Jonas, ein elfjähriger Schüler, rief selbst in der Praxis an und verlangte dringend einen Behandlungstermin. „Was gibt’s denn so Eiliges? Tut Dir etwas weh?“ „Nö, Herr Doktor, aber Sie wissen schon: Ich lass mir lieber eine halbe Stunde den Kopf krabbeln, als jeden Tag eine Stunde länger für die Hausaufgaben zu brauchen. Jetzt ist es wieder so weit.“ Der junge Pragmatiker erhielt seinen Notfalltermin. Eine wesentliche Mitursache von Konzentrationsstörungen und deren Behandlung steht im Zentrum dieses Beitrags: Propriozeptions- und Konzentrationsstörungen durch kraniomandibuläre Belastungen.

Angesichts der rasanten Zunahme der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung, ADS bzw. ADHS, stellt sich die Frage, ob so viele Kinder und Jugendliche tatsächlich krank sind. Kann es sein, dass in manchen Regionen wirklich jedes vierte Kind Psychopharmaka nehmen muss, um die entsprechende Symptomatik zu bekämpfen?

In ihrer Streitschrift „Warum ADHS keine Krankheit ist“ stellt Amrei Wittwer (1) die Frage, ob Kinder, die den Erwartungen nicht entsprechen und störend auffallen, zu schnell medikamentös behandelt werden. Wer karrierekonforme „Teflonklone“ erwartet, wird viele Kinder als krank oder störend wahrnehmen, die eigentlich nur eine ausgeprägte Individualität aufweisen. Nicht nur naturheilkundliche Behandler sollten einige Faktoren bedenken, die dazu führen können, dass Kinder und Jugendliche konzentrationsgemindert und hyperkinetisch erscheinen.