Bei chronischen Schmerzen kommen teils Antidepressiva zum Einsatz, obwohl ihr Nutzen nicht erwiesen ist. Eine Metaanalyse hat jetzt gezeigt, dass sie zumindest bei chronischen Rückenschmerzen keinen klinisch relevanten Effekt haben.

Bei chronischen Schmerzen gelten Antidepressiva international als anerkannte Therapieoption. Sie werden von verschiedenen Fachgesellschaften z.B. zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich, bei verschiedenen Formen neuropathischer Schmerzen – inklusive Rückenschmerzen mit radikulärer Symptomatik – und bei Arthrose mit generalisierten Schmerzen empfohlen. Ein klinisch relevanter Nutzen für Schmerzpatienten konnte bisher jedoch nicht bewiesen werden.

Kein klinisch relevanter Effekt

Eine Metaanalyse kommt nun zu dem Schluss, dass Antidepressiva zumindest bei chronischen Rückenschmerzen keinen klinisch relevanten Effekt haben und daher verzichtbar sind. Für Ischiasschmerzen sei zudem die Evidenz zu gering, um daraus eine Therapieempfehlung ableiten zu können. Bei Arthroseschmerzen sei die Wirksamkeit zwar nicht auszuschließen, allerdings sei auch hier die Datenlage zu unsicher, um unbedenklich eine Empfehlung ableiten zu können.

In die Metaanalyse flossen die Daten von insgesamt 5 318 Teilnehmern aus 33 randomisierten kontrollierten Studien ein. Von den eingeschlossenen Studien hatten sich 19 mit der Wirksamkeit von Antidepressiva bei Rückenschmerzen befasst. Sechs Studien hatten die Wirksamkeit bei Ischiasbeschwerden und acht bei Arthroseschmerzen im Knie geprüft. Als Kriterium für klinische Relevanz wurde eine Besserung von Schmerzen und funktionellen Einschränkungen um mindestens 10 Punkte auf einer 100-Punkte-Skala angesetzt.

Die verschiedenen Substanzklassen

Für die Substanzklassen SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), NDRI (Norepinephrin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer) und tetrazyklische Antidepressiva war die Evidenz insgesamt gering bis sehr gering.  Bei chronischen Rückenschmerzen scheint keine dieser Substanzen effektiv zu sein, sie sollten bei dieser Indikation daher nicht verschrieben werden.

Bei SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) zeigte sich bei chronischen Rückenschmerzen über einen Zeitraum von bis zu drei Monaten zwar eine leichte Besserung von Schmerzen und funktionellen Einschränkungen, der Effekt blieb jedoch durchweg unterhalb der Schwelle für klinische Relevanz. Bei Ischias- und Arthroseschmerzen zeichnete sich zwar ein geringer Effekt von SNRI ab – hier war jedoch der Evidenzgrad gering bis sehr gering und es ist gut möglich, dass er ebenfalls unterhalb der Schwelle für klinische Relevanz liegt.

Fazit

Die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten mit Rückenschmerzen von einer Behandlung mit Antidepressiva profieren, ist gering; zugleich ist das Risiko für Nebenwirkungen bei dieser Therapie jedoch hoch. Die Forscher raten daher vom Einsatz von Antidepressiva bei chronischen Rückenschmerzen ab und fordern, Schmerzpatienten entsprechend zu informieren. [jg]

Quelle: Springer Medizin

Originalstudie: Ferreira GE et al.: Efficacy and safety of antidepressants for the treatment of back pain and osteoarthritis: systematic review and meta-analysis. BMJ 2021;372:m4825; doi: 10.1136/bmj.m4825

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