Schwerpunkt
Naturheilpraxis 04/2022

Bei Neurodermitis an den Biofaktorenstatus denken

Können Biofaktoren wie Zink, Vitamin C und Vitamin D3 in der Behandlung einer Neurodermitis von Nutzen sein? Dieser Beitrag fasst die momentane Studienlage zusammen und gibt Behandlungstipps für die Praxis.

Ein Beitrag von Daniela Birkelbach
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Lightspring / shutterstock.com

Der Patient leidet unter Juckreiz? Seine Haut ist trocken, schuppig und gerötet? Die Beschwerden treten in Schüben auf? Alle diese Beschwerden deuten auf eine Neurodermitis hin – auch als atopisches Ekzem oder atopische Dermatitis bezeichnet. Neurodermitis ist eine chronisch-rezidivierende, entzündliche Hauterkrankung, die meist ganz bestimmte Hautstellen betrifft und mit starkem Juckreiz einhergeht. Die Häufigkeit des Auftretens ist klima- und altersabhängig unterschiedlich ausgeprägt. In Nordeuropa sind bis zu 25 % der Bevölkerung betroffen, während in Südeuropa nur etwa 1 % darunter leidet. In Deutschland zeigen rund 23 % der Babys und Kleinkinder und 3 % der Erwachsenen Neurodermitis-Symptome. Bei Babys zeigt sich eine Neurodermitis in der Regel mit Milchschorf im Gesicht und auf der Kopfhaut sowie mit Ekzemen auf den Außenseiten von Armen und Beinen und im Mundbereich. Während der Pubertät bilden sich die Symptome bei vielen Jugendlichen zurück, bleiben bei manchen Betroffenen aber bis ins Erwachsenenalter bestehen und nehmen mitunter schwerere Verläufe an. Betroffene Hautareale sind Augen-, Stirn- und Mundbereich, Nacken, Schultern und der obere Brustbereich, Ellenbeugen, Kniekehlen, Handgelenke und Handrücken. Bei manchen Patienten kommt es auch zu Hautverdickung, Knötchen oder Pusteln.

Neurodermitis – Suche nach den Ursachen

Eine genetische Disposition, negative Umwelteinflüsse, eine gestörte Hautbarriere, Trigger wie Allergien, Klima, Ernährung, Stress oder Infektionen sowie Funktionsstörungen der Immunabwehr – auch wenn die medizinischen Ursachen einer Neurodermitis nach wie vor nicht endgültig geklärt sind, spielen alle genannten Faktoren in der Entstehung dieser zum atopischen Formenkreis gehörenden Erkrankung eine wichtige Rolle. Im Hinblick auf den Ernährungsstatus betroffener Patienten wurde zwar der Einfluss von Nahrungsmittelallergien und Eliminationsdiäten auf das Neurodermitis-Geschehen untersucht, ein potenzieller Nutzen von Biofaktoren wie Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen ist in Studien jedoch bisher wenig berücksichtigt worden. 2019 wurde nun eine Metaanalyse an 49 Studien publiziert, die den Einfluss verschiedener Biofaktoren auf Neurodermitis-Symptome prüfte und zu vielversprechenden Ergebnissen kam (1). Laut Autoren der Analyse sollte bei Neurodermitikern auf die Versorgung mit Zink, Vitamin C und Vitamin D3 geachtet werden.

Zink und Haut – was ist bekannt?

Dass der Biofaktor Zink eine wichtige Rolle im Hautstoffwechsel spielt, ist gut dokumentiert:

  • Zink ist über zinkabhängige Transkriptionsfaktoren an der Steuerung der Proteinbiosynthese beteiligt und essenziell für den Stoffwechsel von L-Cystein. Diese Aminosäure hilft bei der Kollagenproduktion und unterstützt Spannkraft und Struktur der Haut.
  • Zink ist für Zellteilungs- und Wachstumsprozesse von zentraler Bedeutung.
  • Zink reguliert den Vitamin-A-Stoffwechsel und beeinflusst Entwicklung und Differenzierung von Haut und Schleimhaut.
  • Die Haut enthält mit ca. 5 % des Körpergehaltes eine große Zinkmenge – vor allem in der Epidermis.
  • Zink ist für die Umwandlungsprozesse der Haut vom Stratum germinativum, der innersten Hautschicht, zum Stratum corneum, der Hautoberfläche, von großer Bedeutung.

Ein Zinkmangel macht sich also vor allem an Geweben mit hoher Zellteilungsrate und intensivem Stoffwechsel – wie es gerade bei der Haut der Fall ist – bemerkbar. Zudem wirkt der Biofaktor antibakteriell und antientzündlich, kann die Wundheilung fördern und das Immunsystem stärken. Umgekehrt kann ein Zinkdefizit den Hautstoffwechsel und die Abwehrfunktionen der Haut stören und die Entwicklung von Entzündungen, Ekzemen, trockener Haut, Schuppen, Wundheilungsstörungen oder Allergien fördern. Ein leichtes Zinkdefizit kann sich symptomatisch bereits mit rauer Haut und gestörter Wundheilung zeigen (2), während sich bei ausgeprägtem Zinkmangel das Risiko für erythematöse Hautaffektionen, nässende Hautstellen und papulöse Läsionen erhöht.

Zinkdefizit kann Neurodermitis verschlimmern

Allein die beschriebenen physiologischen Effekte machen Zink als Therapieoption in der Behandlung einer Neurodermitis bereits interessant. Während die Anwendung des Biofaktors in Salbenform bei Hauterkrankungen durchaus bekannt ist, ist allerdings eine orale Zinksupplementation bei Hautbeschwerden noch vergleichsweise selten – auch wenn positive Ergebnisse dokumentiert sind (3).

In der oben genannten Metaanalyse zeigte sich nun, dass Patienten mit atopischer Dermatitis deutlich niedrigere Zink-Konzentrationen in den Erythrozyten aufwiesen, im Vergleich zu Personen mit gesunder Haut. Je geringer der Zinkstatus, desto ausgeprägter waren die Neurodermitis-Symptome – gemessen am SCORAD-Score (4). Der SCORAD-Score (SCORing Atopic Dermatitis) ist ein bereits 1993 entwickeltes klinisches Bewertungssystem, um den Schweregrad eines atopischen Ekzems möglichst objektiv zu bestimmen (5).

Die Autoren der Metaanalyse schlussfolgerten, dass „die negative Beziehung zwischen dem Schweregrad der Erkrankung und dem Zinkspiegel der Erythrozyten auf einen immunpathologischen Zusammenhang zwischen der atopischen Dermatitis-Progression und dem intrazellulären Zinkmetabolismus hindeuten könnte“.

Ebenfalls positive Ergebnisse zeigten sich in einer placebokontrollierten Untersuchung aus Südkorea, auch wenn dort der im Vergleich zu Blutwerten weniger aussagekräftige Zinkgehalt in den Haaren berücksichtigt wurde. Zur Analyse wurden der Schweregradindex der Ekzembewertung (siehe Kasten Ekzembewertung), der transepidermale Wasserverlust (TEWL) und visuelle Analogskalen für Juckreiz und Schlafstörungen herangezogen. Die Wissenschaftler stellten zu Beginn der Studie bei Patienten mit atopischer Dermatitis signifikant niedrigere Zinklevel in den Haaren fest. Nachdem die Personen acht Wochen lang mit Zink supplementiert wurden, nahm nicht nur der Zinkgehalt der Haare zu, es besserten sich auch die Neurodermitis-Beschwerden, gemessen am EASI-Score, TEWL und der visuellen Analogskala für Juckreiz im Vergleich zu unbehandelten Kontrollpersonen (6).

Schweregradindex der Ekzembewertung EASI

Der Ekzem-Bereichs- und Schweregradindex zur Messung des Schweregrads einer atopischen Dermatitis reicht von 0 bis 72 und gilt als eines der wichtigsten Ergebnisinstrumente, die für klinische Studien zur Neurodermitis empfohlen werden.

Zinkmangel nachweisen und Zink supplementieren – Tipps für die Praxis

Der routinemäßige Nachweis eines Zinkmangels auf Basis biochemischer Parameter wird nach wie vor als problematisch bewertet, da bis heute keine validen Biomarker für den Zinkstatus bekannt sind.

Die in der Praxis gemeinhin angewandte Methode ist die Messung des Zinkgehaltes im Serum (Referenzbereich: 9–18 µmol/l bzw. 0,6–1,2 mg/dl) oder Plasma (Referenzbereich: 9–26 µmol/l bzw. 0,6–1,7 mg/dl). Dabei gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass nur ein sehr geringer Teil des Zinkbestandes im Blut zirkuliert und zudem die Konzentration durch Anpassung von Resorption und Ausscheidung über einen weiten Zufuhrbereich konstant gehalten wird. Normale Blutwerte schließen ein Zinkdefizit daher nicht aus und die Messung der Serum- bzw. Plasmaspiegel ergibt keine eindeutigen Ergebnisse. Alternativ möglich, jedoch zeitaufwendig und somit wenig praxistauglich ist die Zinkanalyse im Vollblut, bei der neben dem Serum die Erythrozyten berücksichtigt werden.

Es empfiehlt sich daher bei Verdacht auf einen Zinkmangel bzw. nach Diagnose von Beschwerdebildern, bei denen der Biofaktor einen potenziellen Nutzen zeigt – wie es bei der Neurodermitis der Fall ist – eine probatorische Zinksupplementierung. Durch Besserung der klinischen Symptomatik nach Zinkgabe kann rückwirkend auf einen positiven Zinkeffekt geschlossen werden.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt eine Tageshöchstmenge von Zink in Nahrungsergänzungsmitteln von maximal 6,5 mg. Die therapeutische Zinkzufuhr bei Zinkmangel im Rahmen der Behandlung von Hauterkrankungen wie der Neurodermitis liegt mit 10 bis 50 mg pro Tag deutlich höher und kann über entsprechend zugelassene, nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel gedeckt werden.

Für Säuglinge empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation täglich 5 mg, für Kinder vor dem Eintritt in die Pubertät 10 mg Zink.

Bei Akne-Patienten, insbesondere mit schwer entzündlicher Form, konnten signifikant niedrigere Zinkspiegel gemessen werden. Umgekehrt zeigten sich orale Zinksupplemente zum Ausgleich eines Zinkmangels erfolgreich in der Behandlung einer entzündlichen Akne (7, 8).

Der Biofaktor wirkt antientzündlich, bakteriostatisch und antiandrogen. Ist Zink in ausreichender Menge im Körper vorhanden, wird das Enzym 5-alpha-Reduktase gehemmt, das bei der Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) eine wichtige Rolle spielt. DHT ist an der Talgproduktion beteiligt und fördert dadurch die Entstehung einer entzündlichen Akne. Durch Supplementierung von hochdosiertem Zink kann die DHT-Konzentration reduziert und Hautbeschwerden gebessert werden – wie beispielsweise eine Studie mit 332 Teilnehmern nachweisen konnte: Eine Substitution von täglich 30 mg Zink über 3 Monate reduzierte entzündliche Aknepusteln um bis zu 50 % und zeigte damit vergleichbare Ergebnisse wie die tägliche Gabe von 100 mg des Antibiotikums Minocyclin (9). „Zink wirkte zwar nicht ganz so stark wie Minocyclin, war aber wesentlich verträglicher als die Standardtherapie mit Antibiotika“, bestätigte auch Prof. Hans Georg Classen, Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren (GfB).

Korrelation zwischen Vitamin-C-Defizit und Neurodermitis nachgewiesen

Kommen wir zurück zu der bereits erwähnten Metaanalyse von 2019, bei der auch ein positiver Nutzen von Vitamin C in der Behandlung einer Neurodermitis gezeigt werden konnte.

Die Haut benötigt hohe Konzentrationen an Vitamin C. Der Biofaktor übernimmt im Hautstoffwechsel entscheidende Funktionen, darunter die Bildung der Hautbarriere und des Kollagens in der Dermis, die Fähigkeit, der Hautoxidation entgegenzuwirken und die Signalwege von Zellwachstum und Zelldifferenzierung zu modulieren. Ein Vitamin-C-Mangel kann zu Wundheilungsstörungen führen und die Entwicklung verschiedener Hautkrankheiten, so auch der atopischen Dermatitis, verursachen oder verschlimmern. Hinsichtlich der Dosierungsempfehlungen gibt es bislang wenig Studienmaterial. Als grobe Empfehlungen gelten Vitamin-C-Infusionen bei akuter Symptomatik und zur Prävention eine hochdosierte orale Einnahme (10). Das BfR schätzt das gesundheitliche Risiko bei Verwendung von Vitamin-C-haltigen Supplementen als gering ein; die Aufnahme von bis zu 1 000 mg Vitamin C täglich über einen längeren Zeitraum gilt als gut verträglich (11).

Auch Vitamin D3 bei Patienten mit atopischer Dermatitis hilfreich

Nicht nur in der zitierten Metaanalyse, auch in anderen Studien ist der positive Effekt von Vitamin D3 in der Behandlung einer Neurodermitis gezeigt worden. In einer weiteren Metaanalyse, ebenfalls aus dem Jahre 2019, bei Dermatitis-Patienten versus gesunden Kontrollpersonen ergab sich eine signifikante Verbesserung der Hautsymptome und eine klinisch bedeutsame Verringerung des Schweregrads der atopischen Dermatitis unter Vitamin-D3-Supplementen von täglich 1 500–1 600 IE (12). Der Biofaktor ist an der Steuerung von Entzündungs- und Immunreaktionen in der Haut beteiligt und beeinflusst die Regulation von Cathelicidinen – Peptiden mit direkter antimikrobieller Aktivität sowie Bestandteil der zellulären Immunantwort, die als multifunktionelle Abwehrmoleküle der Haut fungieren. So ist die Cathelicidin-Expression beim atopischen Ekzem verringert, was zu bakteriellen und viralen Superinfektionen der Haut beitragen kann.

Biofaktorenräuber Kortison

Bekanntermaßen wird eine Neurodermitis nach wie vor schulmedizinisch mit oralen Glukokortikoiden behandelt, auch wenn sich Immunsuppressiva wie Cyclosporin A oder Dupilumab immer mehr durchgesetzt haben. Glukokortikoide fördern die Ausscheidung der Biofaktoren Magnesium, Kalium und Zink sowie von Vitamin C. Zudem wird die intestinale Vitamin-C-Resorption gestört. Weiterhin ist bewiesen, dass Glukokortikoide das Risiko für Osteoporose und Frakturen erhöhen, indem sie die Anzahl an Osteoblasten reduzieren und die intestinale Kalziumresorption hemmen. Aufgrund des daraus resultierenden Kalziummangels kann es sekundär zum Vitamin-D3-Defizit kommen. Der Wirkstoff Ciclosporin fördert übrigens die Magnesiumausscheidung, was zum entsprechenden Mangel führen kann. Nicht nur bei der hier genannten Pharmakotherapie, sondern generell bei Arzneimitteln, sollte daher daran gedacht werden, dass es zu Biofaktorenverlusten kommen kann.

Fazit: Biofaktorenstatus bei Neurodermitis beachten

Aufgrund der physiologischen Funktionen von Zink, Vitamin C und Vitamin D3 im Hautstoffwechsel und der positiven wissenschaftlichen Nachweise sollte der Ausgleich eines Mangels der genannten Biofaktoren erfolgen bzw. ein Therapieversuch mit entsprechenden Supplementen in der Behandlung einer Neurodermitis einen festen Stellenwert einnehmen.

Ausführliche Informationen zu den hier genannten und weiteren Biofaktoren sowie zu den Bereichen Mangelsymptomatik, Diagnostik und Dosierungsempfehlungen finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für Biofaktoren (www.gf-biofaktoren.de).

Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern.

Literatur

  1. Vaughn AR et al.: Micronutrients in atopic dermatitis: A systematic review. J Altern Complement Med 2019 Jun, 25(6): 567-577
  2. Lansdown AB et al.: Zinc in wound healing: Theoretical, experimental, and clinical aspects. Wound Repair Regen 2007, 15: 2-16
  3. Classen HG et al.: Zink. Das unterschätzte Element. MMP 2020, 43(4): 149-157
  4. Karabacak E et al.: Erythrocyte zinc level in patients with atopic dermatitis and its relation to SCORAD index. Postepy Dermatol Alergol 2016 Okt, 33(5): 349-352
  5. Severity scoring of atopic dermatitis: the SCORAD index. Consensus Report of the European Task Force on Atopic Dermatitis“. Dermatology 1993, 186 (1): 23-31
  6. Kim JE et al.: Hair zinc levels and the efficacy of oral zinc supplementation in patients with atopic dermatitis. Acta Derm Venereol 2014, 94: 558-562
  7. Cervantes J et al.: The role of Zinc in the treatment of acne: A review of the literature. Dematologic Therapy 2018, 31(1)
  8. Brand S: The clinical effects of zinc as a topical or oral agent on the clinical response and pathophysiologic mechanisms of acne: a systematic review of the literature. J Drugs Dermatol 2013, 12(5): 542-545
  9. Dreno B et al.: Multicenter randomized comparative double-blind controlled clinical trial of the safety and efficacy of zinc gluconate versus minocycline hydrochloride in the treatment of inflammatory acne vulgaris. Dermatology 2001, 203(2): 135-140
  10. Weitere Informationen zu Vitamin C, auch zur Labordiagnostik: www.gf-biofaktoren.de
  11. Weißenborn A et al.: Aktualisierte BfR-Höchstmengenempfehlungen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln. Journal of Consumer Protection and Food Safety 2018 March, 13(1): 25-39
  12. Hattangdi-Haridas SR et al.: Vitamin D deficiency and effects of Vitamin D supplementation on disease severity in patients with atopic dermatitis: A systematic review and Meta-Analysis in adults and children. Nährstoffe 2019 Aug 9, 11(8): 1854

Dieser Artikel ist erschienen in

Naturheilpraxis 04/2022

Erschienen am 01. April 2022