In vielen westlichen Ländern steigt die Inzidenz chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED) seit einigen Jahren deutlich an. Ein Risikofaktor für die Entwicklung solcher Erkrankungen könnte die häufige Einnahme von Antibiotika sein.

Bei Kindern gibt es schon länger Hinweise darauf, dass Antibiotika das Darmmikrobiom empfindlich stören und so chronische Entzündungen triggern. Dies scheint auch für Erwachsene zu gelten, häufige Antibiotikaeinnahmen begünstigen bei ihnen wohl die Entstehung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED). Das gilt insbesondere für die Einnahme von Breitspektrumantibiotika. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, für die ein schwedisches Register mit knapp 24 000 Patienten ausgewertet wurde. Die Patienten waren alle über 16 Jahre alt und hatten zwischen 2007 und 2016 eine CED entwickelt. Bei der Diagnose waren Morbus-Crohn-Patienten im Schnitt 31 Jahre alt, Colitis-ulcerosa-Patienten 36 Jahre. Diese Patienten wurden prospektiv einer nach Alter, Geschlecht, Region und Kalenderjahr angepassten Kohorte aus der Allgemeinbevölkerung gegenübergestellt.

Nach Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren zeichnete sich eine deutliche Assoziation zwischen der Zahl der in der Vergangenheit ausgestellten Antibiotikarezepte und der Entwicklung einer CED ab: Die Wahrscheinlichkeit eine CED zu entwickeln, war bei Teilnehmern, die antibiotisch behandelt wurden, gegenüber denjenigen, die nie eine entsprechende Verschreibung erhalten hatten, um 88 % erhöht. Das Risiko, eine CED zu entwickeln, stieg mit der Zahl der Antibiotikaverschreibungen. Bei einer Verschreibung war das Risiko gegenüber Teilnehmern ohne Antibiotikaverordnung um 11 % erhöht, bei zwei Verordnungen um 38 % und ab drei Verordnungen um 55 %. Das adjustierte Chancenverhältnis (aOR) für das Auftreten eines M. Crohn betrug 2,27, das für eine Colitis ulcerosa 1,74. Selbst wenn Geschwister verglichen wurden, bei denen die Ausgangsbedingungen wie Umfeld und genetische Ausstattung ähnlich waren, blieb der Einfluss der Antibiotikatherapien auf das CED-Risiko signifikant (aOR 1,35).

Da es sich um eine Kohortenstudie mit auf Schweden beschränkten Daten handelt und nur die Verschreibung, nicht aber die tatsächliche Einnahme von Antibiotika berücksichtigt werden konnte, ist die Aussagekraft der Studie eingeschränkt. Mikrobiomforscher halten diesen Zusammenhang jedoch für Wahrscheinlich. Schließlich töten – insbesondere Breitspektrumantibiotika – auch etliche im Darm heimische, gesundheitsförderliche Bakterien ab. Dadurch werden ökologische Nischen für andere Erreger frei, beispielsweise für Candida albicans. Dieser Pilz wird als einer der auslösenden Faktoren für CED diskutiert. (jg)

Quelle: ÄrzteZeitung