Hormone

Das limbische System

Der Chef der Hormone

Ein Beitrag von Anita Kraut

Wenig schmeichelhaft wird das limbische System auch als „Reptilienhirn“ bezeichnet. Es umfasst unsere ältesten Gehirnregionen, und man findet sie bereits bei Reptilien – daher die Bezeichnung. Das heutige limbische System der Säugetiere ist dem des Menschen ähnlich.


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Wenig schmeichelhaft wird das limbische System auch als „Reptilienhirn“ bezeichnet. Es umfasst unsere ältesten Gehirnregionen, und man findet sie bereits bei Reptilien – daher die Bezeichnung. Das heutige limbische System der Säugetiere ist dem des Menschen ähnlich.
Was Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, ist der Neocortex, die Großhirnrinde, die es uns ermöglicht hat, uns bis zum jetzigen Stand zu entwickeln – und wohl auch noch weiter. Inwieweit dies für uns und unsere Umwelt von Vorteil ist, sei einmal dahingestellt. Unsere Großhirnrinde hat sich im Laufe der Evolution des Menschen nahezu verdreifacht. Die letzten 100 000 Jahre jedoch ist die Entwicklung stehen geblieben. Zum einen, weil der Geburtsvorgang keine größeren Köpfe mehr zulässt, zum anderen, weil wohl noch genügend ungenutzte Kapazitäten in der Großhirnrinde schlummern. Das limbische System hat diese Entwicklung nicht mitgemacht: Es ist in seiner Größe gleich geblieben.

Die Großhirnrinde fällt bei den alltäglichen, unbemerkten, aber lebensnotwendigen Steuerungen nur wenig ins Gewicht. Das Sagen in diesem Bereich hat das limbische System. Es beeinflusst z. B. ganz wesentlich unser Verhalten, unsere Entwicklung und in die Steuerung der Hormone (siehe unten).

Es gibt immer wieder Streit darüber, welche Hirnregionen zum limbischen System gehören und welche nicht. So gesehen existiert keine klare Grenze. Diese Einteilung ist demnach nicht verbindlich:

Hirnstamm (Reptilienhirn), Hippocampus, Amygdala, Nucleus accumbens, Gyrus cinguli, Thalamus und Hypothalamus.

Die „Instruktionen“ des limbischen Systems hängen von den Außenreizen ab, welche es überprüft und zensiert. Es verarbeitet Emotionen, ist verantwortlich für das Entstehen von Triebverhalten und die Ausschüttung von Endorphinen. Somit reguliert es die soziale Natur der Säugetiere (und des Menschen), das typische Empfinden, die Sorge um den Nachwuchs, Angst, Liebe, Lust, Spieltrieb und das Lernen durch Nachahmen.

Das Kernbestreben des limbischen Systems ist der „genetische Erfolg“. Um diesen zu erreichen, gibt es sogenannte „limbische Instruktionen“: Balance und Sicherheit, Dominanz und Verdrängung (des anderen), Stimulanz/Reiz und Risiko/Lust (nicht sexuell). Da diese Instruktionen unbewusst gesteuert werden, sind sie auch schwer oder gar nicht beeinflussbar. Äußere Reize lösen also die Aufmerksamkeit des limbischen Systems und in Folge Verhaltensreaktionen aus, die sogenannte Limbic Resonance.

Die Reaktionen des limbischen Systems entstehen immer im Verbund und gehen nicht nur von einem einzelnen Anteil aus. Wenn der Hypothalamus als die oberste Steuerzentrale des Hormonsystems bezeichnet wird, so ist dies nicht ganz richtig: Auch die anderen Anteile des limbischen Systems haben ihre Finger im Spiel, wie wir an einigen Beispielen sehen werden.
Der Hirnstamm reguliert die Atmung, den Herzschlag, die Darmtätigkeit, die Nahrungsaufnahme und somit die „Basistätigkeiten“. Aufregender ist es schon im Hippocampus, wo die Gedächtnisbildung stattfindet und wir das Ortsgedächtnis finden. Taxifahrer haben meist ein gutes Ortsgedächtnis, im Tierreich sind das bspw. die Eichhörnchen. Im Hippocampus formt sich auch das „emotionale Gedächtnis“, z. B. nach Traumata. Die starke Verbindung zur Amygdala (siehe dort) erfährt man körperlich, wenn emotionale Reize an unserem „emotionalen Gedächtnis“ rütteln. Wir bekommen Herzjagen und Schweißausbrüche – u. a. eine Adrenalinreaktion, die direkt ausgelöst wird, ohne Umwege über die klassische Hormonsteuerung. Die Amygdala hat zahlreiche Verbindungen zu anderen Gehirnarealen und eben auch zum Hippocampus. Furcht und Angst sind in der Amygdala zu Hause, und da diese Emotionen ­lebenswichtig sind, kann man sie nie gänzlich unterdrücken und auch nicht die damit verbundenen hormonellen Reaktionen. Zum Beispiel ­ermöglicht die bei Bedarf schlagartige Ausschüttung von Adrenalin durch die körperliche Reaktion den Kampf oder die Flucht (siehe unten). Interessanterweise werden Gerüche direkt in der Amygdala verarbeitet, andere Sinneseindrücke wie ­Sehen und ­Hören gelangen erst zum Thalamus. Dies ­beweist, wie wichtig in der Evolution der Geruchssinn war und wie sehr er zum Überleben ­beitrug.

Im Nucleus accumbens wartet das Belohnungssystem auf die entsprechenden Reize, um mit Glücksgefühlen reagieren zu können: Hier finden wir sehr viel Dopamin. Entsprechend ist das Suchtverhalten auch hier zu Hause.
Der Gyrus cinguli verhilft uns zu räumlichem Gedächtnis, sodass wir im Urlaub unser Auto in den kleinen Gassen der Altstadt wiederfinden oder wir einen Weg beschreiben können. Die modernen Navigationsgeräte sind nicht gerade förderlich für diesen Gehirnteil. Die meisten Gehirnteile ließen sich nämlich trainieren.

Ebenfalls im Gyrus cinguli sitzt die Schmerzbewertung, die von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist.

Schließlich sorgt der Thalamus für Aufmerksamkeit und Bewusstsein und leitet alle somatosensorischen, auditorischen und visuellen Reize an die zuständigen Gehirnareale weiter.

Der Hypothalamus reguliert nun bekanntermaßen den Hormonhaushalt an sich, die Körpertemperatur, das Wachstum, den Schlaf-Wach-Rhythmus, die innere Uhr, den Appetit, den Energiehaushalt, die Sättigung, das Körpergewicht und den Sexualtrieb. Und all dies wird durch die anderen Anteile des limbischen Systems mit beeinflusst.

Stress

Stress ist ein in der heutigen Zeit allgegenwärtiges Problem. Somit gelangen zum limbischen System viele „stressige“ Informationen. Das limbische System in seiner Ganzheit ist allerdings nicht in der Lage, unter den einzelnen Stressoren zu unterscheiden. Für das limbische System gibt es nur zwei Arten von „Stress“: Entweder habe ich nichts zu essen, oder es besteht Gefahr von außen. Dies waren über Jahrtausende die einzigen Formen von Stress. Das „Reptilienhirn“ kennt keinen Zeitdruck, um den ICE noch zu erwischen, oder ob das Projekt bis zum Termin abgeschlossen ist. Das limbische System ist in dieser Hinsicht wirklich noch sehr ursprünglich. Was sind also nach den obigen Ausführungen die zu erwartenden hormonellen Impulse?

Für den Fall, dass das limbische System den Stress als „Gefahr von außen“ wertet, wird es den Körper (hormonell) darauf vorbereiten zu kämpfen oder zu fliehen: in diesem Beispiel mit Adrenalin. Adrenalin fördert die Durchblutung der Muskulatur, erhöht Blutdruck und Puls und schärft die Sinne. Wenn ich kämpfe oder fliehe, baut sich das Adrenalin durch diese körperliche Aktion wieder ab. In der heutigen Zeit ist das nicht mehr der Fall. Wenn die „Gefahr von außen“ der wütende Chef ist, so ist es wohl kaum möglich, mit ihm zu kämpfen. Auch einfach davonlaufen würde die Lage auf Dauer wohl eher verschlechtern. Also passiert nichts. Außer dem Adrenalinschub. Und dieses wird nicht abgebaut, weil wir uns ja nur auf dem Drehstuhl vor dem Computer bewegen. Die Wirkung des Adrenalins hält also länger an und verursacht im ungünstigsten Fall Hypertonie, Verdauungsstörungen und Tachykardie.

Die unterstützende Therapie ist in diesem Fall denkbar einfach: körperliche Bewegung, und zwar so zeitnah wie möglich.
Was sollte einen daran hindern, nach dem Stress mit dem Chef einfach zehnmal die Treppe in den Keller zu laufen? Adrenalin abgebaut und dem limbischen System signalisiert: Flucht gelungen. Es klingt so einfach und ist doch so wirkungsvoll!

 

Fertilitätsstörungen

Eine noch viel weitreichendere, tiefere Veränderung erfährt das Hormonsystem im nächsten Beispiel:

Fertilitätsstörungen können ihre Ursachen auch in diesen limbischen Reaktionen haben, vor allem dann, wenn auf der körperlichen Ebene bei beiden Partnern alles in Ordnung scheint. Der Stress, den beide Partner aufbauen, wenn sich keine Schwangerschaft einstellt, wirkt fatalerweise genauso wie jeder andere Stress auf das limbische System, nämlich mit der Feststellung: Nichts zu essen oder Gefahr von außen. Da diese Form von Stress eher schleichend und nicht akut ist, wird die Information wohl eher auf „nichts oder zu wenig zu essen“ hinauslaufen. Und was darf nach Meinung des limbischen Systems unter keinen Umständen eintreten, wenn es „nichts oder zu wenig zu essen“ gibt? Eine Schwangerschaft. Die ersten medizinischen Berichte zu dieser Vermutung wurden leider im Dritten Reich in den Konzentrationslagern niedergeschrieben. Die Frauen dort, unter den extremen Umständen von „Gefahr von außen“ und „nichts oder zu wenig zu essen“, hatten zuerst nur eine seltene und dann gar keine Menstruation mehr und demnach wohl auch keinen Eisprung. Das limbische System verhinderte eine Schwangerschaft in dieser Extremsituation.

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Der schleichende Stress bei Fertilitätsstörungen trifft beide Geschlechter. Beim Mann kann es durch die Erwartungshaltung der Partnerin durchaus zu Potenzstörungen kommen und bei der Frau trotz perfekten Hormonstatus zu keiner Schwangerschaft. Also selbst dann, wenn alles in Ordnung scheint, ist das limbische System anscheinend in der Lage, Einfluss auf die Fruchtbarkeit zu nehmen. Auf welchem Wege, ist noch nicht bekannt.

Es gibt für diese Vermutungen unzählige Geschichten, die man als Beweise ansehen könnte. Kaum ist der Kinderwunsch wirklich zu den Akten gelegt, klappt es von alleine. Oder das adoptierte Kind ist gerade mal einige Monate im Haus – schon bekommt es ein Geschwisterchen.

Gibt es denn eine Möglichkeit, das limbische System in diesem Fall zu überlisten? Ja, die gibt es. Der Weg geht über das Ausschalten der monatlichen „Erfolgs-Erwartung“.

Am besten gelingt das Ausschalten der „Erfolgs-Erwartung“, wenn dem Paar zu Beginn der Therapie gesagt wird: „Diese Therapie wirkt frühestens in fünf bis sechs Monaten.“ Das nimmt den Stress in dieser Zeit von dem Paar. Die Erwartung ist auf null. Und der Einfluss auf das limbische System ebenfalls.

Wenn es aufgrund der Behandlung (auf körperlicher und seelischer Ebene) glücklicherweise zu einer Schwangerschaft kam, dann wurden 7 von 10 Frauen in meiner Praxis innerhalb dieser fünf bis sechs Monate schwanger. Und ich stelle mir oft die Frage, ob das limbische System dafür verantwortlich war oder die ganzheitliche Therapie.

Diese beiden Beispiele gewähren einen kleinen Einblick in die komplexen Zusammenhänge unserer Hormonregulierung. Und sie verhelfen vielleicht zu einem anderen Denken, wenn ein Patient berichtet, dass er bspw. Schilddrüsenhormone einnehmen muss – man weiß, dass dies nur die Peripherie des Hormonsystems betrifft, die Fäden aber ganz woanders zusammenlaufen. 


Verfasserin
Anita Kraut, Heilpraktikerin
Staltannen 6 a
86989 Steingaden
E-Mail: info@anita-kraut.de


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Naturheilpraxis 04/2017