Die traditionellen Ab- und Ausleitungsverfahren – trockenes und blutiges Schröpfen, kleiner und großer Aderlass, Baunscheidt- und Blutegelbehandlung – sind ein wichtiger Therapiepfeiler der naturheilkundlichen Praxis. Dieser Beitrag beleuchtet die humoralpathologischen Wurzeln und daraus abgeleitet die richtige Anwendung.

Unter Humoralpathologie (griech. humores = Säfte, pathos = Leid, logos = das Wort, die Lehre) versteht man die Lehre von den Leiden, die aus den Säften entstehen. Ihre Wurzeln hat die Säftelehre in den Schriften der antiken Philosophen, wie Thales von Milet, Heraklit von Ephesus, Hippokrates, Aristoteles und Galen. Gerade philosophische Ideen der letzten drei der genannten Größen prägten die Medizin und ihre Betrachtung des Menschen. Die Humoralpathologie war bis in das 16. Jahrhundert die grundlegende Theorie in der Medizin. Auch große Teile der Klostermedizin des Mittelalters hatten hier ihren Ursprung. Erst durch den Geist der Renaissance und durch Erkenntnisse in der Anatomie wurde die Humoralpathologie zunehmend infrage gestellt. Es begann eine Zeit der wissenschaftlichen Analyse, die die funktionelle Denkweise der Säftelehre zurückdrängte. Heute stehen wir vor der Aufgabe, diese alten Vorstellungen und die modernen Erkenntnisse zu vereinen.