Schwerpunkt
Naturheilpraxis 08/2021

Anthrachinondrogen und andere drastische Abführmittel

In früheren Zeiten, vor allem vom 17. bis 19. Jahrhundert, genossen Galenika aus Anthrachinonglykosid-haltigen Pflanzen hohes Ansehen und erfreuten sich bei hartleibigen Personen großer Beliebtheit. An den allerhöchsten stillen Örtchen der königlichen Paläste der englischen Könige und Königinnen war beispielsweise eine Zubereitung aus Sennesfrüchten (Sennae fructus) beliebt, sodass diese sich mit dem Titel "Hüter der königlichen Darmbewegungen" schmücken durften. Doch die Zeiten, in denen die Royals als Trendsetter in medizinischer Hinsicht galten, sind passé.

Ein Beitrag von Bernd Hertling
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Nicht nur in Adelskreisen hat das Ansehen der Anthrachinondrogen ziemlich gelitten. Seit die Purgation, die zum Teil recht drastische Ausleitung über den Darm, nicht mehr ihren festen Platz in der medizinischen Praxis hat, haben Pflanzen mit Anthrachinonglykosiden als Wirkstoffen ihren festen Platz im Therapiespektrum – auch des Heilpraktikers – weitgehend eingebüßt.

Wirkungsweise

Bei den Anthrachinonglykosiden (AGs), handelt es sich um stark wirksame Laxantien, die nur in Ausnahmefällen ihre berechtigte Anwendung in der Naturheilpraxis haben.

Die AGs, die auch als Emodine oder Anthroine bezeichnet werden, haben ihren Ansatz im Colon, wobei sie über einen chemischen Reiz des intramuralen Nervensystems sowohl die Muskeltätigkeit des Darms, als auch die Sekretion der Darmschleimhaut anregen. Die oral eingenommenen AGs passieren den gesamten Verdauungskanal unverändert, bis sie im Dickdarm mithilfe von Escherichia-coli-Bakterienstämmen in Anthranon und Anthranol gespalten werden, sodass sich erst fünf bis acht Stunden nach Einnahme ihre Wirksamkeit voll entfaltet. Durch die hydragoge Wirkung der AGs kommt es zu vermehrter Rückresorption von Wasser und damit auch von Elektrolyten ins Darmlumen, wobei gleichzeitig die Darmschleimhaut zu vermehrter Schleimsekretion angeregt wird. Durch diese Anreicherung der Faeces mit Flüssigkeit nimmt begreiflicherweise ihr Volumen drastisch zu. Der damit verbundene Dehnungsreiz führt nun zu einer Intensivierung der Tätigkeit des neuromuskulären Prinzips in der Darmwand. Dies bewirkt nun vermehrte Kontraktionen der Ringmuskeln der Tunica muscularis, was sich in reflektorischer Motilitätssteigerung ausdrückt. Diese Anregung der Dickdarmperistaltik hält über die physiologisch sinnvolle Enddarmentleerung hinaus an, sodass es zu mehr oder minder durchfallartigen, in jedem Falle breiigen, Stuhlentleerungen kommt. Positiv sei hierbei noch der antiabsorptive Wirkungsaspekt zu erwähnen, was zur Ausleitung von Toxinen wie Ketonen führt, die im Dickdarm resorbiert werden können.