Blutegel werden seit Jahrhunderten in verschiedenen Kulturkreisen mit Erfolg zur Behandlung einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt. Das Potenzial der Hirudotherapie als pathogenetische Heilmethode zeigt sich besonders bei der Entlastung und Stärkung der Leber. Der Beitrag beruht sowohl auf modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch auf den Erfahrungen der weltweiten Gemeinschaft der Hirudotherapeuten.

Lange nahm man an, dass im Blutegelspeichel nur Hirudin enthalten sei. Klinische Beobachtungen führten jedoch zu der Vermutung, dass noch weitere Stoffe in der Saliva vorhanden sein könnten. Forschungen an im Labor gewonnenen Speichelproben führten zur Identifizierung hochspezifischer biologisch aktiver Stoffe (1, 2). In vitro und in vivo wurden die Wechselwirkungen einiger dieser Substanzen mit den angeborenen Abwehrreaktionen der von den Egeln bevorzugten Warmblüter untersucht (s. Tab.1).

Funktionelle Gruppen

Biologisch aktive Substanzen

Effekte

vasoaktive Neurotransmitter

  • Histamin
  • Serotonin
  • Dilatation der Kapillaren
  • Erhöhung der Kapillardurchlässigkeit
  • Vasokonstriktion
  • vermutlich Stimmungsaufhellung

lysierende Substanzen

  • Destabilase-M
  • Hyaluronidase
  • Kollagenase
  • γ-Glutamyl-Transpeptidase
  • antithrombotisch und thrombolytisch
  • Spaltung der Hyaluronsäure
  • Spaltung des Kollagens
  • fibrinolytisch

Gerinnungshemmer

  • Hirudin
  • Calin
  • Apyrase und Saratin
  • Antagonist des Thrombozytenaktivationsfaktors

  • Inhibitor des Faktors Xa
  • hochspezifische Thrombinhemmung
  • hemmt die Adhäsion und Aggregation der Thrombozyten sowie die Aktivierung des von Willebrand-Faktors
  • hemmen die Thrombozytenaggregation
  • hemmt die Adhäsion und Aktivierung der Migration der Blutplättchen sowie der Neutrophilen zum Ort der Verletzung
  • hemmt die Kontraktion der Zellen der glatten Muskulatur

  • hemmt die plasmatische Gerinnung
  • verhindert die arterielle und venöse Thrombenbildung

Entzündungshemmer

  • Hirustasin
  • Leech-derived Tryptase-Inhibitor
  • hemmen Gewebskallikrein sowie Trypsin, Chymotrypsin und Kathepsin G der Neutrophilen
  • hemmen die Tryptaseaktivität sowie Trypsin und Chymotrypsin der Mastzellen

Immunmodulatoren

  • Destabilase-L
  • Inhibitoren des Komplementsystems
  • antimikrobielle Wirkung
  • hemmen die C1s-Komponente des Komplementsystems

neurotrophe Substanzen

  • Hirudin
  • Destabilase-M
  • Bdellin A und B
  • Egline
  • regulieren das Nervenwachstum
  • stimulieren das Nervenwachstum

Lokale und systemische Wirkungen

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass uns der Blutegel eine ganze Apotheke natürlicher Stoffe für die Heilung unserer Patienten schenkt, wenn wir ihm dafür Blut „spenden“. Aus der Wirkung der Vielzahl biologisch aktiver Stoffe lassen sich die Indikationen der Blutegelbehandlung ableiten. In Synergie mit dem Aderlass und der hervorragenden Lymphdrainage können die Egel in der Hand gut ausgebildeter Therapeuten Erstaunliches leisten (3).

Die Speichelstoffe der Blutegel regen den Blut- und Lymphstrom an und erleichtern die Entstauung und Entgiftung der Gewebe. Die Gerinnung des Blutes wird nicht nur durch Hirudin, sondern durch eine ganze Palette antikoagulativer Stoffen gehemmt. Es können auch bereits gebildete Thromben aufgelöst werden. Die Besonderheit der Thrombolyse durch die Komponenten des Speichels besteht darin, dass die Fibrinbruchstücke keine neuen Thromben bilden können. Die lytischen Stoffe des Speichels lösen auch Gewebsverklebungen, sodass das Interstitium durchlässiger wird. Dieser „spreading effect“ sorgt dafür, dass die Zellen wieder mit frischem Blut, vor allem mit Sauerstoff, versorgt werden und verordnete Medikamente besser an ihr Ziel gelangen. Zudem wirken die Fermente lytisch auf Bakterienwände und so antibiotisch. Um seine Opfer zu täuschen, hat der Blutegel schmerzlindernde Stoffe entwickelt, die sofort nach dem Biss in die Wunde gegeben werden. Zudem sorgen Entzündungshemmer dafür, dass das angeborene Immunsystem seiner Opfer nicht überschießend reagiert. Die Aktivität der Abwehrzellen, die an den Bissstellen bereits vorhanden sind, wird gehemmt und der Verteidigungssturm der einwandernden Immunzellen gebremst. Diese effektive Entzündungshemmung verhindert in den meisten Fällen unangenehme Nachwirkungen.

Neben den eher lokalen Effekten wirkt die Blutegeltherapie blutdrucksenkend, antiischämisch und antisklerotisch – unabhängig davon, wo die Egel angesetzt werden. Eine systemische Wirkung ist auch die Herabsetzung der Viskosität des Blutes (4). Nicht zuletzt sind reflektorische Effekte zu beobachten, die gezielt bei der Therapie genutzt werden können. Einige Patienten werden auch euphorisch, besonders bei der Behandlung der Leberzone.

Die Leber in der Blutegelbehandlung

Die Leber spielt in der Hirudotherapie eine große Rolle. Ihre anatomische Lage und die Besonderheiten der Blutversorgung und des Lymphflusses erleichtern den lokalen Zugang für die Egel. Über die nur zum Teil obliterierte Nabelvene ist ein direkter Zugang in den Blut- und Lymphkreislauf der Region möglich.

Bei funktionellen Störungen und Erkrankungen der Leber, insbesondere Stauungen jeder Art sowie den oft damit einhergehenden Gallenfunktionsstörungen, wird die Leberzone direkt behandelt (s. Abb. 1). Bei der Behandlung von chronischer Hepatitis und Leberzirrhose werden die Egel zusätzlich auch am Rücken in die Kreuzbeinzone und die mittleren Abschnitte der Brustwirbelsäule entlang der Wirbel und beidseits paravertebral gesetzt (5).

Abb. 1: Behandlung der Leber-Gallen-ZoneDr. med. Dominique Kähler Schweizer
Abb. 1: Behandlung der Leber-Gallen-Zone
Abb. 2: Ansatz eines Egels auf den NabelDr. med. Dominique Kähler Schweizer
Abb. 2: Ansatz eines Egels auf den Nabel

Eine noch stärkere Wirkung entfaltet sich, wenn Egel auch auf den Nabel gesetzt werden (s. Abb. 2). Manchmal wird sofort nach dem Abfallen des Egels an der Nachblutung sichtbar, wie der Blutegel aufgelöstes Fibrin zur Ausscheidung bringt. 

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Indikationen, bei denen die Einbeziehung des Leber-Gallen-Areals sehr heilsam ist. Dazu gehören vor allem Bluthochdruck sowie venöse und lymphatische Stauungen. Auch die chronisch-venöse Insuffizienz, hämorrhoidale Beschwerden, Migräne und Kopfschmerzen bessern sich, wenn die Leberregion mitbehandelt wird. Günstig ist es auch, die Leberzone für die Prävention und Rehabilitation nach Herzinfarkten und Schlaganfällen in die komplexe Therapie einzubeziehen (3, 5, 6). Auch bei Allergien und Hautirritationen sind Leberbehandlungen mit Blutegeln hilfreich. Eine Furunkulose kann erstaunlich schnell ausgeheilt werden. Die Hirudotherapie lässt sich gut mit anderen Heilverfahren kombinieren und kann deren Erfolg verstärken.

Vor einer Behandlung sind eine besonders sorgfältige Anamnese und Diagnostik unter Einbeziehung von Gerinnungslaborwerten unbedingt notwendig. Auch die relativen und absoluten Kontraindikationen sind zu berücksichtigen.

Absolute Kontraindikationen für eine Blutegelbehandlung sind:

  • angeborene Bluterkrankheiten
  • medikamentöse Behandlung mit starken Blutgerinnungs-Hemmern
  • schechter Allgemeinzustand
  • akute Infekte
  • anämische Zustände
  • Tumorerkrankungen
  • Behandlung mit Immunsuppressiva
  • Menstruationszeit

Relative Kontraindikationen für eine Blutegelbehandlung sind:

  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Behandlung mit Acetylsalizylsäure in niedrigen Dosen
  • niedriger Blutdruck
  • Allergien (nach einem allergischen Schock)

Nachblutung

Die nach dem Abfallen der Blutegel einsetzende Nachblutung mit gleichzeitigem Lymphabfluss ist ein natürlicher Prozess, der wesentlich zum Heilerfolg beitragen kann. Daher wird diese Blutung nur in sehr seltenen Fällen gestillt. Die Dauer und Intensität der Nachblutung hängen vor allem von der Konstitution des Patienten, der behandelten Körperregion sowie der Anzahl und Qualität der angesetzten Blutegel ab. In den allermeisten Fällen hört die Nachblutung innerhalb von 12 Stunden auf. Der Therapeut sollte generell nach der Behandlung für die Patienten erreichbar sein. Die Bissstellen dürfen nicht aufgekratzt werden, um die Heilung nicht durch eingetragene Keime zu gefährden. An schlecht durchbluteten Stellen und vor allem bei älteren Patienten können sich kleine Ekchymosen bilden. Die Bisswunden bleiben meist noch einige Tage, manchmal auch zwei bis drei Wochen, deutlich sichtbar. Glücklicherweise verschwinden die Narben im Gesicht sehr schnell, was für die Patienten beruhigend ist.

Ablauf einer Blutegelbehandlung

Da es sich um eine invasive Behandlungsmethode handelt, sind eine gute Vorbereitung der Patienten und eine qualifizierte Nachsorge wichtig (7). Die erste Behandlung der Leberzone dauert oft besonders lange, nicht selten 3 Stunden. Weitere Sitzungen sind meist kürzer, da die vorhergehenden Behandlungen das Terrain schon entstaut haben. Auch die Nachblutung ist weniger ergiebig. Vor der Anwendung werden die Egel kurz in klarem Wasser gebadet, um die Keimdichte auf ihrer Haut zu senken. Am Tag der Behandlung wird dem Patienten Ruhe verordnet.

In der Blutegeltherapie gibt es keine feststehenden Behandlungsrezepte. Die Anzahl der verwendeten Egel und ihre Größe werden für jeden Patienten individuell bestimmt. Auch die Anzahl der nötigen Sitzungen sowie die Zeit bis zur nächsten Sitzung werden je nach Reaktion auf die erste Behandlung geplant. In seltenen akuten Fällen wird sehr intensiv in kurzer Zeit therapiert. Meist handelt es sich jedoch um chronische Erkrankungen, die besser mit wenigen Egeln und in größeren Abständen behandelt werden sollten.

Die Auswahl der Behandlungszonen ist ebenfalls individuell und richtet sich nach dem Gesamtbefinden des Patienten. Bei akuten Zuständen steht die schnelle Linderung der Beschwerden im Vordergrund. Es wird zunächst in der Zone behandelt, die eine schnelle Besserung verspricht. Danach kann sich eine systemische Behandlung anschließen.

Eine Gallenblasenentzündung oder Gallensteinkolik werden lokal in der Leber-Gallen-Zone behandelt. Das gleiche trifft auf Hämorrhoiden zu. Hier werden die Egel ebenfalls zuerst in die betroffene Region gesetzt (s. Abb. 3).

Abb. 3: Hämorrhoiden-BehandlungMagdalene Westendorff
Abb. 3: Hämorrhoiden-Behandlung
Abb. 4: Schema Grundumstimmungsprogramm (8)Jimena Catalina Gayo / shutterstock.com
Abb. 4: Schema Grundumstimmungsprogramm (8)

Insgesamt ist es für die Entstauung und Entlastung der Leber und damit des gesamten Kreislaufs und des Lymphsystems wesentlich effektiver, mehrere Körperzonen nacheinander zu behandeln. Dabei geht man von den anatomischen und funktionellen Gegebenheiten aus, um eine effektive Entlastung des Gesamtkreislaufs zu erreichen. Außerdem können die Reflexzonen am Rücken behandelt werden. Sie liegen für die Leber und Galle in der Gegend des rechten Schulterblattes. Dort findet man nicht selten druckdolente Gelosen, die sich für eine Blutegeltherapie hervorragend eignen.

Behandlungsablauf

Ansatzzone

Anzahl der Egel

Therapieintervall

1. Sitzung

Sakralzone

3–6

2–7 Tage

2. Sitzung

Leberzone / Nabel

4–6

2–7 Tage

3. Sitzung

Nackenzone

4–6

2–7 Tage

4. Sitzung

Nierenzone

4–6

2–7 Tage

Fazit

Die Aderlass-Effekte und die Speichelstoffe wirken direkt dort, wo sie gebraucht werden. Das Ansetzen der Blutegel in funktionell oder reflektorisch mit der Leber verbundenen Körperzonen bewirkt eine weitere Entlastung des gesamten Kreislaufs und Stoffwechsels.

Literatur

  1. Baskova IP. 2015. Wissenschaftliche Grundlagen der Hirudotherapie. Die humorale Komponente. Moskau (Russ.), Eigenverlag. ISBN 978-5-8125-2081-6
  2. Lemke S, Vilcinskas A. 2020. European medicinal leeches- new roles in modern medicine. Biomedicines 8(5), 99, 2020; doi: 10.3390/biomedicines8050099
  3. Baskova IP, Iskhanjan GS. 2004. Hirudotherapie- Wissenschaft und Praxis. Moskau, (Russ.) finanziert von der Firma ООО НВФ Гируд И.Н., Balakovo ISBN 5-89527-058-1
  4. Sukhov KV 2018. Clinical Hirudotherapy: Practical Guide, 1. Bd, Ottawa, Accent Graphics Communication.
  5. Kamenev OJu, Baranovskij AJu. 2010. Behandlung mit Blutegeln- Theorie und Praxis der Hirudotherapie (Russ.). Sankt Petersburg: Verlag Ves
  6. Kähler Schweizer D, Westendorff M 2019. Die Blutegeltherapie-Wissenswertes für Patienten. 3. Aufl. Kandern: Unimedica im Narayana Verlag
  7. Savinov VA 2008. Komplexe Hirudotherapie. Anleitung für Ärzte (Russ). Moskau: Verlag Medicina
  8. Kähler Schweizer D, Westendorff M. 2013. Hirudotherapie- ein Handbuch der Blutegel-Therapie. Wil/SG: Belisana Verlag