptor und gleichzeitiger SIBO-Diät
  3. Elementardiät
  4. chemische Antibiotika und gleichzeitige SIBO-Diät

Nachdem die chemischen Antibiotika, gerade wegen dem bekannten Nebenwirkungspotential, in der naturheilkundlichen Praxis eher seltener zum Einsatz kommen dürften, liegt der Schwerpunkt bei einer der ersten drei Varianten. Die Phytobiotika sind Pflanzen mit einer antibakteriellen Wirkung. Es können entweder eine Kombination von mehreren Pflanzen in niedriger Dosierung oder von zwei einzelnen Pflanzen in höherer Dosierung verordnet werden. Bei dem Kombimittel hat sich in meiner Praxis über 40 Tage AC7-Komplex (Biogena), 3 × 1 Kapsel, zusammen mit Citrobiotic (Sanitas), 3 × 10 Tropfen, bewährt. Bei den Einzelmitteln setze ich über 4 Wochen 3 × 100 mg Oregano zusammen mit 3 × 1 500 mg Berberin ein.

Zusätzlich sollte während der Eradikation mit den Phytobiotika eine SIBO-Diät durchgeführt und ein Biofilmdisruptor eingenommen werden. Er dient dazu, dass der Biofilm, in dem sich die Bakterien vor dem Immunsystem „verstecken“ aufgebrochen wird. Mögliche Biofilmdisruptoren sind: Sibosan (Laves Arzneimittel), Biocidin (Bio-Botanical Research) und Schwarzkümmelöl.

SIBO-Diät

  • langsam essen, gut kauen, kleine Mahlzeiten
  • Vollkorn- und Rohkost meiden
  • maximal 5 g Frucht- und Milchzucker pro Mahlzeit
  • Nahrungsmittel mit hohem Gehalt an Oligosacchariden und Polyolen meiden, Nahrungsmittel mit mittlerem Gehalt reduzieren
  • mindestens 4 Stunden Abstand zwischen den Mahlzeiten; 12 Stunden Nahrungskarenz über Nacht

Eradikation mit der Elementardiät: Anders als bei der SIBO-Diät, die bei den anderen Eradikationsformen additiv und in der Nachbehandlung eingesetzt wird, kann mit der Elementardiät meist ein „Aushungern“ der Dickdarmkeime im Dünndarm erzielt werden. Hierzu wird über einen Zeitraum von 2 Wochen nur ein in Wasser gelöstes Pulver eingenommen. Sonst darf nichts gegessen oder getrunken werden, außer Wasser. Auch sollten keine weiteren Mittel eingenommen werden. Das Pulver dient der Versorgung mit Mikro- und Makronährstoffen. Als fertiges Pulver ist in Deutschland Neocate Junior (Nutricia) erhältlich. Es wird im oberen Dünndarmbereich resorbiert und verhindert somit, dass die Keime im restlichen Dünndarm weiterhin Nährstoffe erhalten. Es sollten vier Stunden Abstand zwischen den Einnahmen liegen und 12 Stunden Nahrungskarenz über Nacht eingehalten werden. Die Menge richtet sich nach dem Kalorienbedarf des Patienten.

Nachbehandlung

Direkt nach der Eradikation sollte mit der Nachbehandlung begonnen werden. Diese sollte über einen Zeitraum von 6 Monaten weiterlaufen, um eine wirklich stabile Situation im Dünndarm herbeizuführen. Der Patient sollte in dieser Phase die SIBO-Diät weiterführen bzw. nach der Elementardiät direkt beginnen. Weiterhin sollten wir ein passendes Probiotikapräparat und ein Prokinetikum verordnen.

Probiotika bei SIBO

Beim SIBO dürfen nur Laktobazillen und Enterokokken eingenommen werden. Mittel mit Dickdarmkeimen, wie Bifidobakterien oder E. coli müssen gemieden werden, ebenso Präbiotika. Ich verordne dafür SiboLactoCaps (Müller GbR), 2 × 1 Kapsel. Das Mittel wurde zum Aufbau der physiologischen Mikrobiota im Dünndarm im Rahmen der ganzheitlichen Behandlung eines SIBO-Syndroms entwickelt. Es enthält 10 Milliarden (1 × 1010) koloniebildende Einheiten von folgenden Bakterien: Enterococcus faecium, Lactobacillus plantarum, Bacillus coagulans, Lactobacillus rhamnosus, Lactobacillus lactis, Lactobacillus casei und Lactobacillus acidophilus. Bacillus coagulans ist hierbei ein ganz besonderer Keim. Er wurde früher als Lactobacillus sporigens bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen Laktobazillen kann er bei schlechten Milieubedingungen Sporen ausbilden und ist deutlich widerstandfähiger gegenüber Umwelteinflüssen. Er kann somit als Erstbesiedler im Dünndarm für ein passenderes Milieu für die anderen Keime sorgen.

Prokinetika bei SIBO

Um eine Neubesiedelung des Dünndarms mit Dickdarmkeimen zu verhindern, sollte der MMC (migrating motor complex) unterstützt werden. Es handelt sich hierbei um peristaltische Wellen, die in Nüchternphasen zu Reinigungszwecken durch den Dünndarm laufen. Mit bestimmten Mitteln kann der MMC unterstützt werden: Iberogast Classic (Bayer Vital), Metaharonga (meta Fackler), Motilpro (Pure Encapsulations), Pro Intest (Tisso) oder Dyspep-Intercell (Intercell Pharma).

MMC als Video

Die Technische Universität München, Lehrstuhl für Humanbiologie, bietet ein Video in englischer Sprache (Nr. 34, Ileal migrating motor complex) zum MMC an: n.rpv.media/3h4

Kontrollatemtest

Ein bis zwei Wochen nach dem Ende der Eradikation sollte ein erneuter Atemtest durchgeführt werden. Hiermit können wir kontrollieren, ob die Eradikation erfolgreich war. Falls dies nicht oder nur zum Teil der Fall ist, sollte zum einen die Eradikation, entweder in der gleichen oder einer anderen Form, wiederholt werden. Auch sollte nochmals über nicht behandelte Ursachen nachgedacht werden. Wenn der Kontrollatemtest wieder normal verläuft, aber der Patient noch Beschwerden hat, so muss nach weiteren Ursachen der Symptome gesucht werden.

Literatur

  1. Pimentel M, Saad R, Long M, Rao S: ACG Clinical Guideline: Small Intestinal Bacterial Overgrowth, 2020
  2. Müller F: Overgrowthsyndrom – Das Richtige am falschen Platz. Naturheilpraxis 7/17