Fachforum
Naturheilpraxis 02/2022

Biofaktoren – Erfahrungen eines Praktikers

Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente erfreuen sich großer Beliebtheit in der Selbstmedikation. Auch in der naturheilkundlichen Praxis haben Biofaktoren einen immer größer werdenden Stellenwert. Richtig eingesetzt können sie einen Beitrag zur Prophylaxe und Heilung leisten.

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Klaus Kisters
Lesezeit: ca. 9 Minuten
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Prof. Dr. med. Klaus Kisters, Chefarzt am St. Anna Hospital in Herne und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren (GfB), kennt sowohl die Praxis als Kliniker, als auch die Studienlage – zum Teil auch aus eigenen Studien. Mit ihm haben wir über die Themen Biofaktorenmangel, Risikofaktoren, Ernährung und den richtigen Einsatz von unter anderem Magnesium und B-Vitaminen gesprochen.

Prof. Kisters, können Sie unseren Lesern zu Beginn vielleicht einige allgemeine Informationen zum Thema Biofaktoren geben?

Gerne. Biofaktoren wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente üben vielfältige Funktionen in unserem Organismus aus. Sie steuern beispielsweise zahlreiche Stoffwechselvorgänge, kommen in Enzymen wie Katalasen, Peroxidasen, der Natrium-Kalium-ATPase oder Methionin-Synthase vor. Außerdem sind Biofaktoren Teil komplexer Systeme im Körper. Beispiele wären hier die Blutbildung unter Beteiligung von Eisen, Vitamin B12 und Folsäure, das Zusammenwirken von Kalzium, Magnesium und Vitamin D3 im Knochenstoffwechsel oder die Vitamine B1 und B12 im Bereich von Nervenfunktionen. Denken wir auch an Biofaktoren mit antioxidativen Eigenschaften, also die sogenannten Radikalfänger Zink, Selen und die Vitamine A, C und E.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente sind essenzielle Substanzen. Sie müssen von außen, also über unsere Nahrung oder – falls es zu einem Mangel kommt – über Supplemente, zugeführt werden. Der Körper kann sie nicht oder zumindest nicht in ausreichender Menge selbst herstellen.

Warum ist es für manche Menschen so schwierig, allein über die Ernährung ausreichende Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen aufzunehmen?

Hier sind tatsächlich einige Gründe zu nennen. Grundsätzlich kann jede Form einseitiger Ernährung über einen längeren Zeitraum zu einem Biofaktorenmangel führen. Ein klassisches Beispiel sind häufige und einseitige Diäten, die auf einen Teil der Nährstoffe verzichten, seien es Kohlenhydrate, Eiweiße oder Fette. Vegetarische und vegane Ernährungsformen erhöhen ebenfalls das Risiko für ein Biofaktorendefizit. Beispielsweise ist Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln schlechter bioverfügbar als aus tierischen Quellen. Eine adäquate Kalzium-, Zink- oder Vitamin-B12-Versorgung allein durch pflanzliche Lebensmittel ist ebenfalls schwierig zu erreichen. Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich leidet nicht jeder Veganer automatisch an einem Mangel der genannten Stoffe, aber es erfordert doch schon ein umfassendes Wissen, mit welchen Lebensmitteln der Bedarf aller Biofaktoren gedeckt werden kann.

Nicht zu vergessen: Qualität und Verarbeitung unserer Lebensmittel. Industriell hergestellte Lebensmittel oder lange bzw. falsche Lagerungs- sowie Zubereitungszeiten können zu teilweise erheblichen Verlusten an Inhaltsstoffen führen. Vitamin C beispielsweise ist äußerst empfindlich. Der Biofaktor ist wasserlöslich, hitzelabil und lichtempfindlich, wodurch es beim falschen Lagern und Verarbeiten der Lebensmittel zu Vitamin-C-Verlusten von bis zu 50 % kommen kann. Zudem können Genussmittel wie Alkohol oder Rauchen die Aufnahme oder Wirksamkeit der Biofaktoren stören. Wiederum als Beispiel Vitamin C: Durch Rauchen ist die Vitamin-C-Aufnahme über den Darm gestört und zudem werden freie Radikale im Blut freigesetzt, was den oxidativen Stress erhöht. Daher haben Raucher einen rund 40 % höheren Vitamin-C-Bedarf als Nichtraucher. Alkohol- und Nikotinabusus hemmen aber auch die Aufnahme anderer Biofaktoren.

Übrigens können Inhaltsstoffe von Lebensmitteln ebenfalls die Resorption von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen beeinflussen. Nehmen wir zunächst ein positives Beispiel: Vitamin C durch das klassische Glas Orangensaft erhöht die Eisenresorption. Aber es gibt auch negative Einflüsse: Hier denke ich beispielsweise an die Abhängigkeit der Zinkversorgung vom Phytatgehalt der Nahrung. Eine hohe Phytatzufuhr über Vollkornprodukte oder Hülsenfrüchte kann die Bioverfügbarkeit von Zink um bis zu 45 % reduzieren Aus diesem Grund hat auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 2019 den Zinkbedarf in Relation zum Phytatgehalt der Nahrung gesetzt und unterschiedliche Tageszufuhrempfehlungen für den Biofaktor festgelegt. Auch die Bioverfügbarkeit des Nicht-Hämeisens, also des Eisens aus Lebensmitteln pflanzlicher Herkunft, kann durch Phytinsäure, aber auch Polyphenole, Oxalate, Phosphate und Ballaststoffe gehemmt werden.

Neben dem Aspekt der Ernährung – an welche Risikogruppen für die Entwicklung eines Biofaktorendefizits sollten Therapeuten noch denken?

Gut, dass Sie dieses Thema ansprechen. Auch hier gilt es in der Betreuung unserer Patienten einiges zu berücksichtigen. Zunächst einmal kennen wir Lebensphasen, die den Biofaktorenbedarf über einen definierten Zeitraum erhöhen. Kinder und Jugendliche im Wachstum, Frauen in Schwangerschaft und Stillzeit, Leistungssportler oder chronisch gestresste Menschen zählen dazu. Vor und während der Schwangerschaft erhöht sich der Bedarf zahlreicher Biofaktoren wie Eisen, Jod, Zink und Magnesium, sowie den Vitaminen B12 und D3 und Folsäure. Leistungssport und starkes Schwitzen führen zu einer erhöhten Ausscheidung zahlreicher Biofaktoren. Die berühmten nächtlichen Wadenkrämpfe durch erhöhte Magnesiumverluste sind nur ein kleiner Aspekt; auch an Zink oder Eisen ist zu denken. Eisen wird zudem für eine optimale Funktion und Regeneration der Muskeln benötigt – Stichwort Myoglobin.

Auf ihren Biofaktorenstatus achten sollten auch Patienten mit chronischen Resorptionsstörungen im Magen-Darm-Trakt sowie chronisch kranke Menschen. Kardiologische Krankheiten wie Herzinsuffizienz oder Hypertonie, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz, Polyneuropathie und Parkinson sowie Osteoporose oder Depressionen beispielsweise können neben anderen Ursachen auch mit einem Defizit an Vitaminen und Mineralstoffen in Zusammenhang stehen.

Ganz besonders hervorheben möchte ich die älteren Menschen unter unseren Patienten. Wenn bei Senioren körperliche und mentale Leistungsfähigkeit nachlassen, werden die Beschwerden oft dem sogenannten normalen Alterungsprozess zugeschrieben. Hinter solch vermeintlichen Alterserscheinungen kann sich aber auch ein Defizit an lebenswichtigen Biofaktoren verbergen. Woran liegt das? Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Zunächst einmal sind es gerade Senioren, die häufiger unter den oben genannten chronischen Erkrankungen leiden, oder bei denen aufgrund einer nachlassenden Leistungsfähigkeit des Magen-Darm-Traktes Resorptionsstörungen auftreten.

Viele Senioren ernähren sich zudem mangelhaft oder einseitig, obwohl der Bedarf an Biofaktoren im Alter nicht wesentlich geringer ist als in jüngeren Jahren. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Zufuhr der meisten Vitamine und Mineralstoffe bei älteren Menschen unter den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt. Dieser Zusammenhang konnte in verschiedenen großen Ernährungsstudien eindeutig nachgewiesen werden.

Und auch wenn auf ich diesen Aspekt am Ende zu sprechen komme, ist er nicht weniger wichtig: Die langfristige Einnahme zahlreicher gängiger Arzneimittel kann die Biofaktorenbilanz ebenfalls verschlechtern. Senioren leiden häufig unter Multimorbidität und müssen mehrere Medikamente, mitunter über längere Zeit, einnehmen. Daher ist diese Patientengruppe wiederum besonders gefährdet, in einen sogenannten arzneimittelbedingten Biofaktorenmangel zu geraten.

Auf diesen Aspekt sollten wir ausführlicher zu sprechen kommen. Können Sie uns einige Arzneimittel nennen, die den Status von Biofaktoren negativ beeinflussen?

Hier geht es durchaus um so gängige Arzneimittel wie Antibiotika, Säureblocker oder Diuretika. Nehmen wir als erstes Beispiel die Säureblocker. Trotz Hinweisen auf Nebenwirkungen bei Langzeiteinnahme werden diese Arzneimittel nach wie vor häufig verordnet. Säureblocker hemmen die Aktivität der Belegzellen im Magen. Und diese Belegzellen produzieren Magensäure. Soweit der therapeutische Ansatz: Weniger Magensäure, besserer Magenschutz. Die Belegzellen werden aber auch benötigt, um Vitamin B12 aus dem Nahrungseiweiß zu lösen. Außerdem bilden Belegzellen den für die Vitamin-B12-Aufnahme notwendigen Intrinsic Faktor. Es resultiert ein erhöhtes Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel.

Protonenpumpenhemmer können aber auch die Resorption der Vitamine C, D und Folsäure hemmen, die Magnesiumausscheidung fördern und den Eisen-, Zink- und Kalziumstatus negativ beeinflussen.

Nächstes Beispiel: Aminoglykosid-Antibiotika, Tetrazykline, Cotrimoxazol, Penicillin und Rifampicin können ebenfalls einen Magnesiummangel fördern und den Kalium- und Kalziumstatus negativ beeinflussen. Bei der Therapie mit Tetrazyklinen kann es zudem zur verstärkten Vitamin-C-Ausscheidung und verminderten Resorption von Zink und Eisen kommen.

Oder nehmen wir die Substanzklasse der häufig verordneten Diuretika. Diuretika bewirken bekanntermaßen über unterschiedliche Mechanismen eine verstärkte Ausscheidung von Wasser. Das ist das Therapieziel. Parallel werden aber auch Elektrolyte und wasserlösliche Vitamine verstärkt über die Niere ausgeschieden. Das ist die negative Auswirkung auf den Biofaktorenstatus.

Kommen wir zu einem weiteren Aspekt. Die Dosierungsempfehlungen im Bereich der Biofaktoren sind häufig unterschiedlich. Woran liegt das?

Dosierungsempfehlungen zur Behebung eines Mangels werden hauptsächlich von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung definiert. Diese Empfehlungen unterscheiden sich in ihrer Höhe tatsächlich mitunter von Dosierungen, um pharmakologische Effekte auszunutzen. Solche pharmakologischen Effekte konnten durch Studien nachgewiesen werden und treten nicht selten bei höheren Tagesdosen als von der DGE empfohlen auf. Nehmen wir das Beispiel Zink: Die DGE empfiehlt zur Behebung eines Zinkmangels je nach Geschlecht und Alter maximal 16 mg Zink pro Tag. Zur Prävention und Therapie von Erkältungs- und Infektionskrankheiten waren in Studien Tagesdosen von etwa 40 bis maximal 75 mg über einen definierten Zeitraum wirksam. Der Magnesiumbedarf im Bereich Hypertonie und Herzerkrankungen, übrigens ein Thema, in dem ich selbst einige interessante Untersuchungen durchgeführt habe, liegt mit Tagesdosen von 600 mg oder mehr deutlich höher als die DGE-Empfehlung von maximal 350 mg.

Magnesium wird häufig in Selbstmedikation eingenommen, auch über viele Jahre hinweg. Darum die Frage: Kann sich dies auch negativ auf das Herz auswirken, vor allem wenn nicht auf den Kalium- oder Kalziumstatus geachtet wird?

Eine interessante Frage. Grundsätzlich lehnen wir als Gesellschaft für Biofaktoren eine Selbstmedikation im Bereich ernster Erkrankungen ab – und da zählen Herzerkrankungen ja eindeutig dazu. Und Sie haben natürlich recht. Auch Kalium ist für eine gesunde Herzfunktion und Blutdruckregulation wichtig. Für die Blutdruckregulation ist zudem eine ausgeglichene Balance zwischen den Elektrolyten Natrium und Kalium entscheidend. Und da die Na+/K+-ATPase magnesiumabhängig ist, kann Kalium nur in Anwesenheit von Magnesium aufgenommen werden. Unter Magnesiummangel kann der Körper Kalium daher nur ungenügend in die Zellen aufnehmen, wodurch sich das kardiale Risiko zusätzlich erhöht. Also: keine negative Auswirkung von Magnesium auf das Herz, aber eine Berücksichtigung aller wichtigen Elektrolyte ist entscheidend.

Die Wechselwirkungen zwischen Magnesium und Kalzium spielen hinsichtlich der Supplementierung physiologisch keine Rolle, sondern finden intrazellulär statt. Untersuchungen konnten auch zeigen, dass Magnesium und Kalzium gleichzeitig aus dem Darm aufgenommen werden können. Für das Herz ist vielmehr ein anderes Zusammenspiel zwischen beiden Biofaktoren wichtig: Magnesium fungiert als physiologischer Kalzium-Antagonist und kann so eine natürliche Alternative zu den klassischen Kalzium-Antagonisten sein. Ein Magnesiumdefizit erhöht die neuromuskuläre Erregbarkeit aufgrund des verstärkten Kalziumeinstroms an der Zellmembran, was für den erhöhten Gefäßtonus bei Hypertonikern verantwortlich ist. Magnesium kann, übrigens auch bei normaler extrazellulärer Magnesiumkonzentration, zu einer Senkung des Blutdrucks über Erniedrigung der intrazellulären Kalziumkonzentration beitragen.

Die letzte Frage bezieht sich auf die Vitamine des B-Komplexes. Sollten B-Vitamine besser einzeln oder als Komplex aufgenommen werden?

B-Vitamine haben unterschiedliche chemische und pharmakologische Eigenschaften und sind keine einheitliche Klasse. Die Forschung der letzten Jahre hat dennoch gezeigt, dass einzelne B-Vitamine durchaus untereinander ein metabolisches Netzwerk bilden. Denken wir beispielsweise an den Homocystein-Stoffwechsel, in den die Vitamine B6 und B12 sowie Folsäure involviert sind. Zudem sind die drei Vitamine direkt an der Energieerzeugung, Aminosäuresynthese und RNA-/DNA-Synthese beteiligt.

Nehmen wir als anderes Beispiel die Schwangerschaft: Schwangere benötigen bereits präkonzeptionell hochdosiert Folsäure, aber auch Vitamin B12.

Im Bereich Haut und Haare hingegen liegt das Augenmerk mehr auf Biotin und Pantothensäure, aber auch Folsäure, das die Zellteilung der Kopfhaare fördert. Bitte auch an Zink oder Eisen denken.

Ein Mangel einzelner B-Vitamine kann zudem durch Arzneimittel entstehen. Das orale Antidiabetikum Metformin beispielsweise beeinflusst nicht nur den Glukose-Stoffwechsel, sondern auch den Vitamin-B12-Status. Metformin erhöht bei Langzeiteinnahme das Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel, da es die intestinale Resorption des Biofaktors behindert. Bei Diuretika hingegen sind, wie eingangs erwähnt, alle wasserlöslichen Vitamine und somit auch alle B-Vitamine betroffen.

Was ich damit sagen möchte: Auch wenn es Vitamin-B-„Komplex“ heißt und auch wenn einzelne B-Vitamine gemeinsame Aufgaben im Organismus erfüllen, sollte der Vitamin-B-Komplex dennoch nicht pauschal supplementiert werden, sondern indikationsgebunden und nach Risikogruppen und Risikofaktoren. Die Gesellschaft für Biofaktoren plädiert nicht nur bei den B-Vitaminen, sondern generell, für die gezielte Einnahme einzelner Biofaktoren, individuell auf den Patienten und seine Symptomatik zugeschnitten.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Professor Kisters.

Das Gespräch führte Andreas Beutel.

Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern.

Weitere Informationen auf www.gf-biofaktoren.de oder in dem Review:

Frank J, Kisters K, Stirban OA et al.: The role of biofactors in the prevention and treatment of age-related diseases. Biofactors 2021, 47: 522-550, IF 6.113

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 02/2022

Erschienen am 01. Februar 2022