Schwerpunkt
Naturheilpraxis 07/2022

Dauerbrenner Blasenentzündung

Definition, Ursachen und Risikofaktoren

Frauen sind häufiger als Männer von einer Blasenentzündung betroffen. In der Regel hat jede Frau zweimal in ihrem Leben einen unkomplizierten Infekt der unteren Harnwege. Bei chronischen Harnwegsinfekten können pflanzliche Präparate helfen, der Antibiotika-Spirale zu entkommen.

Ein Beitrag von Stefanie Möller-Peske
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Marina Demeshko / shutterstock.com

Gemäß Leitlinie wird eine Harnwegsinfektion als unkompliziert eingestuft, wenn im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen oder Differenzialdiagnosen vorliegen, die eine Harnwegsinfektion bzw. gravierende Komplikationen begünstigen (1).

Leider bleibt es bei vielen Frauen nicht dabei und sie sind deutlich häufiger betroffen. Von einer chronischen oder wiederkehrenden Blasenentzündung spricht man, wenn sie zweimal in einem halben Jahr oder aber dreimal in einem Jahr auftritt (2).

Die Risikofaktoren und Ursachen für das chronische Leiden können dabei sehr unterschiedlich sein:

  • Stoffwechselstörungen, v. a. Diabetes,
  • Nieren- und Blasensteine,
  • Blasenkatheter oder
  • eine geschwächte Immunabwehr, z. B. durch Stress,

können genauso wie

  • ein zu frühes Absetzen eines Antibiotikums,
  • hormonelle Umstellungsphasen (z. B. Wechseljahre oder Schwangerschaft),
  • Einnahme bestimmter Medikamente,
  • Verwendung von Verhütungsmethoden, wie Spermizide oder Diaphragma, und
  • häufiger Geschlechtsverkehr (Honeymoon-Zystitis)

dafür sorgen, dass ein Teufelskreis entsteht. Daneben wird vermutet, dass – insbesondere E. coli – eine Strategie entwickelt hat, sich vor Antibiotika und dem Immunsystem zu schützen. Das Bakterium heftet sich dabei an die Zellen der Blaseninnenwand, dadurch bildet sich ein Biofilm auf der Oberfläche der Blasenzellen. Die beteiligten Bakterien aggregieren und produzieren extrazelluläre polymere Substanzen (EPS), welche sich als schleimiges Hydrogel um die Bakterien legt. Durch diese Gelmatrix sind die im Biofilm befindlichen Bakterien vor externen Faktoren, wie z. B. Antibiotika, geschützt. Zu einem späteren Zeitpunkt können diese Bakterien dann wieder für eine erneute Blasenentzündung sorgen.

Kommen die Patientinnen in die naturheilkundliche Praxis, sind sie oft entmutigt und erschöpft. Sie möchten einen Weg aus der Spirale von wiederkehrenden Blasenentzündungen und den damit verbundenen Antibiotikabehandlungen. In vielen Fällen haben diese zusätzlich zu weiteren Problemen – neben der Blasenentzündung – geführt: Vaginal- und/oder Darmmykosen und/oder Beschwerden, wie z. B. vermehrte Blähungen und Durchfälle.

Naturheilkundliche Therapieansätze

Bei einer chronischen, wiederkehrenden Blasenentzündung werden gemäß Leitlinie neben Mannose Präparate aus Bärentraubenblättern sowie Kapuzinerkresse und Meerrettich empfohlen (3). Da die Behandlung mit Bärentraubenblättern zeitlich begrenzt ist, hat sich die kombinierte Gabe von Kapuzinerkresse und Meerrettich in Form des Phytotherapeutikums ANGOCIN Anti-Infekt N (Fa. Repha) in der Langzeiteinnahme in meiner Praxis als das Mittel der Wahl erwiesen.

Die Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) enthält Vitamin C, Flavonoide, Carotinoide und Mineralstoffe. Von großer Bedeutung für die Medizin sind dabei die ebenfalls enthaltenen Senfölglycoside, welche beim Verzehr für die Schärfe verantwortlich sind und dabei in Senföle umgewandelt werden. Diese wirken entzündungshemmend, antiviral und antibakteriell.

Der Meerrettich (Armoracia rusticana) bzw. die Meerrettichwurzel enthält – wie die Kapuzinerkresse – neben Vitamin C auch B-Vitamine, Flavonoide und die so bedeutsamen Senfölglycoside. Neben der antibakteriellen Eigenschaft wirkt der Meerrettich antimykotisch, antiviral, schleimlösend und harntreibend.

Bei einer chronisch rezidivierenden Zystitis verschreibe ich gemäß Leitlinienempfehlung zumeist in einer geringeren Dosierung im Vergleich zur akuten Blasenentzündung, also statt 3 × 4 Tabletten im Akutfall nimmt der Patient in der Langzeiteinnahme 2 × 2 Tabletten.

Kommt der Patient mit einer chronischen Blasenentzündung im akuten Stadium, dann starte ich natürlich mit der hohen Dosierung und schleiche dann schrittweise aus bzw. reduziere.

Die Behandlung mit dem Phytotherapeutikum hat mehrere Vorteile:

  • Langzeiteinnahme möglich
  • wirkt entzündungshemmend, antiviral und antibakteriell
  • durch die Aufnahme im oberen Darmabschnitt wird die Darmflora geschont
  • Anders als Antibiotika wirkt es gegen bakterielle Biofilme (Schutzschild mancher Bakterien gegen Antibiotika und das Immunsystem).

Studien belegen, dass Angocin neben der Linderung der Beschwerden bei der akuten Blasenentzündung auch das Risiko einer erneuten Blasenentzündung um 44 % senkt (4, 5).

Neben der medikamentösen Therapie halte ich es für wichtig, das „Einmaleins der Blasenentzündung“ mit dem Patienten durchzugehen, auch, wenn der Patient mit einer wiederkehrenden Blasenentzündung auf seinem Leidensweg schon viel ausprobiert hat. Hierzu gehört für mich – natürlich je nach Patient und Ursache:

  • Intimhygiene: Weniger ist mehr!
  • Nach dem Geschlechtsverkehr direkt Wasser lassen, damit evtl. aufsteigende Bakterien direkt wieder ausgespült werden!
  • Kein Wechsel von Anal- zu Vaginalverkehr, um die Darmbakterien, die in den meisten Fällen die Blasenentzündung auslösen, nicht direkt an den Ort des Geschehens zu bringen.
  • Bei Anwendung von Diaphragma oder Spermiziden als Verhütungsmethode: Wechsel der Verhütungsmethode!
  • In Absprache mit dem verordnenden Arzt: Wechsel des Medikaments, falls dieses im Verdacht steht, die Blasenentzündungen zu verursachen.

Antientzündliche Ernährungstherapie

Neben der pflanzlichen Unterstützung gegen die Entzündung und die Bakterien kann die richtige Ernährungstherapie helfen, Entzündungen im Körper zu hemmen und das Immunsystem zu stärken. Dabei sollten Lebensmittel mit antientzündlicher Wirkung vermehrt auf dem Speiseplan stehen. Diese können sein:

  • viel Gemüse, v. a. Brokkoli, Spinat, Rosenkohl
  • 1 Handvoll Obst/Tag, besonders rotes/violettes/blaues Obst, wie Beeren, Pflaumen, Kirschen etc., da diese reich an Polyphenolen sind
  • Gewürze, allen voran Kurkuma
  • Omega-3-Fettsäuren, enthalten in Leinöl, Walnussöl, aber auch in fettem Fisch, wie Lachs, Makrele etc.

Gemieden werden sollten Nahrungsmittel, die eher entzündungsfördernd sind.

  • Fleisch, insbesondere Schweinefleisch,
  • Zucker,
  • Fertigprodukte sowie
  • Weizen und -produkte

sollten eher selten auf dem Speiseplan stehen.

Es hat sich bewährt, dem Patienten nach der Ernährungsberatung eine Liste auszuhändigen, auf der die entzündungshemmenden und entzündungsfördernden Nahrungsmittel aufgelistet sind. Als ebenso wichtig wie die Ernährungsberatung erachte ich die Untersuchung des Stuhls. Die Darmflora ist in den meisten Fällen durch die i. d. R. vorangegangenen Antibiotikabehandlungen deutlich reduziert, daneben können sich dann Darmpilze (zumeist Candida albicans) „breit“ machen. Auch auf ein evtl. bestehendes Leaky-Gut-Syndrom sollte untersucht werden. Sollte ein solches vorliegen, bindet es – neben vielen weiteren Folgen – wichtige Kapazitäten des Immunsystems, die dem Körper nicht zur Ausheilung der Blasenentzündung zur Verfügung stehen.

Neben der Überprüfung der Stuhlflora inkl. des pH-Wertes und einer etwaigen Candida-Belastung, lasse ich den Stuhl auch auf sIgA, Calprotectin sowie Alpha-1-Antitrypsin untersuchen. Natürlich stehen noch viel mehr Parameter zur Verfügung, aber um einen guten Überblick zu bekommen über die Darmflora und den Status der Darmschleimhaut zu erhalten, reichen diese Werte in der Regel aus. Ich beginne immer erst mit der Behandlung der Schleimhaut, sollte diese nicht intakt sein. Bei einem erhöhten Calprotectin-Wert kann auch eine Koloskopie ratsam sein.

Es gibt viele verschiedene therapeutische Wege, eine instabile Darmbarriere (Leaky-Gut-Syndrom) zu behandeln. Die schleimhautregenerative Therapie kann über mineralische, mikrobiologische oder mittels phytotherapeutischer Präparate erfolgen. Da Patienten mit chronischer Blasenentzündung oftmals viele Antibiotika-Behandlungen in ihrer Anamnese aufweisen und nicht selten unter Durchfall, Blähungen oder sogar unter einem Darmpilz leiden, bietet sich aus meiner Sicht Myrrhinil-Intest (Fa. Repha) aus mehreren Gründen zur Behandlung an:

  • Myrrhe ist in der Lage, die Darmbarriere zu stabilisieren, unterstützt also die Behandlung eines Leaky-Gut-Syndroms (6).
  • Myrrhe wirkt antimykotisch gegen Pilze und Hefen.
  • Kamille ist krampflösend, entspannend und entblähend.
  • Kaffeekohle bindet Gase, Bakterien und Gifte.

Zusätzlich ist sowohl die Leaky-Gut- als auch die Darmpilzbehandlung mit weitergehenden Ernährungsempfehlungen verbunden. Erst nach einer erfolgreichen Eliminierung des Candida albicans und/oder Leaky-Gut-Syndroms beginne ich mit der Regulation der eventuell aus dem Gleichgewicht geratenen Darmflora. Dabei halte ich es für ratsam, nur diejenigen Bakterienstämme „aufzufüllen“, welche zu wenig vorhanden sind, d. h. fehlen Bifidobakterien, „fülle“ ich auch nur diese Stämme wieder auf.

Sind Frauen zusätzlich zum Darmpilz auch von einer Vaginalmykose betroffen, behandle ich einerseits mit auf die Vaginalflora abgestimmten Probiotika und zusätzlich über Vaginalzäpfchen mit Kapuzinerkresse (und Rose). Diese werden mittlerweile von vielen Apotheken aus eigener Herstellung angeboten (z. B. Lindenapotheke in Pfaffenhofen www.lindenapo-paf.de). Auch gibt es hier die Möglichkeit, dass die Zäpfchen nach Therapeutenrezept hergestellt werden.

Literatur:

  1. S3 Leitlinie (2017) unkomplizierte, bakterielle, ambulant erworbene Harnwegsinfektionen, Absatz 1.1
  2. S3 Leitlinie s.o., Absatz 1.5
  3. S3 Leitlinie s.o., Absatz 8.1.d.4
  4. Goos K-H et al.: Drug Res 56(3): 249-257 (2006)
  5. Albrecht U et al.: Curr Med Res Opin 23(10): 2415-2422 (2007)
  6. Rosenthal R. et al.: Int J Colorectal Dic (2016)

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 07/2022

Erschienen am 01. Juli 2022