Schwerpunkt
Naturheilpraxis 08/2022

Die Blutegel in der Schmerztherapie

Die Blutegeltherapie erlebt insbesondere bei der Behandlung von Schmerzen in den letzten Jahren eine unerwartete Renaissance. Mit der Entwicklung der modernen Medizin, der zunehmenden Anwendung von Antibiotika und neuen Schmerzmitteln schien die Verwendung eines archaischen Heilmittels nicht mehr zeitgemäß. Allerdings zeigte sich bald, dass die neuen Behandlungsmethoden an Grenzen stoßen, Antibiotika-Resistenzen nach sich ziehen und Schmerzmittel erhebliche Nebenwirkungen haben können.

Ein Beitrag von Dr. Magdalene Westendorff
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Die Blutegeltherapie ist eine sanfte Heilmethode, die bei sachgerechter Durchführung sehr selten von unangenehmen Nachwirkungen begleitet wird. Außerdem muss man nicht wie bei chemischen Schmerzmitteln Nebenwirkungen befürchten, die den Gesamtorganismus belasten. Traditionell lag der Schwerpunkt der Anwendung der medizinischen Blutegel in Deutschland im Bereich der Durchblutungsstörungen. Vor allem in der Phlebologie waren die Egel bei der Landbevölkerung beliebt. Der Blutegel ist ein schneller Nothelfer bei Verletzungen und Entzündungen unterschiedlicher Genese. In anderen Kulturkreisen werden auch Insulte und Infarkte behandelt. Besonders eindrucksvoll ist der Effekt bei Migräneattacken und Gallenkoliken. Auch bei Regelschmerzen kann die spasmolytische Wirkung der Blutegeltherapie die Schmerzen lindern.

In den letzten Jahren wurden weltweit klinische Studien zur Effektivität und Verträglichkeit der Blutegeltherapie sowie Untersuchungen zur Zusammensetzung des Blutegelspeichels durchgeführt (1). Seit den pharmakologischen Untersuchungen des Blutegelspeichels im Jahr 1955 (2) wurde richtig vermutet, dass nicht nur das Hirudin für die vielfältigen Heilwirkungen der Blutegel von Bedeutung ist. Wir wissen heute, dass im Speichel neben gerinnungshemmenden, antiischämischen und lytischen Substanzen direkt und indirekt wirkende schmerzlindernde Stoffe enthalten sind. Auch Entzündungshemmer und antibiotisch wirkende Komponenten sind Bestandteil der Saliva (3, 4). Neu ist auch die Entdeckung, dass Hirudin einen regulierenden Einfluss auf das Nervenwachstum hat. Die im Speichel gefundene Destabilase-M stimuliert sogar das Nervenwachstum. Somit hat die Blutegeltherapie das Potenzial, besonders bei Kindern Nervenschädigungen zu heilen. Auch Nervenschmerzen unterschiedlicher Genese lassen sich gut behandeln.

Bei der Blutegelbehandlung wirken ausleitende und entstauende Blut- und Lymphstrom-beschleunigende Effekte sowie schmerzlindernde Stoffe im Speichel synergistisch zusammen. Zudem sorgen die nach der Blutegeltherapie wieder durchlässigeren Blut- und Lymphbahnen dafür, dass verordnete Medikamente besser an ihr Ziel gelangen können (spreading effect).

Die folgenden Behandlungsbeispiele gehen von der Praxis aus (5). Es gibt keine fertigen Rezepte zur Anzahl der anzusetzenden Blutegel und zur Häufigkeit der Anwendung. Man berücksichtigt vor allem den Allgemeinzustand der Patienten und die Reaktion auf die erste Blutegelbehandlung. Grundsätzlich gilt, dass in akuten Fällen meist intensiver behandelt wird. Bei chronischen Verläufen richten sich die Abstände nach der Entwicklung des Krankheitsbildes. Selbstverständlich sind eine ausführliche Anamnese und der Ausschluss von Kontraindikationen. Umfassende Informationen über ein breites Indikationsspektrum findet sich im Handbuch der Blutegeltherapie von 2021 (1).

Rheumatologie

Der schmerztherapeutische Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von chronischen Gelenkerkrankungen, vor allem Arthrosen. Hier geht man meist symptomatisch vor. Am häufigsten werden Kniearthrosen behandelt. Dabei setzt man die Egel auf das Kniegelenk und gegebenenfalls auf die Bakerzyste. Auch Schmerzen entlang der Wirbelsäule, insbesondere im Hals- und Lendenwirbelbereich, sowie der oft schwer therapierbare „Tennisarm“ und Achillessehnenentzündungen lassen sich sehr gut behandeln. Das Gleiche trifft auf die Schulter zu. Weniger gut zugänglich sind Hüftarthrosen. Bei einem akuten „Hexenschuss“ kann durch die Lösung des muskulären Hartspanns eine schnelle Linderung der Schmerzen erreicht werden.

Bei chronischen rheumatischen Arthritiden sind die Blutegel eine gute Ergänzung zur Standardtherapie. Bei hohen Dosen an Methotrexat, das immunsuppressiv wirkt, werden nur wenige Egel verwendet. Bei Gicht kann man die Egel direkt auf das betroffene Gelenk setzen. Die Schmerzen lassen sofort nach und die Gichtmedikamente gelangen besser an das entzündete Gelenk.

Die diffusen Schmerzen der Fibromyalgie werden zunächst an den Schmerzpunkten und danach besser systemisch behandelt. Dazu eignet sich ein Umstimmungsprogramm, das den gesamten Stoffwechsel erfasst (6).

Im Rahmen der komplexen Therapie des Morbus Sudeck lohnt es sich, in Absprache mit dem behandelnden Arzt die Blutegeltherapie einzubeziehen. Durch den gestörten Lymphfluss ist hier besondere Vorsicht geboten. Die Lage der regionalen Lymphknoten ist unbedingt zu beachten, um einen sanften Lymphabfluss zu gewährleisten.

Besonderheiten der Blutegelbehandlung an Gelenken

Die Blutegel regen den Blut- und Lymphfluss an. Das kann insbesondere bei der Behandlung von Händen und Füßen zu einer intensiven, aber vorübergehenden Lymphanflutung führen. Die Erfahrung zeigt, dass es ratsam ist, nicht zwei, sondern besser vier Egel zu setzen. Durch eine größere Zahl an Bisswunden wird die Ausleitung verbessert und so einer Blasenbildung vorgebeugt. Außerdem sollten sich die Patienten schonen. Es hat sich bewährt, mindestens zwei Tage nach der Blutegelbehandlung Belastungen zu vermeiden.

Abb. 1: Behandlung in der Kreuzbeinzone Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 2: Ansetzen der Blutegel auf die Brustwirbelsäule Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 3: Behandlung Nackenzone Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 4: Behandlung Achillessehnenentzündung Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 5: Behandlung Rhizarthrose Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 6: Behandlung Fingerarthrosen Dr. Magdalene Westendorff

Venöse und arterielle Durchblutungsstörungen

Krampfadern sind eine Domäne der Blutegeltherapie. Allerdings hat sich gezeigt, dass eine rein symptomatische, lokale Behandlung wenig effektiv ist. Mit einem systemischen Vorgehen werden wesentlich bessere und vor allem langanhaltende Effekte erreicht (Tab. 1). In Kombination mit anderen naturheilkundlichen Therapieansätzen werden die Beschwerden gelindert und Komplikationen wie ein Ulcus vermieden.

Reihenfolge

Zonen

Anzahl Blutegel

Intervall zwischen den Sitzungen

1. Sitzung

Kreuzbein

3-5

3-10 Tage

2. Sitzung

Leberzone und zusätzlich Bauchnabel

4-5

3-14 Tage

3. Sitzung

Leistengegend oberschenkelseitig

3-6

3-10 Tage

4. Sitzung

betroffene Venen

3-8

7-21 (28) Tage

5. Sitzung
6. Sitzung etc.

wie 4. Sitzung, vom Oberschenkel in Richtung Fuß

3-6

14-28 Tage

Arterielle Durchblutungsstörungen können sehr starke Schmerzen hervorrufen. Hier sind die Blutegel nicht nur Helfer in der Not, sondern auch prophylaktisch wirksam. Bei durch Diabetes verursachten Durchblutungsstörungen werden die Egel besser auf das Kreuzbein gesetzt. Dadurch verbessert sich die Durchblutung und es wird eine Verschlimmerung vermieden.

Cave: Es ist wichtig, die Egel nicht auf schlecht durchblutete Stellen in der Peripherie zu setzen, da die Wundheilung gestört ist.

„Raucherbeine“ sind eine sehr wichtige Indikation. In Absprache mit dem behandelnden Arzt können auch nach Gefäßoperationen Blutegel gesetzt werden (Abb. 7). Hiermit beugt man der Bildung neuer Thromben vor. Es ist ein unschätzbarer Vorteil der Hirudotherapie gegenüber der herkömmlichen thrombolytischen Behandlung, dass die Fibrinbruchstücke keine neuen Thromben bilden können (4).

Abb. 7: Behandlung nach Gefäßersatz Dr. Magdalene Westendorff

Folgen von Traumen und postoperative Schmerzzustände

In diesem Indikationsfeld sind die Blutegel oft die besten und vor allem schnellsten Helfer. Denn nur sie können innerhalb kürzester Zeit selbst ausgedehnte Hämatome auflösen und zur Ausleitung bringen. Dadurch werden Spannungsschmerzen gelindert, die Heilung beschleunigt und Komplikationen vermieden. Auch alte Narben werden durch die lytischen Komponenten im Speichel weicher. Nach Operationen, insbesondere nach Gelenkersatz, trägt die Egeltherapie zur sofortigen Entstauung, Schmerzlinderung und zur schnelleren Rehabilitation bei (Abb. 8-10)

Abb. 8: Postoperative Behandlung am Knie Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 9: Behandlung eines ausgedehnten Hämatoms am Oberschenkel Dr. Magdalene Westendorff
Abb. 10: Behandlung einer Unfallnarbe Dr. Magdalene Westendorff

Akute und chronische Entzündungen unterschiedlicher Genese

Oberflächliche Entzündungen lassen sich sehr gut behandeln. Das betrifft sowohl Furunkel als auch schlechtheilende Wunden, unabhängig von deren Ursache. Besonders beeindruckend sind die Erfolge der Blutegeltherapie bei Kindern mit Entzündungen im HNO-Bereich. Otitis und Sinusitis können, ohne die sonst sehr schmerzhafte „normale“ Therapie und ohne Antibiotika, ausgeheilt werden. Dabei ist zu beachten, dass Kinder sehr feinfühlig auf das Treffen mit den Blutegeln vorbereitet werden sollten (Abb. 11).

Abb. 11: Behandlung einer Otitis: Bei kleinen Kindern setzt man besser nur einen Egel Dr. Magdalene Westendorff

Kopfschmerzen, Migräne und Trigeminusneuralgie

Unabhängig von der Ursache der Schmerzen sind die Erfolge bei der Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne beeindruckend (Abb. 12). Auch die sehr schmerzhafte Trigeminusneuralgie sowie Folgen einer Herpes-zoster-Infektion lassen sich gut behandeln. Die Egel werden lokal gesetzt. Bei der Migräne kann zwischen den Schüben auch die Leberzone einbezogen werden.

Abb. 12: Akutbehandlung der Migräne am Schädeldach Dr. Magdalene Westendorff

Kontraindikationen, Nachblutung und Besonderheiten

Die Blutegeltherapie erfordert eine besonders gründliche Anamnese und Berücksichtigung der Medikation. Meist handelt es sich um ältere und/oder multimorbide Patienten.

Absolute Kontraindikationen: Angeborene Hämophilie, medikamentöse Behandlung mit starken Gerinnungshemmern, schlechter Allgemeinzustand, akute Infekte, anämische Zustände, Tumorerkrankungen, Behandlung mit Immunsuppressiva, Menstruationszeit

Relative Kontraindikationen: Schwangerschaft und Stillzeit, Behandlung mit Acetylsalizylsäure in niedrigen Dosen, niedriger Blutdruck, Allergien (nach einem allergischen Schock)

Nachblutung: Der Erfolg der Blutegelbehandlung hängt auch davon ab, wie die Nachblutung verläuft. Zusammen mit dem Blut treten Gewebsflüssigkeit mit „Entzündungsleichen“ und Lymphe aus. Je besser dieser Prozess abläuft, umso schneller spürt der Patient Schmerzlinderung. Daher wird die Nachblutung nur dann gestoppt, wenn sie zu langanhaltend und intensiv sein sollte.

Impfungen und postinfektiöse Beschwerden: Es hat sich insbesondere in der Impfkampagne gegen die COVID-19-Infektion gezeigt, dass ein Abstand zur Blutegelbehandlung von mindestens 14 Tagen ratsam ist. Damit umgeht man eine Überlastung des Immunsystems der Patienten. Einige Patienten leiden sowohl nach der Erkrankung als auch nach der Impfung unter verschiedenen gesundheitlichen Beschwerden. Therapeutisch wichtig ist hier vor allem die thrombolytische Wirkung des Blutegelspeichels.

Fazit

In der Hand erfahrener Therapeuten sind die Blutegel sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen sehr gute Helfer. Wir spenden ihnen Blut und sie setzen ihre heilenden Kräfte ein. Sie entstauen, entgiften und wirken Entzündungen entgegen. Manchmal sind sie echte Nothelfer und durch kein anderes Heilverfahren zu ersetzen.

Literatur

  1. Kähler Schweizer D, Westendorff M 2021. Hirudotherape – Handbuch der Blutegeltherapie. Wil/SG: Belisana Verlag
  2. Markwardt F. Untersuchungen über Hirudin. 1955. Naturwissenschaften 42:537-538
  3. Lemke S, Vilcinskas A. 2020. European medicinal leeches- new roles in modern medicine. Biomedicines 8(5), 99, 2020;
  4. Baskova IP. 2015. Wissenschaftliche Grundlagen der Hirudotherapie. Die humorale Komponente. Moskau (Russ.). Eigenverlag. ISBN 978-5-8125-2081-6
  5. Kähler Schweizer D, Westendorff M 2019. Die Blutegeltherapie-Wissenswertes für Patienten. 3. Aufl. Kandern: Unimedica im Narayana Verlag
  6. Westendorff M, Sukhov K 2021. Blutegeltherapie- ein Segen für die Leber. Naturheilpraxis 01:21-25

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 08/2022

Aktuelle Ausgabe
Erschienen am 02. August 2022