Was ich aus der Praxis erzählen möchte? Von einem meiner liebsten und auch häufigsten Themen, nämlich dem Hallux, den kaum einer sieht.

Wenngleich unsichtbar ist er jedoch pathophysiologisch bedeutsam, denn er zieht einen bis zum Kiefergelenk reichenden Rattenschwanz an Spannungssituationen nach sich.

Immer mehr Menschen beklagen sich über einen krallenden 2. Zeh, hässlich sei er und habe am Nagel bereits Verwerfungen, Verdickungen und Hornhaut gebildet. Dieser Umstand blieb trotz aller oft religiös eingehaltener Fußpflege-Termine erhalten.

Es wurde mir klar, dass der 2. Zeh lediglich in Mitleidenschaft gezogen worden war, denn hauptverantwortlich ist der 1.Strahl. Nur sieht er so unschuldig aus, niemand hatte ihn bisher als verformt, schmerzhaft oder hässlich wahrgenommen. Was also war geschehen? Aus meiner Sicht ist der Abrollvorgang ein gut orchestriertes Gesamtphänomen aus Schwung (sind die Hüften frei, um zu schwingen? Können Arme pendeln und ist das Zwerchfell frei? Steht der Kopf in der Achse? Ist der Weg klar, will ich wirklich dorthin oder eher nicht?), Auftritt (Ferse, selten sind die Vorfußgänger zu sehen sowie sehr auffällig mit einem holprigen Ballettgang) und Druckverteilung sowie Muskelarbeit des Fußes selbst. Zeigt nun der 1. Strahl eine eine sehr geringfügige Abweichung aus der Neutralstellung nach lateral, bekommt die beschriebene Symphonie einen störenden Begleitton. Individuell unterschiedlich wird in diesem Fall die Abrollarbeit auf Dig II, III, IV und/oder V verlagert, mit entsprechenden Folgen.

Die Mehrbelastung der schmalen Zehen führt zu einer Vergröberung der Struktur, leicht erkennbar an Dig II mit seinem „Pilzkopf“: das Endglied treibt auf und wird nicht selten um die Hälfte seines ursprünglichen Querdurchmessers breiter. Die vermehrte Abrollarbeit für Dig II in der verdeckten Hallux-Situation führt außerdem dazu, dass er sein Dasein in einer mittleren Flexion fristen muss. Dies kann nach einige Jahren eine gehemmte Streckung des Mittelgelenks zur Folge haben, so dass dies weder aktiv noch passiv möglich ist. Wir haben also am Dig II zwei Veränderungen, die häufiger auffallen und zu Beschwerden führen, als bei Dig I. Darüber hinaus können Dig III-V Achsenabweichungen zeigen, die die Auslenkung von Dig I zu kompensieren suchen. Beide treffen sich ca. 5-8cm vor dem Fuß in der Mitte und beweisen, dass die Zielvorgabe eingehalten werden konnte: der Mensch geht gerade aus, auch wenn der Hallux die Achse verloren hat.

Dies könnte als kosmetisches Probleme abgetan werden, wäre da nicht die anteriore Wadenmuskulatur, die die Zehen ansteuert. Noch nie habe ich einen entspannten M.tibialis anterior in dieser Situation gefunden. Auch der M.extensor digitorum bleibt in Dauerspannung. Beide enden zwar unterhalb des Knies, geben ihre erhöhte Spannung jedoch im Rahmen einer aufsteigenden Kette weiter, das Ende vom Lied ist häufig der verspannte Nacken auf der Gegenseite.

Neben der Versorgung mit einer Podosohle® empfehle ich meinen Patienten bei einer verdeckten Hallux valgus-Situation IMMER die „Bet-Übung“ . Der Vorfuß wird mit der kontralateralen Hand von plantarseitig und der Rückfuß mit der ipsilateralen Hand gegriffen und gemächlich gegeneinander verwrungen. Diese Übung kommt aus der Spiraldynamik und kann innerhalb von 3 Monaten, wenn täglich 3 Minuten beidseits ausgeführt, ganz eindeutige Achsenkorrekturen der Zehen I-V erreichen. „Frau Weisz, gucken Sie mal, ich erkenne meine Füße gar nicht wieder!“ sind stolz und freudig hervorgebrachte Sätze, die noch lange im Ohr klingen.

 

Beitrag aus der podo-posturaltherapeutischen Praxis von Judith Weisz