Die psychische Belastung im Dauerlockdown steigt zunehmend an, während das Wohlbefinden der Menschen in Deutschland stärker zurückgeht als bei den Maßnahmen im Frühjahr. Das ist das Zwischenergebnis regelmäßiger Befragungen für die Studie „Alles anders?“.

Die Studie wird von der Universität des Saarlandes durchgeführt und untersucht seit einem Jahr die psychischen und sozialen Folgen der Pandemie (1). Gut 1 500 Personen beteiligen sich regelmäßig an den bevölkerungsrepräsentativen Befragungen für die Studie. Das Zwischenergebnis zeigt, dass die Lebenszufriedenheit der Menschen deutlich zurückgegangen ist, während Sorgen, Stress und Depressivität gestiegen sind. Das war bereits im ersten Lockdown zu beobachten (wir berichteten), unter den aktuellen, bereits deutlich länger andauernden Beschränkungen leiden das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit der Bevölkerung jedoch noch deutlicher.

Pessimistischere Wahrnehmung der Gesellschaft

Nach den Lockerungen im Frühsommer 2020 war rasch eine Besserung eingetreten und die Lebenszufriedenheit kletterte schnell wieder auf einen Wert, der ungefähr dem Zufriedenheitswert vor der Pandemie entsprach (wir berichteten). Die Studienleiter haben jedoch ihre Zweifel, ob das dieses Mal ebenfalls der Fall sein wird. Denn auch die Wahrnehmung der Gesellschaft als Gemeinschaft habe sich im Vergleich zum ersten Lockdown drastisch verändert: Im vergangenen Jahr hatten die Studienteilnehmer den Eindruck, dass die Gesellschaft stärker zusammenrücke und die Hilfsbereitschaft gestiegen sei. Jetzt schätzen die Teilnehmer das allgemeine Verhalten der Menschen und Gesellschaft hingegen eher als egoistisch und auseinanderdriftend ein.

Die Studie läuft weiter und wird in den kommenden Monaten untersuchen, wie sich Stimmung und Persönlichkeit der Menschen durch die Pandemie langfristig entwickeln. Zudem soll analysiert werden, ob und wie stark sich die Auswirkungen auf verschiedene Personengruppen unterscheiden.

Auch Kinder und Jugendliche stärker psychisch belastet

Auch das aktuelle Zwischenergebnis der COPSY-Studie („Corona und Psyche“) des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE) zeigt, dass dieser zweite Lockdown stärker psychisch belastend wirkt (2). In der COPSY-Studie werden die Folgen der Corona-Pandemie auf die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. Dafür wurden mehr als 1 000 Kinder und Jugendliche und über 1 600 Eltern mittels Online-Fragebogen befragt.

Fast 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen empfinden die Pandemie und die damit einhergehenden Maßnahmen als belastend und schätzen ihre Lebensqualität geringer ein. Bei der ersten Befragung im Frühsommer 2020 waren es nur 70 Prozent und vor der Krise lag der Anteil der Kinder mit reduzierter Lebensqualität bei maximal 30 bis 35 Prozent. Fast jedes dritte Kind zeigt laut den Forschern des UKE mittlerweile Hinweise auf eine psychische Belastung – vor der Pandemie waren es nur rund 20 Prozent. Die Forscher stellen vermehrt Ängste und Sorgen fest, die sich bei Kindern und Jugendlichen vor allem in Form von Kopfweh und Niedergeschlagenheit manifestieren.

Wenig Bewegung

Das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich im Vergleich zum ersten Lockdown ebenfalls deutlich verschlechtert: Doppelt so viele geben mittlerweile an, keinen Sport mehr zu machen und rund 40 Prozent sagen, sie hätten aktuell gar keine Bewegung mehr. Dafür ist die Bildschirmzeit signifikant gestiegen, vor allem vor dem PC und Smartphone verbringen die Kinder und Jugendlichen nun mehr Zeit.

Schlechte Stimmung bei Familie und Freunden

Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien sind besonders betroffen, zeigen häufiger psychische Auffälligkeiten und sehen die Zukunft pessimistischer als solche aus stabilen Verhältnissen mit gutem Familienzusammenhalt. Die Stimmung in Familien ist insgesamt jedoch schlechter geworden. Auch das Verhältnis zu Freunden ist nach Einschätzung von 40 Prozent der Befragten schlechter geworden. [jg]

 

Quellen

  1. ÄrzteZeitung: Alles anders? Umfrage: Psychische Belastung im Lockdown steigt
  2. ÄrzteZeitung: COPSY-Studie – Wie die Corona-Pandemie Kinder psychisch belastet

 

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