Das Endocannabinoid-System ist ein wichtiger neuer Therapieansatz für neurologische Erkrankungen – auch für die Migräne. Der Hanfwirkstoff CBD fördert unter anderem das körpereigene Endocannabinoid Anandamid, das bei Menschen mit Migräne eine besondere Rolle spielt.

Migräne zählt zu den schmerzhaften Erkrankungen, die mit besonders starken Einschränkungen für die Betroffenen einhergehen. In Deutschland sind davon rund acht Millionen Menschen betroffen, Frauen ungefähr dreimal häufiger als Männer. Die momentane medikamentöse Therapie lässt hinsichtlich Wirksamkeit und Nebenwirkungen zu wünschen übrig. Dass effektive Therapieformen fehlen, liegt auch daran, dass die der Erkrankung zugrundeliegenden Störungen im Körper noch nicht völlig aufgeklärt sind. Verschiedene untereinander in Beziehung stehende Mechanismen scheinen dabei eine Rolle zu spielen, wie Tabelle 1 veranschaulicht (1).

Mechanismus

Was passiert bei der Migräne?

Phänomene, die damit in Verbindung stehen

Blutgefäße im Gehirn

Reizung von Nerven führt zur reflektorischen Weitstellung der Gefäße

typischer pulsierender Schmerz beim Anfall

Übererregbarkeit der Nerven

Ähnlich wie bei der Epilepsie sorgen Elektrolytverschiebungen zu übersteigerter Aktivität von Nervenzellen.

Entstehung der visuellen Aura, Überempfindlichkeit gegenüber Schmerzen und Sinnesreizen

Entzündungsvorgänge

Freisetzung von entzündungsfördernden Stoffen, die unter anderem Mastzellen aktivieren und damit Histamin freisetzen

Bildung kleiner Ödeme im zentralen Nervensystem, Weitstellung von Blutgefäßen, „allgemeines Krankheitsgefühl“

Fehlsteuerungen bei der Gefäßregulation

Signalmoleküle wie Stickstoffmonoxid stellen die Gefäße weit.

typischer pulsierender Schmerz beim Anfall

Daten aus experimenteller Forschung und klinischen Studien legen nahe, dass bei der Migräne auch ein komplexes System aus Botenstoffen und entsprechenden Rezeptoren von Bedeutung ist: das Endocannabinoid-System.

Das Endocannabinoid-System im zentralen Nervensystem

Das Endocannabinoid-System mit seinen Cannabinoid-Rezeptoren (die häufigsten heißen CB1 und CB2) und Botenstoffen, den Endocannabinoiden, finden wir im ganzen Körper. Es hat vor allem regulatorische Aufgaben, es stimmt unter anderem die Zusammenarbeit des Immunsystems und der Botenstoffe im zentralen Nervensystem aufeinander ab. Es spielt nicht nur bei der Verarbeitung von Schmerzen, sondern auch bei der bei vielen Menschen mit chronischen Schmerzen anzutreffenden negativen Erwartungshaltung und Angst vor dem Schmerz eine Rolle. 

Im zentralen Nervensystem wirken Endocannabinoide wie Anandamid und 2-Arachidonylglycerol (2-AG) über sogenannte CB1-Rezeptoren, die sich an Nervenzellen befinden. Sie finden sich besonders häufig in Hirnregionen, die an der Entstehung und Wahrnehmung von Schmerzen beteiligt sind und regulieren die Freisetzung anderer Botenstoffe wie zum Beispiel Dopamin, Glutamat, γ-Aminobuttersäure (GABA), Serotonin oder Acetylcholin. Diese spielen auch bei der Migräne eine Rolle. Zudem regulieren Endocannabinoide den Gefäßtonus im zentralen Nervensystem.

Auch CB2-Rezeptoren können bei der Migräne relevant sein, sie finden sich unter anderem auf den Mastzellen des Immunsystems. Mastzellen setzen Histamin frei und können damit einen Migräneanfall verstärken. Bisherigen Erkenntnisse zufolge können Endocannabinoide über eine Interaktion mit CB1- und CB2-Rezeptoren Migräneanfälle günstig beeinflussen (2).

Endocannabinoid-Mangel als neue mögliche Hypothese

Der amerikanische Cannabisforscher Ethan Russo brachte als erster den Endocannabinoid-Mangel als neue Hypothese für die Migräneerkrankung in die wissenschaftliche Debatte ein (3). Mittlerweile teilen mehrere Forscher seine Ansicht, nach der ein Mangel an Endocannabinoiden Migräneanfälle bedingen kann. Dieser begünstigt die Freisetzung migräne- und entzündungsfördernder Substanzen wie Serotonin und Glutamat.

Studien zeigen, dass viele Migränepatienten niedrigere Konzentration von Endocannabinoiden aufweisen, unter anderem im Liquor (4).

So wirkt CBD bei Migräne

Der Forscher Ethan Russo sieht in CBD einen effektiven Wirkstoff, der bei Endocannabinoid-Mangel und Migräne helfen kann. CBD beeinflusst insbesondere Anandamid-Werte im Körper, da es das Enzym Fettsäureamid-Hydrolase (FAAH) hemmt, welches das Endocannabinoid rasch abbaut. Daneben hemmt CBD auch die Entstehung von Schmerzen und fördert deren Dämpfung durch körpereigene schmerzstillende Wirkstoffe wie Endorphine.

Daneben beeinflusst CBD die unter Tabelle 1 aufgeführten Mechanismen, die bei der Migräne eine Rolle spielen:

  • Die entzündungshemmenden Eigenschaften von CBD können die Aktivierung von Mastzellen und damit die Freisetzung von Histamin hemmen.
  • Gut untersucht sind die antiepileptischen Wirkungen von CBD. Es kann der Übererregung von Nervenzellen entgegenwirken, weshalb bereits CBD-basierte Medikamente bei der Behandlung von schwer therapierbaren Epilepsieformen zur Anwendung kommen (5).
  • Untersuchungen zum Clusterkopfschmerz legen nahe, dass CBD auch einen Einfluss auf den Gefäßtonus im zentralen Nervensystem haben kann. CBD-reiche Cannabissorten scheinen weitgestellte Gefäße im Gehirn bei Kopfschmerzpatienten verengen zu können.

Ein Segen für viele Menschen mit Schmerzen und insbesondere mit Migräne können zudem die entspannenden, schlaffördernden und angstlösenden Eigenschaften von CBD sein. Sie sorgen dafür, dass das angespannte Nervensystem zur Ruhe kommen kann und die Angst vor dem Schmerz nicht zur zusätzlichen Belastung wird.

Klinisch erprobt wurde CBD bei Migräne bis jetzt erst in Verbindung mit dem psychoaktiven Hanfwirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) – die Inhalation von Cannabisblüten konnte in einer amerikanischen Studie die Intensität der Anfälle mindern (6).

Was bei der Einnahme zu beachten ist

Für den Einsatz von CBD bei Migräne sprechen positive Erfahrungsberichte und vielversprechende Ergebnisse aus der Grundlagenforschung – aussagekräftige klinische Forschung fehlt noch. Der Einsatz von CBD-Ölen oder anderen frei verkäuflichen CBD-haltigen Produkten wie zum Beispiel Nutzhanftee sollte mit ärztlichem Einverständnis erfolgen. Die bisherige Datenlage erlaubt leider noch keine schlüssigen Empfehlungen für eine Dosierung – grundsätzlich sollten die Dosierungsempfehlungen der Hersteller von CBD-Produkten eingehalten werden.

Bei der Einnahme von CBD sind Nebenwirkungen wie Müdigkeit, eventuelle Gegenanzeigen wie Leberschäden, Schwangerschaft und Glaukom und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten zu beachten, die über die Cytochrom-P450-Enzyme CYP2C9, CYP2C19, CYP3A4 und CYP2D6 verstoffwechselt werden. Dazu können Migräne-Medikamente wie Antiepileptika oder Schmerzmittel (zum Beispiel Diclofenac) zählen.

Bei schweren Migränefällen, bei denen anderen Therapien erfolglos bleiben, kann eine Kostenübernahme von CBD durch die Krankenkasse angedacht werden. Ist diese genehmigt, kann CBD durch ein ärztliches Rezept bezogen werden – zum Beispiel in Form der durch Apotheken hergestellten öligen Cannabidiol-Lösung (50 mg/ml) oder in Kombination mit THC. Für letztere Variante sind in Apotheken erhältliche CBD-reiche Cannabisblüten oder das Cannabismedikament Sativex (Fa. GW Pharma) eine gute Option.

CBD sinnvoll ergänzen

CBD ist nicht die einzige therapeutische Möglichkeit, um das Endocannabinoid-System von Menschen mit Migräne positiv zu beeinflussen. Aus der praktischen Erfahrung des Autors sind besonders auch Entspannungsübungen zu empfehlen, insbesondere Übungen der achtsamkeitsbasierten Medizin. Diese können zum Beispiel in einem achtwöchigen MBSR-Kurs erlernt werden – die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR) ist ein Programm, das Schmerzpatienten nicht nur bessere Stress- und Schmerzbewältigung bringen kann. Die meditativen Übungen wirken sich auch nachweislich positiv auf den körpereigenen Anandamid-Spiegel aus.

Dasselbe gilt für regelmäßige sportliche Betätigung, Massagen und eine kalorienbewusste Ernährung (7). Für die Produktion von Endocannabinoiden wie Anandamid benötigt der Körper hochwertige Fettsäuren, dazu zählen insbesondere die Linolsäure und die Linolensäure. Besonders das aus Hanfsamen gepresste Hanföl ist eine gute Möglichkeit, um das Endocannabinoid-System zu nähren. Es kann zur Zubereitung von kalten Gerichten wie Dips, Aufstrichen, Pestos oder Salatsaucen verwendet werden.

Fazit

Die Migräne ist ein komplexes Krankheitsgeschehen, bei dem eine einfache Schmerztherapie meist unzureichend ist. Die Suche nach neuen therapeutischen Stoffen führt ins Gehirn selbst, dessen Endocannabinoide Migräneanfälle verhindern oder abschwächen können. Der Hanfwirkstoff CBD stärkt das Endocannabinoid Anandamid und ist auch aufgrund seiner stimmungsaufhellenden, antiepileptischen, angstlösenden, entzündungs- und schmerzstillenden Eigenschaften für Menschen mit Migräne interessant. 

Literatur

  1. Moskowitz MA: Neurogenic inflammation in the pathophysiology and treatment of migraine. Neurology. 1993 Jun; 43(6 Suppl 3): S. 16–20
  2. Greco R et al.: Endocannabinoid System and Migraine Pain: An Update. Front Neurosci. 2018 Mar 19;12:172
  3. Russo E: Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel, and Other Treatment-Resistant Syndromes. Cannabis Cannabinoid Res. 2016
  4. Sarchielli P: Endocannabinoids in chronic migraine: CSF findings suggest a system failure. Neuropsychopharmacology. 2007 Jun;32(6):1384–90
  5. Arzimanoglou A et al.: The Cannabinoids International Experts Panel; Collaborators. Epilepsy and cannabidiol: a guide to treatment. Epileptic Disord. 2020 Feb 1;22(1):1–14
  6. Cuttler C et al.: Short- and Long-Term Effects of Cannabis on Headache and Migraine. J Pain. 2020 May-Jun;21(5-6):722–730
  7. McPartland JM et al.: Care and feeding of the endocannabinoid system: a systematic review of potential clinical interventions that upregulate the endocannabinoid system. PLoS One. 2014 Mar 12;9(3)