Wer davon spricht, dass die Lebensgeister verlöschen oder etwas die Lebensgeister anregt, greift zurück auf Gedanken, die die Medizin der Antike, des Mittelalters und teilweise der frühen Moderne grundlegend geprägt haben. Die therapeutischen Konsequenzen, die wir aus der aktuellen Kognitionsforschung und dem biologischen Konstruktivismus ziehen, zeigen, dass manche Gedanken der alten Spirituslehre unverändert gültig Aspekte der Wirklichkeit beschreiben, die nach einem modernen Verständnis der Spiritus, der „geistartigen Wirkkräfte“ verlangen.

Das Wort Spiritus stammt vom lateinischen Verb spirare = (be)hauchen, atmen. Spiritus bedeutet Hauch und weiter gefasst Geist und Seele. Der Begriff ist ideengeschichtlich eng verbunden mit dem altgriechischen Pneuma (Luft, Gas, Atem, Hauch). Die Lehre der Pneumatiker ging von einer gasförmigen Zustandsphase körperlicher Substanzen aus, die als Pneuma den ganzen Körper durchdringt (1). Prägend für das Menschenbild und die Medizin des Mittelalters sowie der frühen Neuzeit waren die Theorien des spätantiken Philosophen und Arztes Galenus. Nach Galen wird unsere Gesundheit bestimmt von den Wechselwirkungen unserer Grundkonstitution, den Res naturales, den von Natur aus in uns angelegten Faktoren, mit den Res non naturales, von außen auf uns einwirkenden Kräften der Umwelt. Zu den ersteren gehören nach Galen neben den biochemischen Grundlagen der Elemente die Säfte, der stoffliche Körper, drei Virtutes (mannhafte Kräfte, Mut, Tugend) und drei Spiritus. Eine hauchartige Substanz fließt als Spiritus vitalis vom Herzen unter anderem zu einem Arteriengeflecht unter der Schädeldecke, gelangt, im Gehirn in einen Spiritus animalis gewandelt, zu den Nerven und zieht als Spiritus naturalis von der Leber in die Venen. Die Res naturales könnte man modern zusammenfassen als unsere Anlagen, unsere Grundkonstitution. In Auseinandersetzung mit von außen einwirkenden Faktoren, den Res non naturales, formt sich das Bild der aktuellen Konstitution.