Forscher glauben eine mögliche Ursache des Reizdarm-Syndroms gefunden zu haben. Infolge eines früheren Darminfekts soll eine lokale Immunrektion im Darm der Auslöser von Beschwerden sein.

Mindestens zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sind vom Reizdarm-Syndrom (RDS) betroffen und leiden nach einer Mahlzeit an Symptomen wie Bauchkrämpfen, Durchfall und Blähungen. Ärzte gehen davon aus, dass das RDS unterdiagnostiziert ist und es entsprechend noch mehr Betroffene gibt. Das RDS ist somit zwar recht weit verbreitet, doch die Ursachen sind bisher unklar und der Weg zur Diagnose ist für Betroffene oft langwierig. Klar ist nur, dass der Darm überempfindlich auf die Nahrung reagiert und er durch manche Lebensmittel stärker gereizt wird als durch andere.

Forscher haben nun eine potenzielle Ursache gefunden: Laut einer aktuellen Studie steckt eine Immunreaktion des Darms auf bestimmte Lebensmittel-Antigene dahinter, die einer Allergie ähnelt. Da diese Immunreaktion jedoch nur auf den Dickdarm begrenzt ist, ist sie nicht per Allergietest nachweisbar. Diese Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Lebensmitteln soll demnach ursprünglich durch eine Darminfektion ausgelöst worden sein, bei der diese Lebensmittel zufällig im Darm präsent waren.

Darminfekt als ursprünglicher Auslöser

Anlass für die Studie war die Beobachtung, dass die Reizdarm-Beschwerden vieler Patienten nach einer klassischen Darminfektion begonnen hatten. Das warf die Frage auf, ob diese Infektionen zu einer nachhaltigen Störung der Darm-Immunreaktion führen könnten. Die Forscher stellten die Hypothese auf, dass es für die übersensible Reaktion auf bestimmte Nahrungsreize bei RDS-Patienten tatsächlich eine Rolle spielen könnte, welche Nahrungsmittel sich während eines akuten Darminfekts gerade in deren Verdauungstrakt befanden. Das ließe sich dadurch erklären, dass das Immunsystem während einer akuten Darminfektion auf Angriff gepolt ist und daher nebst den Erregern – versehentlich – auch bestimmte Merkmale der im Darm befindlichen Lebensmittel als „feindlich/bedrohlich“ einstuft und so im lokalen Immungedächtnis hinterlegt.

Prüfung im Tiermodell

Die Forscher überprüften ihre Hypothese zunächst an Mäusen, denen sie während einer akuten Darminfektion das Protein Ovalbumin verabreichten. Dieses in Eiern vorkommende Protein ist ein bekanntes Allergen. Nachdem der Darminfekt abgeklungen war, erhielten die Tiere sowie eine Kontrollgruppe erneut Ovalbumin. Während die Kontrollgruppe das Allergens problemlos verdaute, zeigten einige Mäuse der Verumgruppe typische Reizdarm-Reaktionen wie Durchfall.

Tests ergaben, dass im Dickdarm der betroffenen Mäuse vermehrt IgE-Antikörper gegen das Allergens vorhanden waren. In anderen Teilen des Verdauungstrakts kamen diese Antikörper jedoch nicht vor. Zusätzlich zeigte sich nur im Darm der Tiere eine erhöhte Aktivität von Mastzellen, die Ovalbumin-spezifische Antikörper trugen und allergietypische Botenstoffe freisetzten. Ein weiterer Test bestätigte den Verdacht, dass die Tiere nur eine lokale statt systemische Immunreaktion aufwiesen: Auf eine Injektion von Ovalbumin ins Ohr zeigte keines der Tiere eine allergische Reaktion. In ergänzenden Tests konnte die Immunreaktion bei den Mäusen durch spezielle Mastzell-Hemmer und durch Anti-IgE-Antikörper verhindert werden.

Prüfung an RDS-Patienten

Um die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen zu prüfen, wurden zwölf Reizdarm-Patienten und acht gesunden Kontrollpersonen gezielt einige häufige Lebensmittel-Antigene verabreicht. Geprüft wurden Lösungen von Sojaproteinen, Weizen, Gluten und Milch. Keiner der Probanden hatte eine Allergie gegen diese Lebensmittel. Doch alle zwölf Reizdarm-Patienten zeigten eine Schleimhautreaktion gegen mindestens eines dieser Antigene. In der Kontrollgruppe zeigten nur zwei Personen eine Reaktion. Außerdem konnte bei allen RDS-Patienten eine erhöhte Mastzell-Aktivität im Darm nachgewiesen werden.

RDS als Immunerkrankung

Nach Ansicht der Forscher lassen sich die Erkenntnisse des Tiermodells daher auf den Menschen übertragen. Damit sei das Reizdarm-Syndrom zumindest bei einem Teil der Patienten wohl eine Immunerkrankung. Sie ordnen diese Immunreaktion demselben Spektrum wie Lebensmittel-Allergien zu: Das Reizdarmsyndrom sei das eine Ende des Spektrums, bei dem es nur eine sehr lokale Reaktion auf ein Lebensmittel-Allergen gebe – am anderen Ende des Spektrums stehe die Lebensmittel-Allergie mit einer generalisierten Immunreaktion.

Neue Therapiechancen

Die gewonnenen Erkenntnisse würden darauf hindeuten, dass eine Darminfektion die normale Toleranz gegenüber Lebensmittel-Antigenen durchbrechen könne. Wenn die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit durch weitere Studien bestätigt werden, würde das neue Therapiechancen für das bisher nicht heilbare Reizdarm-Syndrom eröffnen. Beispielsweise könnte die Aktivierung der Mastzellen blockiert werden. Inzwischen hat eine große klinische Studie zur Therapie mit Antihistaminika bei Reizdarm-Patienten begonnen. [jg]

Quelle: Scinexx

Originalstudie: Aguilera-Lizarraga J, Florens MV, Viola MF et al.: Local immune response to food antigens drives meal-induced abdominal pain. Nature (2021). Doi: 10.1038/s41586-020-03118-2

 

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